<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Urs Bircher &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/author/urs-bircher/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 13 Jan 2021 08:58:51 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Urs Bircher &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Ist der Page-99-Test bühnentauglich?</title>
		<link>https://tell-review.de/ist-der-page-99-test-buehnentauglich/</link>
					<comments>https://tell-review.de/ist-der-page-99-test-buehnentauglich/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Urs Bircher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Jan 2021 08:58:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=100235</guid>

					<description><![CDATA[Ein Drama ist kein Roman. Weil auf der Bühne mehrere Paralleltexte gleichzeitig ablaufen, greift die Analyse des geschriebenen Texts zu kurz. Eine Replik auf den Page-99-Test zu Friedrich Dürrenmatt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der Page-99-Test ist eine dialogische Form der Literaturkritik, er lebt vom Widerspruch. Deshalb habe ich mich gefreut, als Urs Bircher per Email Einspruch erhob gegen meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/page-99-test-friedrich-duerrenmatt/" target="_blank">Page-99-Test</a> von Friedrich Dürrenmatts <em>Der Besuch der alten Dame</em>.  </p>



<p>Urs und ich haben uns Ende der 1980er Jahre in Zürich kennengelernt, als er Dramaturg am Zürcher Schauspielhaus war. In den vergangenen dreißig Jahren hat er mich immer wieder ins Theater eingeladen. Meist wusste er nach zehn Minuten, wie der Hase laufen wird, ich wiederum habe dabei viel übers Theater gelernt. </p>



<p>Das setzt sich nun fort mit seiner Replik. </p>



<p class="has-text-align-right"><em>Sieglinde Geisel</em></p>





<p>Liebe Sieglinde</p>



<p>Der Page 99 Test mag als Blitzanamnese gute Dienste tun, um in der Flut der Texte mögliche Nuggets zu finden, ohne den gesamten Schlamm filtern zu müssen.</p>



<p>Für Theatertexte taugt er aber m. E. nicht.</p>



<p>Warum?</p>



<p>Der geschriebene Theatertext (Dialog) ist nur ein Text unter mehreren, die simultan auf der Bühne ablaufen, ohne schriftlich fixiert zu sein. Zu solchen ungeschriebenen Paralleltexten gehören z. B. die Situation, der Erregungszustand der Personen, die Bilder, die Partnerbeziehung, die Handlungen, die Stimmung, das Licht und anderes mehr. Diese nicht-schriftlichen Sprachen sind auf der Bühne oft aussagekräftiger als der schriftliche Text, ja sie können diesen sogar entlarven, konterkarieren, in Widersprüche versetzen oder gar der Lüge überführen.</p>



<p>Gute Theatertexte sind vielstimmig, die Stimmen sind oft widersprüchlich und deswegen theatralisch spannungsvoll. Dramen, die analog zur Prosa alles in den Schrifttext packen, wirken auf der Bühne meist schwach. (Deswegen scheint mir Max Frisch ein schwächerer Dramatiker zu sein als Dürrenmatt, der ein Meister höchst widersprüchlicher Texte und Subtexte ist.)</p>



<p>Zwei Beispiele aus Deinem Page-99-Test:</p>



<p>Die Grundsituation ist folgende: Claire Zachanassian ist in ihrer Jugend von ihrem Geliebten Ill im Städtchen Güllen geschwängert und zum Krüppel gefahren worden. In einem getürkten Gerichtsprozess wurde sie als Hure abgestempelt, woraufhin die ‘braven’ Güllener sie aus dem Ort jagten. Nun kehrt sie zurück, alt und steinreich geworden, und will Gerechtigkeit. Sie verspricht jedem Güllener ein Vermögen, wenn Ill umgebracht wird. Diese lukrative Versuchung infiziert nach und nach die Moral der Güllener.</p>



<p>Die Seite 99 skizziert folgende Szene:</p>



<p>Der Lehrer, ein alter Humanist, ist verzweifelt über die Geldgier und wachsende moralische Verkommenheit der Güllener. Er trinkt sich einen Rausch an und will seinen Leuten die Leviten lesen.</p>



<p>Das aber soll er nicht, denn die Presse ist anwesend und die darf auf keinen Fall von Claire Zachanassians lukrativem Mordangebot erfahren. Daher wollen die Güllener verhindern, dass der Lehrer die Wahrheit ausposaunt. Der sturzbetrunkene Lehrer greift in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit (deshalb die vielen Ausrufezeichen) nach hochgestochenen humanistischen Moralphrasen.</p>



<p>Die Szene sagt: Angesichts der Macht des Zachanassianischen Geldes sind Moral und Humanismus nur noch machtlose, leere Phrasen. Die Phraseologie des Lehrers ist gerade deswegen so richtig, weil sie die Ohnmacht von Moral und Humanismus präzise ausdrückt.</p>



<p>Ein weiteres Beispiel: Der Maler empört sich über den Lehrer – „Du willst wohl meine künstlerische Chance zerstören!“ Der verschwurbelte Satz „aus dem Feuilleton“ (so in Deinem Page-99-Test) ist deswegen so präzise, weil er die Verlogenheit des Malers enthüllt. Der will Anerkennung und seinen Anteil an Zachanassians Blutgeld – darf das aber nicht aussprechen.</p>



<p>Lügen haben nicht nur kurze Beine, sie verstecken sich oft auch in Sprachformen der Phrasen und der schiefen Metaphern. (Wir kennen das aus der Politik zur Genüge.) Der Satz des Malers ist deswegen so richtig, weil er so falsch ist.</p>



<p>Bei der Mehrsprachigkeit von Theater ist der Page-99-Test, sofern er nur den geschriebenen Text berücksichtigt, sowenig tauglich wie die Analyse eines mehrstimmigen Musikstücks anhand einer einzigen Stimme.<br><br>Soweit die Meinung (und Erfahrung) eines alten Theaterhasen.<br><br>Herzlich<br>Urs</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/ist-der-page-99-test-buehnentauglich/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">100235</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
