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	<title>Jörg Plath &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Jörg Plath &#8211; tell</title>
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		<title>Glück und Schrecken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Feb 2021 08:00:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Die ungarische Autorin Zsófia Bán wagt avancierte Konstruktionen: Brüche, Montagen und Reflexionen prägen die Erzählungen des Bandes „weiter atmen“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Den Titel von Zsófia Báns Erzählungsband <em>Weiter atmen</em> darf man als ernstgemeinte Aufforderung verstehen, bei aller souveränen Ironie, über die diese Autorin in reichem Maße verfügt. Der Atem stockt einem bei der Lektüre oft und drastisch. </p>



<div style="height:44px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h3 class="wp-block-heading">Atmungsorgan Haut</h3>



<p>Bán lässt Gegensätze und Nichtzusammengehöriges so zusammenprallen, dass sich blitzartig die Erkenntnis eines zuvor verborgenen Zusammenhangs einstellt. Sie kombiniert Flüchtlinge und Kinderlose, Zirkusartisten und Sülze, Ausländerhass und Rock’n-Roll-Seligkeit sowie – in der ersten, programmatischen Erzählung – Frösche und Menschen. Die einen, so heißt es in „Hautatmung“, lebten im Wasser und an Land, die anderen in Vergangenheit und Gegenwart. Beide seien also Amphibien, deren Atmungsorgan Haut nicht mit Fett eingerieben werden sollte, weil sie sonst ersticken: die Tiere an Mangel an Luft, die Menschen an Mangel an Erinnerung und damit Bewusstsein. </p>



<p>Die Haut sei also für beide lebenswichtig. Doch den Menschen, und hier endet die Analogie ein wenig kippelnd, trenne die Haut bzw. der Vorhang zwischen den Zeiten von der Vergangenheit. Daher, so Bán, brauche es Werkzeuge, um wieder an den Punkt zu gelangen, „wo die Zeit, die Erinnerung, die Haut, die Wunde aufreißt und das Herz bricht“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Das emotionale Unterfutter</h3>



<p>Báns Werkzeuge sind ästhetischer Art. In „Die Voyager-Goldplatte“ reist ein Ungar in den besten Jahren sehnsüchtig zu seiner Jugendgeliebten in Rio. Die Brasilianerin hat sich unübersehbar von ihm entfernt, doch ihre geistig behinderte Schwester ermöglicht den Sprung über drei Jahrzehnte hinweg. Als sie den Namen des damals geliebten Hundes sowie zwei ungarische Wörter ausspricht, mit denen sich die drei einst gemeinsam vergnügten, ist das „Gewebe des Nachmittags“ (die Haut der ersten Erzählung) mit einem Mal „aufgeschlitzt“, und heraus quillt das emotionale Unterfutter der verlorenen Zeit: die miteinander verflochtenen Gefühle von Liebe und Zuneigung, Eros, Zärtlichkeit und Fürsorge.</p>



<p>Glück ohne Schrecken wird bei Bán nur Menschen mit Einschränkungen zuteil: Das geistig behinderte Romakind Robika braucht jeden Tag unbedingt ein neues Stück Seife, um darin seine Finger vergraben zu können. Eine Hure freut sich im Krankenzimmer kindisch über ihre eben vergrößerte Brust – vor zwei an Brustkrebs erkrankten Frauen. Eine zackige Kleinbürgerin schaltet allabendlich das Licht ihres gewaltigen Aquariums ein und so die unangenehme Außenwelt vollkommen aus. Sie alle glauben an das „Es-war-so-und-so-Märchen, immer gleich, immer unbeirrbar, mit dem immer gleichen kühlen Ende“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Avancierte Konstruktionen</h3>



<p>Mit solchen Brüchen, Fragmenten und Ungleichzeitigkeiten dürfte die 1957 in Rio de Janeiro geborene Zsófia Bán vertraut sein: Sie ist in Brasilien und Ungarn aufgewachsen und hat einige Jahre in den USA verbracht, heute lebt sie als Anglistik-Professorin und Literaturkritikerin in Budapest. Überzeugend sind ihre Geschichten immer dann, wenn sie an Denkbilder erinnern und zum Denken anregen. Wenn die zentralen Gedanken dagegen allzu deutlich hervortreten wie etwa in der Erzählung über den in jungen Jahren spurlos verschwundenen Arthur Rimbaud, verlieren die Geschichten ihre reizvoll irritierende Doppelgesichtigkeit. </p>



<p>Diese Doppelgesichtigkeit entsteht durch die intellektuelle Freude an erzählerisch avancierten Konstruktionen: mit der Unmittelbarkeit des Beginns, der Schärfe der Zuspitzungen oder der Häufigkeit der Reflektionen, die die Handlung einfrieren. Oft ist es die Montage von zwei Erzählebenen, manchmal der Bezug auf frühe Fotografien, die in unscharfem Schwarzweiß seltsam anmutende Menschen zeigen. All das kommt mit existenzieller Dringlichkeit und Hitchcock-ähnlichem Suspense daher. Zsófia Bán schenkt emotionale wie rationale Intimität, und Terézia Mora hat beides in ein kraftvoll federndes Deutsch übertragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zorn und Trauer über Ungarn</h3>



<p>Der Eindruck einer hochreflektierten Emotionalität ergibt sich auch, weil die Autorin ihren Zorn und ihre Trauer über Ungarn unter Victor Orbán nicht verleugnet. Bereits auf der dritten Seite des Bandes ist die Rede vom „Land, das scheinbar dasselbe ist“ wie früher. Dann kommen Gewalt und Hass gegen Ausländer, Juden, Bettler, Sinti und Roma zur Sprache. Zsófia Bán schildert voller Sympathie und Wehmut Fünfzig- und Sechzigjährige, die auf einem Konzert der Rolling Stones ihre Jugend suchen – und lässt alle Ironie fahren, wenn sich ein ehemaliger Klassenkamerad als Hetzer betätigt. Auch diese Erzählung gehört wegen der vordergründigen politischen Kritik zu den wenigen schwächeren in <em>Weiter atmen</em>. Die meisten sind schlichtweg atemberaubend.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Luca Severin:  <a href="https://unsplash.com/photos/_SrDxeS8_Pw" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Budapest<br></a> via <a href="https://unsplash.com/license">Unsplash</a><br></h6>





<p>Zsófia Bán<br><strong>weiter atmen</strong><br>Erzählungen<br>Aus dem Ungarischen von Térezia Mora<br>Suhrkamp 2020 · 173 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3518429099</p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518429099&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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<p><br></p>
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		<title>Ein postmodernes Epos für Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Jan 2021 09:24:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Galizien]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Exzentrische Figuren, karnevalistisches Erzählen - in „Die Lieblinge der Justiz“ lässt der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch eine quasi-mythologische Vergangenheit seines Landes erstehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Galizien sei ein Geisteszustand, so behauptet der ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle Juri Andruchowytsch im Essayband <em>Das letzte Territorium </em>aus dem Jahr 2003. Der westliche Teil der Ukraine, einst Kronland der k. u. k. Monarchie, sei ein „Transitraum“ voller Ruinen, Fragmente, Zitate. Die Geschichte existiere in diesem „letzten Territorium“ nur als eine Variante der im Übermaß vorhandenen Mythologie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kriminelle aus vier Jahrhunderten</h3>



<p>Tatsächlich liest sich Andruchowytschs Prosa als postmoderne Fortschreibung galizischer Mythologie. Sein jüngster Roman versucht nun gar, den doch tatsächlich, so Andruchowytsch empört, in der Ukraine erhobenen Vorwurf zu entkräften, wonach Galizien nicht einmal über ein Epos verfüge. Mit <em>Die Lieblinge der Justiz</em> besitzt es nun eins. Und was für eins: ein Epos voller Krimineller aus vier Jahrhunderten.</p>



<p><em>Die Lieblinge der Justiz</em> ist laut Untertitel ein „Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln“, die Erzählung springt zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert hin und her. Alle neun Geschichten tragen sich in den Städten Galiziens zu, in Lemberg, Druhobrytsch, Iwano Frankiwsk bzw. Stanislau oder Kolomea (die Schreibweise entspricht der jeweiligen Zeitebene). Die Hauptfiguren sind exzentrisch, meist Kanaillen, Schlagetots, Geschäftemacher und Verräter, und exzentrisch ist auch die Erzählweise.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Schwarzfahrer zum KGB-Agenten</h3>



<p>Denn Andruchowytsch hält es weniger mit der Justiz als mit den Lieblingen. Die nicht selten recht blutigen Kapitalverbrechen erwähnt er eher beiläufig, auch wenn ihnen Prominente wie der österreichische Statthalter in Galizien, Graf Andrzej Potocki, oder der in der Ukraine trotz seiner Kollaboration mit den Nazis hoch angesehene Unabhängigkeitskämpfer Stepan Bandera zum Opfer fallen. Auf fragmentarische Weise erzählt Andruchowytsch eine etwas andere Geschichte der Ukraine.</p>



<p><em>Die Lieblinge der Justiz</em> hebt an mit Samijlo Nemyrytsch, den Andruchowytsch nicht zum ersten Mal ehrt. In diesem Roman ist Nemyrytsch ein „zu früh verdorrter und unglücklich vergessener Spross am Baum unseres nationalen Banditentums“. </p>



<p>Der überaus begabte Mann hätte </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>in Amerika Präsident werden können, in Rom Papst […], in Deutschland Bismarck oder sogar Goebbels. In der Ukraine aber hatte er nur die Wahl zwischen Bandit oder Aufrührer.</p></blockquote>



<p>Solch bedauerliche Alternativlosigkeit, vom Erzähler auf die schmerzlich fehlende Unabhängigkeit der Ukraine zurückgeführt, gilt auch für diejenigen, die Nemyrytsch nachfolgen: Einer bringt es vom Schwarzfahrer zum mordenden KGB-Agenten, ein anderer bestiehlt Klosterbrüder, und ein dritter entgeht der Deportation nach Sibirien nur, weil er alle Freunde verrät.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Turboschwurbeleien</h3>



<p>Ihnen lässt Andruchowytsch nun poetische Gerechtigkeit widerfahren: Nemyrytsch liebt ein zartes Mädchen so sehr, dass er neben vielen anderen auch denjenigen umbringen muss, den die Auserwählte ihm vorzuziehen wagt. Der KGB-Agent entbrennt ebenfalls für eine Frau und flieht mit ihr in den Westen. Der Klosterdieb schließt einen Pakt mit dem Teufel, der den Seelenverkauf mitsamt Befreiung allerdings falsch in seinen Kalender einträgt und daher zu spät am Scheiterhaufen erscheint. Und der Mann, der seinen Kopf aus der Schlinge zieht, indem er die Freunde verrät, wurde zuvor selbst von seiner Ehemaligen verraten. Vorzuwerfen wären diesen liebenden Scheusalen allenfalls übermäßige Gefühle und eine etwas pedantische Pakttreue.</p>



<p>Die ersten Geschichten zeigen Andruchowytsch, wie wir ihn kennen: Brutalitäten kommen in zierlicher Kanzleisprache daher, wie immer funkelnd übersetzt von Sabine Stöhr, und die Handlung schlägt höchst pittoreske Volten, sorgsam begründet durch die aufmerksame Interpretation von vermutlich erfundenen Dokumenten. Einmal mehr lassen Andruchowytschs Turboschwurbeleien noch die abstrusesten Actionfilme Hollywoods alt aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Opfer statt Helden</h3>



<p>Der Autor – ein Karnevalist, der einen Wanderzirkus namens Vagabundo durch alle Geschichten des Bandes ziehen lässt – wird allerdings ernster, je näher die Ereignisse der Gegenwart rücken. Die längste Geschichte handelt vom ukrainischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, es ist ein inszenatorisches Meisterstück und verzichtet auf humoristische Ausweichmanöver. „‚Sansara‘ oder der Aufruhr der Engel“ liest sich wie die aufwändige Recherche eines Historikers, der gut zu erzählen weiß. Er zeigt, dass sich die Nazis und ihre ukrainischen Kollaborateure genauso verhalten wie die zerstrittenen Fraktionen des Widerstands: Einer wie der andere mordet. Die einen wollen mit den Haufen von Toten das Land beherrschen, die anderen den Widerstand anfachen.</p>



<p>Nach und nach wird der Geschichtenreigen <em>Die Lieblinge der Justiz</em> zu einem Buch, das den ukrainischen Heldenmythos zerlegt. Mögen andere Autoren den Identitätsbedürfnissen der jungen Nation willfahren, so etwa Oksana Sabuschko, die in <em>Museum der vergessenen Geheimnisse</em> (2014) Stepan Bandera zum Helden verklärt und über seine Kollaboration mit den Nazis schweigt. Andruchowytsch hält es mit den Opfern der nationalen Idee, Helden besingt er nicht. Schließlich wurde er, so verriet er einmal im Gespräch, angeregt von Borges‘ <em>Universalgeschichte der Niedertracht</em>. Andruchowytschs postmodernes Epos in Geschichtenform verweigert Fülle und Vollständigkeit, am deutlichsten im „halben“ Schlusskapitel aus der Jugend des Erzählers mit autobiografischen Zügen. Halb ist dieses Kapitel unter anderem deshalb, weil eine Leiche darin kopflos ist und bleibt. Auch in anderen Geschichten des Buches fehlt etwas: mal ein Kartoffelpuffer, mal eine Frau – und zuweilen eben der Kopf eines Toten.</p>





<p>Juri Andruchowytsch<br><strong>Die Lieblinge der Justiz</strong><br>Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln<br>Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr<br>Suhrkamp Verlag 2020 · 299 Seiten · 23 Euro<br>ISBN: 978-3518429068</p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518429068&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild von Petar Milošević (via Wikimedia <br> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lizenz: CC BY-SA 3.0</a><br></h6>



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		<title>Eine Terroristin der Selbstbehauptung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Dec 2020 08:25:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Kanada]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Roman „Von Verschlungenen verschlungen“ erzählt Réjean Ducharme von der zerstörerischen Identitätssuche einer Heranwachsenden. Alles an diesem Roman ist radikal - eine Entdeckung der kanadischen Literatur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Als Debüt eines Unbekannten wurde dieses Buch 1966 für den Prix Goncourt vorgeschlagen, in Kanada gilt es als zentrales Werk, doch im deutschsprachigen Raum blieb seine Veröffentlichung in einem kleinen Schweizer Verlag 2012 ohne großes Echo. Nun ist Réjean Ducharmes irrwitziger Roman <em>Von Verschlungenen verschlungen</em> noch einmal erschienen, zum Auftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse. Doch er droht ein weiteres Mal unterzugehen, weil die Präsentation des Gastlandes aufs nächste Jahr verschoben worden ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sich selbst erfinden</h3>



<p>Den vielfach prämierten und hier zu Lande völlig unbekannten Autor und Bildhauer, Jahrgang 1941, hätte dies nicht gestört – bis zu seinem Tod 2017 scheute Réjean Ducharme die Öffentlichkeit. In <em>Von Verschlungenen verschlungen</em> erzählt er auf ungemein radikale Weise von einer Heranwachsenden, die nichts will, als ihre Identität zu finden und darüber alles um sie herum zerstört.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Stolz verlangt, dass man das ist, was man sein will. Wichtig ist, dem Stolz Genüge zu tun, wichtig ist, sich selbst gegenüber nicht das Gesicht zu verlieren, wichtig ist der majestätische Auftritt vor einem Spiegel, wichtig sind die Ehre und die Würde, die aufrechterhalten werden gegen die fremden Mächte, von denen die neugeborene Seele heimgesucht wird. Was zählt, ist, sich für jede selbst ausgeführte Handlung verantwortlich zu wissen und gegen ein Leben zu leben, zu dem uns eine in uns vorgefundene Natur verdammt hat. Man muss sich gleich dem riesigen schwarzen Bewacher der bösen Genien auspeitschen lassen, um nicht einzuschlafen. Wenn es sein muss, werde ich mir, um die Augen offenzuhalten, die Augenlider ausreißen. Ich werde den Boden für jeden meiner Schritte auswählen. Mit dem bisschen Stolz, das ich habe, werde ich mich erfinden.</p></blockquote>



<p>Bérénice Einberg ist eine Ich-Terroristin. Eine Ich-Terroristin mit Pickeln im Gesicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Gebt mir schnell ein Gewehr!“</h3>



<p>Der Roman beginnt mit dem Satz „Alles verschlingt mich“. Bérénice wehrt sich gegen die drohende Auslöschung. Hilfe hat sie nicht zu erwarten. Einsam wächst sie in einer ehemaligen Abtei auf einer Insel im Fluss auf. Die Eltern sind aufs Heftigste miteinander zerstritten und haben die Kinder unter sich aufgeteilt: Die aus Polen stammende Mutter emigriert nach Kanada und zieht den elfjährigen Christian im katholischen Glauben auf, der Vater, ein Armenier, lässt die neunjährige Bérénice in einer Abtei mit jüdischen Riten aufwachsen. </p>



<p>Doch Bérénice lehnt alles ab, was von anderen kommt und von den Eltern erst recht, dafür liebt sie ihren Bruder abgöttisch.</p>



<p>Als sich der pubertierende Christian jedoch einem Mädchen zuwendet, ersetzt sie ihn durch eine ihr ergebene Freundin. Mit ihr verbringt sie, verbannt vom Vater, fünf Jahre in New York, bis die jüdischen Verwandten sie nicht mehr bändigen können. Bérénice kehrt zurück in die Abtei und wandert dann nach Israel aus. Denn dort habe der Sechs-Tage-Krieg die Menschen sich selbst zurückgegeben, so Bérénice, hier könne sie endlich tun, wonach es sie gelüstet: „Gebt mir schnell ein Gewehr!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Flüche von erlesener Qualität</h3>



<p>Bérénice ist ein einzigartiger Wechselbalg aus Hass und Eloquenz. Ihre Sehnsucht nach Liebe, ihr Befremden angesichts der sprießenden Brüste, der Ekel vor der Menstruation und der sexuellen Gier der Gleichaltrigen – all das stattet sie mit einer Biographie aus, aber nicht mit Individualität. Bérénice wird älter, bleibt aber dieselbe. Sie macht keine Erfahrungen, spricht aber schon als Neunjährige so wie nur wenige Dreißigjährige, nämlich von „Alkyonen“, „hieratischen Posen“ und dem „Dimorphismus“. Das „hieroglyphisch“ immerhin ergänzt sie herablassend durch die Übersetzung „oder buchstäblich, meinetwegen“. Nicht zuletzt die zahlreichen Flüche der „rasenden Mänade“ sind von erlesener Qualität, ebenso wie die anarchischen Sprachspiele, von Till Bardoux mit viel Witz übersetzt.</p>



<p>Bérénice ist keine Romanfigur, sondern eine Denkfigur – eine der Identität: eine Kreuzung aus dem radikal gesteigerten Willen zur Selbsterzeugung und dem Willen zur Vernichtung anderer, zur Befreiung vom Ennui und zum Streben in eine ganz andere Welt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Ablehnung von allem</h3>



<p>Bérénice verehrt den Kanadier Émile Nelligan, dessen Gedichte unter dem Einfluss Rimbauds und Baudelaires entstanden – ein diskreter Hinweis auf die literarischen Vorbilder ihrer Haltung. Die philosophische Adelslinie klingt zuweilen im hohen Zarathustra-Ton des Mädchens an: „Bérénice Einberg ist es, die euch das sagt.“</p>



<p>Den in der Literatur sonst gern genommenen Ausweg in die Selbstreferentialität verschmäht Ducharme: Bérénice liest zwar intensiv und stürzt auch die Sprache um, indem sie eine eigene zu entwickeln beginnt. Aber sie wird nicht zur Autorin. </p>



<p>Ducharme lässt Bérénices totale Ablehnung von allem und beinahe jedem nicht einmal – eine andere kulturell weidlich erprobte Ausflucht – in Wahnsinn münden. Sie bleibt mit ihrer überbordenden Suche, die alle Grenzen einreißt zwischen Spiel und Ernst, Naivität und Philosophie, eine Herausforderung, ein freies Radikal. Heutige Kinogänger dürfen sich an Nora Fingscheidts Film <em>Systemsprenger</em> (2019) erinnert fühlen, deren Hauptfigur freilich Kind bleibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Leben im Kopf</h3>



<p>Die Adeptin der Tat ist ein krasser Gegenentwurf zum historischen Vorbild. In Racines Drama <em>Bérénice</em> entsagt die orientalische Prinzessin still-resigniert der Liebe zum römischen Kaiser Titus, weil die Römer sie nicht dulden. Ducharmes Terroristin der Selbstbehauptung gibt nicht klein bei, aber sie kennt auch kein liebendes Gegenüber. Sie ist furchtbar allein und bleibt es auch: Die Liebesobjekte erweisen sich als ihrer unwürdig, oder sie sterben früh.</p>



<p>Jede Annäherung an andere, jede Zustimmung, jede Dankbarkeit erscheint Bérénice als Schwäche und als Verrat an sich selbst. Das Eigene muss sich unterscheiden vom Fremden, und es erträgt die Nähe nicht. „Ich bin die vom Verschlungenen Verschlungene“, sagt sie einmal voller Schrecken, denn das Leben sei in ihrem Kopf und der Kopf im Leben. Das aber wäre das Ende, weshalb schnell eine neue Welt, ein neuer Kopf her muss und von Bérénice unentwegt herbeigeredet wird. </p>



<p>Die radikale Negativität dieser Jeremiaden eines an sich selbst nicht weniger als an der Welt leidenden Menschen sind weit entfernt von den vergleichsweise gesättigt und manieristisch wirkenden Tiraden eines Thomas Bernhard. Für den Roman – immerhin vor über fünfzig Jahren erschienen – nimmt auch ein, dass er die doch sehr überschaubare Ausgangssituation kunstvoll ausreizt bis zum Äußersten und dabei dem Ausbruchswunsch, den nicht nur Bérénice verspürt, sondern vermutlich auch mancher Leser, staunenswert einfallsreich eins ums andere Mal jede Ausflucht verstellt. Réjean Ducharme treibt die Vorstellungen von der Vervollkommnung des Menschengeschlechts zugleich auf die Spitze und durch den Fleischwolf. So brutal und unverbraucht kann die Moderne klingen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild von RETATU (pixabay.com), via <a href="https://www.needpix.com/photo/801096/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">needpix.com</a>, Public Domain</h6>





<p>Réjean Ducharme<br><strong>Von Verschlungenen verschlungen</strong><br>Roman · Aus dem Französischen von Till Bardoux<br>Matthes &amp; Seitz 2020 · 311 Seiten · 15 Euro<br>ISBN: 978-3-75180-102-7<br></p>



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		<title>„TRRR…“, „RAM“, „PAM“ und „HMMM“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 11:48:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn László Krasznahorkai einen Roman in seinem Heimatland Ungarn spielen lässt, öffnen sich Abgründe. „Baron Wenckheims Rückkehr“ ist komisch, derb – und für die Leser eine Herausforderung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Der Ungar László Krasznahorkai, der inzwischen in Berlin
lebt und immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt wird, galt
bisher als einer der letzten Mystiker unter den großen Europäern. Nun feiert er
in seinem neuen Buch ein wüstes Genrespektakel. Eine schlagwütige Rockergang, ein
Arsenal an Schnellfeuergewehren und hochgradig korrupte Beamte konkurrieren in
„Baron Wenckheims Rückkehr“ um den überraschendsten Auftritt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein unschuldiger Seelenfänger</h3>



<p>Der Roman gehört nicht zu Krasznahorkais aufs Transzendente und letzte Fragen zielenden Büchern. In ihnen, die so seltsame Titeln tragen wie <em>Seiobo auf Erden</em>, <em>Der Gefangene von Urga</em> oder <em>Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss</em>, ist das Geschehen in der Ferne angesiedelt: in Spanien, Japan und der Mongolei. Wann immer aber Krasznahorkai in seiner Prosa nach Ungarn zurückkehrt, scheint sich ihm eine einzige Melodie aufzudrängen: der „Satanstango“, so der Titel seines ersten Romans von 1985.</p>



<p>Auch in dem neuen Roman nimmt das Unheil mit einem Seelenfänger seinen Lauf. Nur ist es diesmal ein unschuldiger. Baron Wenckheim ist in den 50er Jahren nach Übersee geflohen – die Rückkehr in seine kleine südostungarische Geburtsstadt löst dort Euphorie aus. Mit liebedienerischer Brutalität reinigt man das Stadtbild von Obdachlosen und Bettlern, verschiebt die Müllberge des kleinen Boulevards in die Nebenstraßen und vertreibt die Waisen aus dem zweckentfremdeten Schloss der Wenckheims. Die Lösung aller Probleme scheint nah, denn dem Baron werden Reichtümer nachgesagt, und dem Bürgermeister steht schon eine stattliche Reihe von Springbrunnen vor Augen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Text eines Toten</h3>



<p>In Wahrheit allerdings ist Wenckheim ein armer Schlucker. In argentinischen Casinos hat er so oft Bankrott erlitten, dass die Familie um ihren Ruf fürchtete und den notorischen Spieler mit einem Handgeld in die Heimat geschickt hat. Ratlos sitzt der gealterte Baron in der Stadt, die er nicht wiedererkennt; gegenüber der Jugendliebe Marika bringt er vor lauter Schüchternheit kein Wort heraus. Marika wiederum glaubt, er habe auch sie nicht wiedererkannt und verlässt gebrochen die Stadt. Der depressive Baron sucht auf Bahngleisen den Freitod, und er findet ihn auch, allerdings in einer bösen Farce. Der Tote hinterlässt einen Text: eine Beschimpfung des „Scheißungarn“ im Allgemeinen und einiger städtischer Honoratioren im Besonderen. Als die Zeilen in der Zeitung erscheinen, beginnen die eben noch aggressiv unterwürfigen Stadtbewohner vor Niedertracht zu schäumen. Dann versinken sie jedoch in Angststarre. Denn plötzlich sind die Straßen voller Tanklastwagen, Kröten fallen vom Himmel, es gibt Tote und Vergewaltigte. Selbst der Polizeidirektor, der die Stadt mit einer gedungenen Rockerbande terrorisiert, verliert im Chaos den Überblick.</p>



<p>Doch diese derb-saftige Geschichte, die sich so gut nacherzählen lässt, ist nicht einmal die halbe Wahrheit über das Buch. Denn es enthält eine zweite Geschichte. Mit ihr beginnt das Buch, doch dann wird sie von Baron Wenckheims Rückkehr, Tod und Fluch nach und nach verdrängt. Diese zweite Geschichte handelt von einem namenlosen Professor, der an die Peripherie von Wenckheims Geburtsstadt geflohen ist. Im „Dornbusch“ hat er sich aus Müll eine Hütte gebaut. Sie wird von seiner unehelichen Tochter sowie einer Meute Journalisten belagert, bis die mit dem Polizeidirektor alliierte Rockerbande alle verjagt. Der Professor erschießt einen der Rocker und flüchtet. Ihm gelingt die Flucht, im Gegensatz zu Wenckheim: Marika, die Jugendliebe des Barons, erkennt den Professor jedenfalls auf einer vermutlich regierungskritischen Demonstration in Budapest. Die beiden scheinen die einzigen Überlebenden des Totentanzes in der namenlosen Kleinstadt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine &#8222;Warnung&#8220; zu Beginn</h3>



<p>Wie diese voneinander unabhängigen Genregeschichten zusammenhängen, deren rhythmische Satzgirlanden Christina Viragh hinreißend übertragen hat, bleibt rätselhaft. Anderes auch: Manche Kapitel tragen Überschriften wie „TRRR…“, „RAM“, „PAM“ oder „HMMM“, und am Ende vermerkt eine als „Notensammlung“ betitelte Aufzählung eine halbe Seite lang „verwendetes, verschwundenes Material“ (darunter: „der Professor“, „Marika“) sowie, auf mehr als acht Seiten, „verwendetes, vernichtetes Material“ (hier geht es unter anderem um die Leichen des Bürgermeisters und der Kleinstädter). Außerdem beginnt das Buch nicht etwa mit der Titelseite und den üblichen Angaben zu Autor, Titel, Gattung, Übersetzerin und Verlag – davor steht vielmehr ein mit „Warnung“ überschriebener Text. Höchst gelangweilt putzt darin „eine Art Impresario“ seine Zuhörer herunter, Musiker offenbar: Er wisse alles, sie hätten in dieser „Produktion“ zu gehorchen. Ein Dirigent? Der Erzähler, vom Autor mit einer deutlichen Hybris ausgestattet? Ein Schöpfergott?</p>



<p>László Krasznahorkai gibt dem Affen mit den beiden gewalttätig-traurigen Geschichten gleich zweimal Zucker, verweigert aber die beruhigende Deutung. <em>Baron Wenckheims Rückkehr </em>ist spannend, humorvoll und derb, dazu ein sprachlicher Genuss und eine Herausforderung. Die Lektüre lässt einen ratlos und fasziniert zugleich zurück.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Reök Palota in Szeged, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Re%C3%B6k5KJ.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>László Krasznahorkai<br><strong>Baron Wenckheims Rückkehrt</strong><br>Roman · Aus dem Ungarischen von Christina Viragh<br>S. Fischer Verlag 2019 · 494 Seiten · 28 Euro<br>ISBN:  978-3-10-002237-0 <br></p>



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Baron Wenckheims Rückkehr&lt;br /&gt;
S. Fischer 2019&lt;br /&gt;
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		<title>Höllensturz und Himmelfahrt</title>
		<link>https://tell-review.de/hoellensturz-und-himmelfahrt/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Feb 2020 07:51:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Bukarest]]></category>
		<category><![CDATA[Rumänien]]></category>
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					<description><![CDATA[Mircea Cărtărescus Roman „Solenoid“ spielt in einem fantastisch aufgeladenen spätsozialistischen Bukarest. Insekten, Menschen und Riesen besiedeln Welten, die sich ineinander verschieben. Dabei verschmelzen Hochkultur und Horror, Mystik und Moderne. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Schwarze Farbe auf dem Buchschnitt schmückt den Roman <em>Solenoid</em> von Mircea Cărtărescu und klebt die 900 Seiten oben und unten zuverlässig zusammen, sie schützend wie ein Tabernakel die nahrhafte Speise. Mehrere hundert Mal muss der Leser die miteinander verklebten Seiten dieses voluminösen Buchs voneinander lösen, mehrere hundert Mal dringt er erst mit dem Finger, dann mit Augen und Verstand ein in eine Welt voller Schönheit und Gefahr. </p>



<p>Lesen als Teilhabe am Ritus – Mircea Cărtărescu, der bekannteste Schriftsteller Rumäniens, dürfte die sinnfällige Gestaltung der deutschen Ausgabe begeistert aufgenommen haben. Denn Cărtărescu, der auf üppig phantasmagorische Weise Fantasy und Insektenkunde, Hochkultur und Horror, Mystik und Moderne miteinander verschmilzt, erzählt von der vierten Dimension. Und in neue Dimensionen stößt der Leser seines Romans beständig vor, wenn er die zweidimensionalen Buchseiten aus höchst angenehmem Dünndruckpapier vorsichtig splittet und sich damit aus der Fläche einen zuvor nicht vorhandenen Raum eröffnet, auf dass aus zwei Seiten vier werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die melancholischste Stadt der Welt</h3>



<p>Doch Vorsicht! Die Zwischenräume bergen Höllenstürze wie Himmelfahrten.
Für Cărtărescu ist der Mensch ein zwiespältiges Wesen – einerseits eine
„larvenähnliche Existenz“ mit zwei Öffnungen zur Aufnahme und zum Ausscheiden
von Lebensmitteln bzw. deren Abbauprodukten, und andererseits eine geistige
Existenz, die über das Gefängnis der Welt hinaus strebt. Der Schauplatz von <em>Solenoid
</em>ist Ausdruck dieser Ambivalenz: Das ruinöse Bukarest des Spätsozialismus,
von Cărtărescu schon in seiner Trilogie <em>Die Wissenden</em> zum
weltliterarischen Schauplatz gemacht, ist im neuen Roman „die melancholischste
Stadt“ der Welt. Und doch verbirgt sich auch in ihr schrecklich Wunderbares, wird
sie selbst am Ende schrecklich wunderbar, wenn in einer irren Sequenz ein Teil
von ihr in den Himmel schwebt.</p>



<p>Ein Vorstadtlehrer an der Schule Nr. 86 ist der Erzähler des
Romans. Mit seinem ersten Langgedicht „Der Niedergang“ ist er, anders als Cărtărescu
selbst in den späten 1980er Jahren, in einem Literaturzirkel der Universität gescheitert.
Er schreibt weiter, nun aber nur für sich, getrieben von einem Gefühl der
Vorbestimmtheit und dem Wunsch, die seltsamen Vorkommnisse seines Alltags später
einmal verstehen zu können. Deren Zahl ist, während der ärmliche Schulalltag
deprimierend vorhersehbar verläuft, Legion: Der Lehrer verirrt sich im großen eigenen
Haus, nie liegen die Räume am selben Ort. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Verzerrte Größenverhältnisse</h3>



<p>Ein Solenoid genannter Elektromagnet unter dem Haus hebt
dieses und alles in ihm auf Knopfdruck ein wenig in die Lüfte, was dem Lehrer
und seiner Geliebten wunderbaren Sex erlaubt. In einer kathedralengleichen Fabrikhalle
stößt er auf zahllose Vitrinen mit mutierten Parasiten: Milben, Läusen, Zecken
so groß wie Tiger und Elefanten. Auf den Straßen demonstrieren die „Mahner“,
geführt von Menschen mit Insekten auf den Handflächen. In Fabrikhallen mit
riesenhaften Zahnarztstühlen, unter denen dicke Adern pochen, begierig auf Leid
und Schmerz, begegnen die „Mahner“ gewaltigen Kreaturen, die von oben
einschweben, nachdem sich das Dach wie eine Blüte geöffnet hat. </p>



<p>Bereits im ersten der vier Buchteile erscheinen diese
Elemente und Motive, sie werden verknüpft mit Kindheit und Jugend des Lehrers –
mit seinen Impf- und Zahnarztqualen, einem langen Aufenthalt in einem
Sanatorium als Tuberkulosekranker, einem bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruder,
obsessiven Lektüren eines Buches namens <em>Stechfliege</em> sowie eines Bandes
über Parasiten. In langen Satzperioden mit exquisiten Wendungen, von Ernest
Wichner ausgesprochen elegant übertragen, kommt Cărtărescu in den folgenden
Teilen des Romans auf all das immer wieder zurück. Nur an wenigen Stellen droht
er sich in seiner Eloquenz zu verlieren, wenn das Netz zwischen Neurosen,
Obsessionen, Halluzinationen, Ahnungen, Erinnerungen und Geschehnissen beständig
erweitert und verdichtet wird. Voller Schrecken sieht man der paranoischen Welt
mit ihren panisch verzerrten Größenverhältnissen beim Entstehen zu.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gottessehnsucht</h3>



<p>In der sozialistischen Stadtruinenlandschaft lässt
Cărtărescu eine Welt verborgener Bezüge erstehen: Die <em>Stechfliege</em> führt zu
bedeutenden Mathematikern des 19. Jahrhunderts, zum rumänischen Forensiker
Nicolae Minovici, der in Eigenversuchen das Erhängen erforschte, zu Kafka und
Borges. Als dem Lehrer und seiner Geliebten eine Tochter geboren wird, weichen
Angst und Hoffnung kurzzeitig der Liebe, als das Regime zum Sammeln von Altglas
und Altpapier aufruft, wird es absurd: Erst fällt der Unterricht aus, weil die
Schüler die Klassenräume bis oben hin mit den begehrten Materialien anfüllen,
dann stellen die Fabriken die Produktion ein – der Handel mit den Wertstoffen
selbst ist ungleich lukrativer.</p>



<p>In den oft katastrophischen Begegnungen der Welten der
Insekten, Menschen und Riesen ist Gottesfürchtigkeit und Gottessehnsucht spürbar.
Spätestens wenn der Lehrer für eine kleine Parasitenewigkeit in eine Milbe
verwandelt wird und unter Milben lebt, muss man den Roman auch als Reflexion
über Interkulturalität lesen. Oder als Reflexion über die Möglichkeit einer
Verkündungsbotschaft, denn noch der stark verkleinerte Lehrer hat den Milben
etwas mitzuteilen. 

So oder so ist Cărtărescu ein großer christlicher
Mystiker. So sehr seine Leser auch glauben mögen, sie könnten die
Verschiebungsmechanismen zwischen den Welten benennen – sie wissen nie, welche
Ausgeburten seiner überaus sprachmächtigen Angst- und Erlösungsphantasie Cărtărescu
auf den nächsten Seiten auf sie loslassen wird.



</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Milbe in mikroskopischer Aufnahme, von Eric Erbe, digitale Kolorierung von Chris Pooley, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milben#/media/Datei:Rust_Mite,_Aceria_anthocoptes.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikipedia</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">gemeinfrei</a>)</h6>





<p>Mircea Cărtărescu <br><strong>Solenoid</strong><br>Roman  ·  Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner<br>Zsolnay Verlag 2019 · 906 Seiten · 36 Euro<br>ISBN:  978-3-552-05948-1 <br></p>



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Roman, Zsolnay 2019&lt;br /&gt;
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		<title>Sex, Drugs &#038; Poems</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jan 2020 11:57:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Titel ist Programm in Juri Andruchowytschs Erstling von 1992, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt. In „Karpatenkarneval“ feiern vier exaltierte Dichter in den ukrainischen Bergen ein  „Fest des Auferstehenden Geistes“. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Dem Karneval hat der Ukrainer Juri Andruchowytsch schon
immer gefrönt. Eigentlich sind, mit Ausnahme der Essays, alle seine Schriften
ausgesprochen karnevalesk. Mit der fröhlich-subversiven Umwertung aller Werte
konnten die Schriftsteller im sowjetischen Imperium erträumen, was die KPdSU
stets für bereits vollendet erklärt hatte: die Revolution. Schon Andruchowytschs
erster Roman aus dem Jahr 1992, der nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, trägt
den Mummenschanz im Titel: <em>Karpatenkarneval</em> erzählt von einem „Fest des
Auferstehenden Geistes“ im entlegenen ukrainischen Tschortopyl. Jung und Alt,
seltsam gestrig wirkende Bürgerliche und Adlige reisen ebenso zu diesem Fest
wie die dichterische „Blüte der Nation“. Sie tragen allerlei Fahnen und kommen
zu Fuß, im Zug oder auch mit einem Chrysler-Oldtimer. Organisiert wird die
Mischung aus Woodstock und Geisterbeschwörung, Konzert und Dichterlesung,
Performance und Drogentrip von einem „ORGKOM“, garniert mit der Unterschrift von
Federico Fellini. Oder war es die von Alfred Hitchcock? Egal, Überraschungen
sind hochwillkommen, und Hochstapelei ist bei Festen dieser Art ohnehin unerlässlich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kunst bannt Gespenster</h3>



<p>Das Treiben in den Karpaten lässt sich hinreichend präzis
mit Sex, Drugs &amp; Poems umschreiben, es ist erst freudig, dann
schreckenerregend. Insbesondere die Drogen führen in eine Vergangenheit, in der
die Bürger der von der Unabhängigkeit träumenden Ukraine eine heitere Zukunft
vor sich wähnten. Bevor sie dann, das ist die Alptraumvariante, eine gewaltsame
Okkupation von Osten befürchteten. Beide Varianten werden von diesem Stationenroman
heftig parodiert, beide erweisen sich allerdings &nbsp;als inszenierte Bestandteile des Festes – schon
in diesem ersten Roman, entstanden während eines zweijährigen Aufenthalts am
Moskauer Schreibinstitut Maxim Gorki Anfang der 90er Jahre, setzt Andruchowytsch
also auf die Kunst. Sie soll die Gespenster bannen und dem Land und nicht
zuletzt den Vasallen der Kunst das Tor zu einer lichten, von Alp und Nostalgie
befreiten Zukunft öffnen.</p>



<p>Sehr verklausuliert kommt dieser Erstling nicht daher. Seine Scherze sind eher deftig-rau, und die Erfindungs- und Kombinationskraft Andruchowytschs läuft noch nicht so hochtourig rund, sie ist noch nicht so weitläufig europäisch wie in den späteren Romanen. Die vier wackeren Dichter, die für die nicht unerhebliche Macht der Dichtung einstehen, sind mit breitem Strich gezeichnet und halb karikiert: Der Dichterstar Martofljak lässt sich hofieren; er hat bereits ein US-Visum in der Tasche und reist mit seiner Ehefrau Marta an, die zurückhaltend als „Sexbombe“ beschrieben wird. Chomskyi ist ein Leningrader mit schillernder sexueller Orientierung, womit er den ukrainischen Machos gleich doppelt als Außenseiter erscheint. Und dann gibt es noch Hrytsch und Nemyrytsch, was nicht zufällig wie Pat und Patachon klingt. Mit ihnen sind die Gespenster der nationalen Unabhängigkeit präsent: Hrytsch, dessen Eltern unter Stalin nach Kasachstan deportiert wurden, lässt sich die langen Haare zur Kosakenlocke scheren und erhält im Tausch für seine „Marmorjeans“ die Uniform der Ukrainisch-Galizischen Armee, die als Teil der Waffen-SS gegen die Rote Armee kämpfte. Nemyrytsch jedoch wird von einem im Chrysler angereisten ukrainischen Emigranten ein Frack zur Verfügung gestellt, damit er auf einem Ball mit adligen und bürgerlichen Honoratioren um sein Leben spielen kann. Ansonsten steht den Dichtern der Sinn nach Alkohol und Frauen, weshalb sie ihre Poeme nur selten zu Gehör bringen. Glücklicherweise, muss man sagen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Burleske, Balagan und Buffonade</h3>



<p>Dem lyrischen Quartett mit Sexbombe fehlt in Tschortopyl ein
Gefährte, ein gewisser Andruchowytsch. Er, so wissen die vier Dichterfreunde,
schreibe jetzt Prosa, was natürlich furchtbar viel Zeit koste.
Selbstreferenzielle Scherze dieser Art sind häufig in <em>Karpatenkarneval</em>:
Unter den Teilnehmern des Festes befinden sich, neben Gottesengeln, Zigeunern,
Kosaken und Bären, auch Bubabisten. Unter dem Namen BuBaBu veranstaltete Andruchowytsch
ab 1985 mit zwei Freunden lyrische Performances; BuBaBu steht für Burleske,
Balagan (Jahrmarktsbude) und Buffonade. Mit der Prosa, die der einstige Drucker
und erfolgreiche Performer dann zu schreiben begann, wurde er auch außerhalb
der Ukraine bekannt. 

Andruchowytsch
spricht fließend Deutsch und verfügt über erheblichen Charme, damit machte er in
den 1990er Jahren sein Land, dessen Literatur und gleich noch einige bildende
Künstler fast im Alleingang bekannt. 2004 nahm er an der Orangen Revolution auf
dem Maidan teil, ein Jahr später erhielt er den Leipziger Preis für europäische
Verständigung. In den letzten Jahren ist es, zumindest im deutschen Sprachraum,
ruhig um ihn geworden. <em>Karpatenkarneval</em> ist nicht mehr als eine hübsche,
raue Fingerübung aus den Anfängen, ohne die amüsante Hochtourigkeit und die Vergnüglichkeiten
späterer Romane dieses Meisters der Postmoderne, jedoch ein hochwillkommenes
Lebenszeichen.



</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ukrainischer Bandura-Spieler, gemeinfrei <a href="https://pxhere.com/en/photo/1204422" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via pxhere</a><br>Buchcover: Verlag</h6>





<p>Juri Andruchowytsch<br><strong>Karpatenkarneval</strong><br>Roman  ·  Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr<br>Suhrkamp Verlag 2019 · 171 Seiten · 16 Euro<br>ISBN:  978-3-518-46941-5 <br></p>



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		<title>Der Geruch des Schicksals</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Dec 2019 11:01:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Andor Endre Gelléri (1906–1945) erzählt in dem Band "Stromern" vom Leben der Armen in den Randbezirken von Budapest. So präzise die Beobachtungen, so märchenhaft ist der Ton dieser durchweg kurzen Erzählungen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Andor
Endre Gelléri muss ein überaus freundlicher Mensch gewesen sein. Seine Erzählungen
aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind jedenfalls von einer zärtlichen
Zuwendung zu denen geprägt, die am Rande des Existenzminimums leben und nicht
selten auch darunter. Wenn diese Menschen aus den elenden Vorstädten Budapests noch
Arbeit haben, dann ist sie schlecht bezahlt. Meist aber sind sie arbeitslos und
bleiben es. Manche betteln, ohne viel Erfolg. Bauen sie sich ein Heim aus Müll,
wird es von den Landbesitzern herzlos zerstört. Die Vermögenden lassen aus
Angst vor einem Aufstand auch Todesurteile gegen aufmüpfige Arme verhängen. Gelléri
verleiht den traurigen Schicksalen Farbe und Geruch, Individualität und Würde,
und siehe da: Eintönig ist Armut nicht, abstoßend sowieso nicht.</p>



<p>31
Erzählungen enthält der schön und schlicht gestaltete Band <em>Stromern</em>, und
beinahe alle variieren das Thema Arbeit. Meist fehlt sie. Die Geschichte „Bei
den Lieferern“ beginnt mit den Worten: „Ich war ohne Arbeit“, weshalb der
Erzähler seit sechs „bitteren“ Wochen „brotlos“ ist. So schwach ist er, dass
die Packer, bei denen er endlich als Aushilfe arbeiten kann, ihm erst einmal etwas
zu essen geben. Sonst ließe er die schwere Last fallen, so fürchten sie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Leben der Ärmsten</h3>



<p>Andor
Endre Gelléri kannte sich aus in dieser Welt: Der Sohn einer jüdischen
Arbeiterfamilie, geboren 1906 im dörflichen Zentrum Alt-Buda der ungarischen
Hauptstadt, konnte Zeit seines Lebens nicht vom Schreiben leben. Zwar
verkauften sich seine Erzählungsbände gut, und 1934 wurde ihm der angesehene Baumgartner-Preis
zugesprochen. Doch um die vierköpfige Familie durchzubringen, musste Gelléri in
Schlossereien, Wäschereien, als Fuhrmann und technischer Zeichner schuften. Mit
dem Rechtsruck im Ungarn der Zwanziger- und Dreißigerjahre gerieten er und
seine Familie in Gefahr. 1938 schränkte Reichsverweser Mikloś Horthy die Rechte
der Juden ein, 1941 wurde die Zeitschrift „Nyugat“ eingestellt, in der viele
von Gelléris Erzählungen erschienen waren. Seit jenem Jahr musste er in Ungarn Zwangsarbeit
verrichten. Noch 1945 trieben ihn die Nazis auf einen Todesmarsch nach
Mauthausen. Nach der Befreiung des KZ starb Andor Endre Gelléri Mitte Mai an
Flecktyphus in einem US-Militärspital.</p>



<p>Seine größten literarischen Erfolge hatte Gelléri nach der Weltwirtschaftskrise 1929: Eindrücklich beschreibt er in seinen Erzählungen deren Auswirkungen auf das Leben der Ärmsten. György Dalos weist im Nachwort zu Recht auf die Nähe der Geschichten zu Hans Falladas Roman <em>Kleiner Mann – was nun?</em> hin. Anders als Fallada gelingt es Gelléri jedoch nicht, einen größeren Handlungsstrang zu entwickeln. Seine Erzählungen sind meist vier bis acht Seiten lang; auch sein Roman <em>Die Großwäscherei</em>, vor drei Jahren ebenfalls von Timea Tankó in ein unsentimentales, warmes Deutsch übersetzt, besteht aus solchen kurzen Texten. Ihr Gestus ist freundlich zugewandt und ungekünstelt direkt: „Jetzt will ich von der Hinrichtung der beiden Ukrainer berichten, so wie sie sich zugetragen hat“, beginnt die Erzählung „Hinrichtung der Ukrainer“. Gelléri leiht den Armen eine Stimme, seine Erzähler gehören fast durchweg zu ihnen. Manchmal hat es den Anschein, als ob Gelléri die Geschichten aus dem ostjüdischen Schtetl nun in den Randbezirken der ungarischen Metropole findet. Damit stünden die Geschichten auch für die Assimilation der magyarischen Juden, denn der religiöse Hintergrund wird durch den sozialen ersetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein feenhafter Realist</h3>



<p>Nur berichtend erzählt Gelléri freilich nicht von der „Hinrichtung der Ukrainer“ oder anderen Ereignissen. Im Keller eines Schneiders verwandelt </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>sich das Elend in eine Katze [&#8230;], die man streichelte, mit der man spielte.</p></blockquote>



<p>Die Reserve gegenüber einem seltsamen Verwandten lässt das Begrüßungslächeln „wie Speiseeis“ ausfallen. Ein Junge, soeben mit einem schlechten Zeugnis aus der Schule heimgekehrt, liegt nach dem Geständnis gegenüber dem Vater </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>mit halbgeschlossenen Augen in der feuchten Wolke der abendlichen Dunkelheit.</p></blockquote>



<p>Und als sich der Bettler Hele verzweifelt vor ein Auto wirft, stößt die </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bremse [&#8230;] einen schrecklichen Schrei aus und will das Auto anhalten, doch dieses rollt noch weiter, unter ihm brechen schwere menschliche Schmerzenslaute hervor. </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Ein anrührender Ton</h3>



<p>Einen „feenhaften Realisten“ hat der berühmte Kollege Dezső Kosztolányi Gelléri genannt, und tatsächlich sind die Erzählungen gewirkt aus präzis beobachtetem Elend und einem manchmal märchenhaften Ton. Dieser Ton verleiht den Figuren Würde, ohne etwas zu beschönigen oder gar Rettung zu verheißen. Wenn die Menschen gar zu einsam werden, lässt Gelléri manchmal Dinge, eine Autobremse etwa, sprechen und Bäume „schlottern“. Es ist ein seltener, ferner und anrührender Ton in dieser Prosa. Allerdings erklingt er auf allen 250 Seiten von <em>Stromern</em>, so dass man den Band besser nicht in einem Zug durchliest. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Budapest: Obstmarkt an der Donau.<br>Atelier Lévy &amp; ses fils, Paris, um 1900.<br><a href="http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=11341223" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Österreichische Nationalbibliothek</a> (gemeinfrei)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Andor Endre Gelléri<br><strong>Stromern</strong><br>Erzählungen<br>Aus dem Ungarischen von Timea Tankó<br>Mit einem Nachwort von Györgi Dalos<br>Guggolz Verlag 2018 · 272 Seiten · 24 Euro<br>ISBN:  978-3-945370-18-6<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783945370186&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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		<title>Körperwärme und Schriftlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 May 2019 06:35:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Unter dem Titel „Leni weint“ veröffentlicht Péter Nádas Essays aus den Jahren 1989 bis 2014. In ihnen verbindet sich begriffliche Schärfe mit Grenzüberschreitung; unerbittliche Selbsterforschung geht einher mit teilnehmender Beobachtung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Morgens schrieb Péter Nádas stets Prosa. Viele seiner Erzählungen
und die umfangreichen Romane <em>Parallelgeschichten</em>
und <em>Aufleuchtende Details</em> sind so in
Budapest und im Dorf Gombosszeg nahe der slowenischen Grenze entstanden. Der
Nachmittag war unter anderem Essays vorbehalten – ein kräftezehrendes Pensum,
das sich der 1942 geborene Ungar inzwischen nicht mehr auferlegt. Péter Nádas‘
essayistisches Werk umfasst mehrere tausend Seiten, die selbst die ungarische
Werkausgabe nur in einer Auswahl präsentieren wird. Die jetzt auf Deutsch
erschienene Sammlung <em>Leni weint</em> ist
noch stärker fokussiert: Nádas beschränkt sich auf dreißig Essays aus den
Jahren 1989 bis 2014, sechs davon werden in dem Band erstmals auf Deutsch
veröffentlicht. Es ist ein klug komponiertes Buch, das einen ungewöhnlich
politischen Autor zeigt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Urschleim der eigenen Dumpfheit</h3>



<p>Im Zentrum von Nádas‘ früheren Essays standen oft C. G. Jungs Archetypen. Sie bildeten einen festen Kontrapunkt zum Gleiten, dem Weg- und Ineinandergleiten von Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, deren Zusammenhang eine höchst bewegliche Sprache auch mit stilistischer Mimikry nachzeichnete. Die neueren Texte haben an begrifflicher Schärfe gewonnen, zielen aber weiterhin auf Grenzüberschreitungen, wie schon die Überschriften „In der Körperwärme der Schriftlichkeit“ oder „Streifzüge in den Quellgebieten des Vertrauens“ ankündigen. Nur die Synthese von Körperwärme und Schriftlichkeit ergebe, so Nádas, eine wahrhaftige Mitteilung, zudem zeuge sie von der täglich aufs Neue notwendigen Erhebung aus dem morgendlichen „Urschleim der eigenen Dumpfheit“. Und mit den poetisch klingenden „Streifzügen“, einem Vortrag, den Nádas am 15. September 2008 in Budapest gehalten hat, warnte er niemand anderen als die Angestellten der ungarischen Nationalbank, wie schlecht es um das Vertrauen in Demokratie und Kapitalismus bestellt sei. Am Tag nach dem Vortrag ging die nordamerikanische Bank Lehman Brothers pleite, was das Vertrauen nicht erhöht haben dürfte.</p>



<p>Der Aufstieg des Rechtspopulisten Viktor Orbán und die
Selbstdemontage der ungarischen Oppositionsparteien haben sicher ihren Teil
dazu beigetragen, dass sich der Band <em>Leni
weint</em> fast ausschließlich auf Fragen der Demokratie in Europa konzentriert.
Nádas argumentiert allerdings nie vordergründig politisch, sondern zugleich ethnologisch,
soziologisch, mythologisch, anthropologisch – und persönlich. Hinzu kommt eine
aufs Ganze zielende unerbittliche Selbsterforschung, die ihren Konterpart in
Leni Riefenstahl findet. Hitlers Hofkünstlerin ist, rechtzeitig unterrichtet, keineswegs
zufällig im eben von der Wehrmacht überfallenen Polen vor Ort, bricht jedoch angesichts
einer Massenexekution von Zivilisten in Tränen aus. „Leni weint“ heißt der Titel
des Essays, aber Riefenstahl hält den Überfall auf Europa „für die natürlichste
Sache der Welt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Regression und Demokratie</h3>



<p>Nádas‘ Darstellung des eigenen Dorfes in „Behutsame Ortsbestimmung“ ist ein Paradebeispiel für teilnehmende Beobachtung: Der Zugezogene beschreibt, wie die Dorfbewohner kollektiv handeln, denken und Bescheid wissen. Wie sie miteinander sprechen (nämlich alle gleichzeitig und laut), Verbrechen sanktionieren (drakonisch, gemeinsam und unter sich), wie familiäre und nachbarschaftliche Loyalitäten und Abmachungen Gesetze ersetzen – und dass die Welt hinter dem nächsten Hügel endet.</p>



<p>In diesem magisch-mythischen Universum regiert die
„Findigkeit“: Um des Überlebens willen betrügen die Beherrschten die Betriebe
der sozialistischen Mangelwirtschaft. Institutionen und Prinzipien, Recht und
Besitz gelten nichts, und an dieser immer noch lebendigen
Regressionsmentalität, so Nádas, kann die über die Menschen gekommene
Demokratie nur scheitern. Sein Lob der westlichen Demokratie mit Institutionen,
Regeln sowie Kreativität statt Findigkeit zeichnet allerdings – trotz des
Hinweises auf den Zwang zum Lächeln bis zum Tod – ein Ideal nach; es fällt sehr
überschwänglich aus. Auch der Essay zur Debatte über Martin Walsers
Paulskirchenrede mit der Formulierung einer „Moralkeule“ namens Auschwitz
überzeugt nicht – vielleicht, weil Nádas auf nur 11 Seiten zu viel verhandelt: den
Hass auf die Deutschen nach 1945 als „legitimen Rassismus“, die problematische
Formulierung der nationalen Identität Deutschlands, den Selbsthass seiner
Bewohner, die fehlende Konfrontation der Ostdeutschen mit der „Lingua Tertii Imperii“,
die Kluft zwischen dem kulturellen und dem politischen Selbstverständnis
Deutschlands, die mangelnde Unterscheidung von historischer und persönlicher
Verantwortung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit</h3>



<p>Die plausible Annahme, alles hänge miteinander zusammen, auch der Körper sei ohne das Gedächtnis der Seele nicht zu verstehen, lässt fast alle Texte kunstvoll und reich werden. Die Leserin der Romane dürfte allerdings manchen Essay zu Fotografie und Wahrnehmung vermissen (etwa den Essay „Aufleuchtende Details“, der zentrale Fragestellungen mit dem gleichnamigen Roman teilt und den Nádas zusammen mit eigenen Fotografien im Band <em>Lichtgeschichten</em> veröffentlicht hat). Sie kann sich aber trösten mit dem Essay „Der Mensch als Schöpfer und Überlebender“ – Nádas betrachtet darin Claude Monets Gemälde „Seerosen“, als wäre es einer seiner Romane. Auch die Miniaturen „Spurensicherung“ über beängstigende Begegnungen mit der ungarischen Stasi fehlen, dafür führt die beklemmend eingestandene Faszination beim wiederholten Betrachten des Filmes über die Hinrichtung von Nicolae und Elena Ceaușescu („Großes weihnachtliches Morden“) direkt ins Zentrum des Bösen. Mit „Der eigene Tod“ schließt der Band. Nádas, der mit knapper Not einen Herzinfarkt überlebt hat, staubsaugt in seiner Wohnung und nimmt die Riffelungen des Staubsaugerschlauchs wahr. Nicht nur den Leser erinnern sie an den „Geburtskanal“, in dem Nádas wenige Seiten davor dem Tod entgegen zu rutschen meinte, Anfang und Ende des Lebens gleichsetzend. </p>



<p>Auf dieselbe Weise schließt sich auf den letzten Seiten des Bandes der Kreis: Der magisch-mythischen Welt des Dorfes, mit deren Beschreibung <em>Leni weint</em> anfängt, sowie den Phänomenen in Alltag und Wirtschaft, Politik und Kunst stellt Nádas der Schriftlichkeit mit der Körperwärme eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit entgegen. Dieser täglich und an jedem Gegenstand, nicht zuletzt am eigenen Leben, aufs Neue zu wiederholende Vorgang strukturiert die einzelnen Essays ebenso wie die Sammlung selbst. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ian Dury: Florfliege (Chrysopa oculata), [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chrysopa_oculata_2.JPG">via Wikimedia Commons</a></h6>



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<p>Péter Nádas<br><strong>Leni weint</strong><br>Essays · Aus dem Ungarischen von Akos Doma, Heinrich Elsterer u.a.<br>Rowohlt Verlag 2018 · 528 Seiten · 36 Euro<br>ISBN:  978-3-498-04699-6 <br></p>



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		<title>Verlassen und Verlassenwerden</title>
		<link>https://tell-review.de/verlassen-und-verlassenwerden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Mar 2019 11:39:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Jugoslawien]]></category>
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					<description><![CDATA[Goran Vojnovićs Roman „Unter dem Feigenbaum“ handelt von der Unbehaustheit in der (post-)jugoslawischen Gesellschaft. Die familiäre Gemeinschaft bietet so wenig Schutz wie die nationale. Um sich selbst zu verstehen und um lieben zu können, braucht es die Fiktion.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Manchmal dichten auch Lektoren. Im Klappentext des neuen Romans von Goran Vojnović heißt es, sein Romandebüt <em>Cefuri raus!</em> über den brutalen Umgang mit Ex-Jugoslawen in Slowenien habe „den Rücktritt des slowenischen Innenministers zur Folge“ gehabt. Vojnović, befragt nach den dramatischen Ereignissen vor etwa zehn Jahren, schüttelt amüsiert den Kopf und erzählt von einem Polizeipräsidenten, der ihn zum Verhör einbestellte und ihm – immerhin! – einen Prozess androhte. Nach zwei Tagen und einer kleinen Protestwelle kassierte man das Vorhaben gegen den damals 28-jährigen. Seitdem gilt Vojnović in seinem Heimatland als Enfant terrible.</p>
<h3>Jugoslawien als Teil der Kindheit</h3>



<p>Mit dem nächsten Buch <em>Vaters Land</em> hielt er den ehemaligen Bewohnern von Titos Volksrepublik ihre Lebenslügen vor, nach denen der Balkan immer woanders sei und alle Kriegsverbrecher tot, wenn sie denn überhaupt Kriegsverbrecher gewesen seien… Und auch in Vojnović‘s neuem Roman <em>Unter dem Feigenbaum</em> geht es wieder um Jugoslawien, von dem nicht nur in Slowenien die meisten nichts mehr hören wollen. Einen „Jugoromantiker“ kann man den Autor freilich nicht schimpfen. Vojnović, der erst 1980, kurz vor Titos Tod, geboren wurde, will nicht zurück. Er will nur wiedererlangen, was ihm vorenthalten wird: Jugoslawien als Teil seiner Kindheit und Jugend sowie des Lebens seiner Eltern und Großeltern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine auseinandergerissene Familie</h3>



<p><em>Unter dem Feigenbaum</em> erzählt von drei Generationen zwischen 1955 und der nahen Gegenwart in Jugoslawien bzw. seinen Nachfolgestaaten. Die Beerdigung des Großvaters Aleksandar im kroatischen Zagreb bringt die auseinandergerissene Familie noch einmal zusammen. Die Beisetzung wird auf gut fünf Seiten im letzten Drittel des Buches abgehandelt. Davor und danach erzählt Vojnović in aufgelöster Chronologie wichtige Szenen aus dem Leben der Toten und der Lebenden. Sie bleiben fragmentarisch und unklar, ja geheimnisvoll, verbinden aber alle Familienmitglieder miteinander.</p>



<p>Geprägt wird ihr Leben durchs Verlassensein und -werden. 1955 lässt sich Großvater Aleksandar, wiewohl Kommunist, ins nördliche Istrien versetzen, um der Politik fern zu sein. Der Landstrich ist soeben zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt worden. Das ihm angebotene Haus in Buje lehnt Aleksandar ab, weil in den Schränken noch die Mäntel der vertriebenen Italiener hängen, er baut im fünf Kilometer entfernten Momjan ein eigenes. Seine Frau Jana aber, die ihren Familiennamen Benedejčić nach der Heirat behalten hat und dazu ihren eigenen Kopf, bleibt und richtet das Haus der Italiener her. Später lässt sich Aleksandar überraschend für ein Jahr nach Ägypten versetzen, weshalb Jana erwägt, sich scheiden zu lassen. Dieser sperrige Mann habe, als er Jahrzehnte später von den damaligen Scheidungsplänen seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau erfuhr, Selbstmord begangen, vermutet sein Enkel Jadran, der knapp 40-jährige Ich-Erzähler des Romans.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Schicksal des Unbehaustseins</h3>



<p>Trennungen prägen auch das Leben der Verwandten. Safet, der Mann von Aleksandars Tochter Vesna, verschwindet spurlos in seiner Heimat Bosnien, als die jugoslawischen Kriege ausbrechen, und Safets Sohn Jadran wird vor Aleksandars Beerdigung von Anja verlassen. Und zu Beginn des Romans werden die Großeltern 1955 in Istrien von einem serbischen Politkommissar erwartet, der sich ebenfalls fremd und verloren fühlt. Aleksandars serbischer Familienname lässt ihn auf Gesellschaft hoffen. Der Kommissar kann nicht ahnen, dass Aleksandar und seine Familie allesamt Unbehauste sind.</p>



<p>Das nationale serbische Kollektiv bietet ihnen so wenig Schutz wie das jugoslawische oder das familiäre. Darin unterscheidet sich das Leben in der Volksrepublik nicht von dem in den Nachfolgestaaten, weshalb der Enkel Jadran gern Großvaters Klage wiederholt: „Du musst nicht allein sein, um einsam zu sein.“ Vojnović erzählt, wie auch in seinen anderen Romanen, nicht von politischen, sondern von existenziellen Erfahrungen. Suchte in seinem zweiten Roman <em>Vaters Land</em> nur der jugendliche Erzähler nach seiner Identität, so ist es nun die ganze Familie. Nur Anja, die Geliebte des Ich-Erzählers, verhält sich anders: Sie nutzt wie in alten Zeiten die Kontakte ihres Vaters als Karriereleiter, so notiert Jadran kopfschüttelnd.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Wahrheit von Fiktionen</h3>



<p>Goran Vojnović, der auch als Filmregisseur erfolgreich ist, entwirft in starken Bildern ein Sittengemälde der postjugoslawischen Gesellschaften. Zuweilen löst den Ich-Erzähler ein allwissender Erzähler ab, der sich am Ende überraschenderweise als Sprachrohr Jadrans erweist. Denn auf den Vorwurf der zurückgekehrten Anja, er habe sich ja alles nur ausgedacht, bekennt Jadran: Ja, das stimme, denn Fiktionen seien notwendig, um sich selbst zu verstehen und um sie, Anja, lieben zu können – um also, anders als Großvater Aleksandar, anders als Safet und viele andere, die „unfrei“ machende Liebe auszuhalten. Jadrans Rechtfertigungsmonolog ist Vojnović, der auch an manch anderen Stellen vor Sentiment und Pathos nicht zurückscheut, entschieden zu lang geraten. Und die Rede von der „unfrei“ machenden Liebe überrascht. Sie soll all die Schicksale über drei Generationen hinweg verklammern, die sich weder vom serbischen Kollektiv noch vom jugoslawischen einfangen ließen – und ebenso wenig von der Liebe zu einem Menschen. Das klingt wie eine ziemlich spätpubertäre Interpretation des Lebens im sozialistischen Vielvölkerstaat. Viel überzeugender ist die Antwort Jadrans auf die altehrwürdige Frage nach der Wahrheit von Fiktionen. Sie verbindet das Bekenntnis zur Widersprüchlichkeit von Gefühlen (und Gedanken) mit gleich zwei Liebeserklärungen – einer an Anja und einer ans diskontinuierliche Erzählen voller Geheimnis und Spannung. Letzteres beherrscht Goran Vojnović bemerkenswert gut.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />Beitragsbild: Jože Gal: Družina Lepej (Familie Lepej) 1961 [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dru%C5%BEina_Lepej_1961.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br />Buchcover: <a href="https://www.folioverlag.com/info/belletristik/roman/de/978-3-85256-749-5" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Folio Verlag</a></h6>


<hr class="wp-block-separator" />

<p>&nbsp;</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> Goran Vojnović <strong><br />
Unter dem Feigenbaum</strong><br />
Roman · Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof<br />
Folio Verlag. Wien/Bozen 2018 · 334 Seiten · 35,90 Euro<br />
ISBN: 978-3852567495 </p>
<p>Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3852567491/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783852567495" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel </div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3852567491/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="15284" data-permalink="https://tell-review.de/verlassen-und-verlassenwerden/unter_dem_feigenbaum_vojnovic/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Unter_dem_Feigenbaum_Vojnovic.jpg?fit=709%2C1079&amp;ssl=1" data-orig-size="709,1079" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Unter_dem_Feigenbaum_Vojnovic" data-image-description="&lt;p&gt;Goran Vojnovic: Unter dem Feigenbaum&lt;br /&gt;
Folio 2018&lt;br /&gt;
Cover&lt;/p&gt;
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<p>&nbsp;</p>


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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Das Trauma wachhalten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Feb 2019 08:40:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Jugoslawien]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Zoltán Danyis Roman „Der Kadaverräumer“ schildert eindringlich das Trauma des Jugoslawienkriegs. Im unaufhörlichen Monolog versucht der Protagonist, sich sein Leben zu erzählen. Doch es will sich nicht mehr zu einer Geschichte fügen lassen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">I</span>n diesem Roman herrscht ununterbrochen Traumazeit. Ein junger Mann lebt in einem Danach. Die traumatisierenden Ereignisse liegen lange zurück, doch die „alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre“ sind ständig präsent. Wortreich versucht der Verwüstete und Ausgebeinte in Zoltán Danyis Roman <em>Der Kadaverräumer</em>, die Stücke seines zerbrochenen Lebens zusammenzuklauben.</p>
<p>Der junge Mann aus Novi Sad, Angehöriger der ungarischen Minderheit im nördlichen Serbien wie auch der Autor selbst, schmuggelt in den ersten Monaten der jugoslawischen Kriege Benzin aus Ungarn über die nahe Grenze. Als Soldat bricht er den Widerstand in den durch die Serben eroberten Gebieten: Er plündert, vergewaltigt und wird Zeuge von Exekutionen. Mit zwei Kollegen räumt er Tierkadaver von den serbischen Straßen; einmal gerät er zwischen gärende menschliche Kadaver in Plastiksäcken, zuhauf abgeworfen in einem Straßengraben. Er reist nach Berlin, um von dort in die USA auszuwandern.</p>
<p>Die Reihenfolge dieser Erlebnisse ist unklar. Sicher ist nur, dass der in einem fort redende junge Mann bei jeder Gelegenheit furzen und ständig „dringend pissen“ muss, ohne sich je erleichtern zu können. Der Grund für diese Funktionsstörung kommt bald zur Sprache: Im Krieg wurde der junge Mann Zeuge zweier Morde. Als er gerade an eine Hauswand pinkeln will, wird ein Kroate, der die serbischen Soldaten verhöhnte, indem er die Hose herunterzog und grinsend furzte, umstandslos erschossen. Auch eine Kroatin wird während ihrer Vergewaltigung erschossen, und beide Male durchdringen die Kugeln auf ihrem Weg zum Kopf die Geschlechtsorgane. Die Szenen gehören zum Schockierendsten, was ich bisher gelesen habe.</p>
<p>Zoltán Danyi, der 1972 geborene Lyriker, Lektor, Hochschullehrer und Rosenzüchter, hat selbst nicht in den Kriegen gekämpft. Er erzählt also nicht von seinen, sondern von den Traumata einer Gesellschaft. Wie diese auf <em>Der Kadaverräumer</em> reagiert, wenn die gegenwärtig entstehende Übersetzung ins Serbische gedruckt ist, mag ich mir nicht ausmalen. In Ungarn ist der Roman bereits mit dem angesehenen Miklós-Mészöly-Preis ausgezeichnet worden.</p>
<p>Von der brutalen Gewalt, der Drastik der Ereignisse sowie den körperlichen Funktionsstörungen in der Sexualität und bei der Produktion von Fäkalien erzählt Zoltán Danyi auf höchst raffinierte Weise. Die Logorrhoe des jungen Mannes erzeugt keinen routinierten Bernhardschen Monolog, wie er unter manch jüngeren Schriftstellern in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens Nachahmer gefunden hat. Zoltán Danyi lässt seine Hauptfigur im fortwährenden Sprechen nicht zu sich finden. Er hält das Trauma wach durch einen Erzähler. Dieser ist dem jungen Mann nah und gibt seine Monologe und Gedanken mal in direkter, mal in indirekter Rede wieder, seien sie nun vor einem halb schlafenden und nichts verstehenden deutschen Obdachlosen oder in einer Bar über Eiswürfeln vor sich hingesprochen oder auch nur gedacht. Der beständige Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive, Gegenwart und Vergangenheit, von Terézia Mora rhythmisch und zupackend übertragen, verweigert dem Traumatisierten die Wiedererlangung der verlorenen Einheit.</p>
<p>Auch dem Leser wird jede beruhigende Eindeutigkeit versagt. Der Kadaverräumer ist sowohl Opfer wie Täter, er war Soldat, brandschatzte und vergewaltigte – und wurde doch durch die perfiden Morde an der vergewaltigten Frau und dem Mann, der sich über die Angreifer lustig machte, traumatisiert. Auf den Straßen von Novi Sad verziert er das Staatswappen Serbiens heimlich mit Penissen, in der protzigen Villa eines serbischen Mafioso in Split verlegt er das Staatswappen wiederum als Mosaik. Beides ist nicht ungefährlich – in Serbien wird das Hoheitszeichen von vielen hymnisch verehrt, im kroatischen Split ist es verhasst. Aber auch die Kadaverräumer kümmerten sich wohl – der mit allen Traumawassern gewaschene Erzähler vermag es nur anzudeuten – nicht nur um Tiere auf den Straßen, sondern auch um Menschen. Mit Bulldozern.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: Exhumierungsort im Čančari-Tal.<br />
Aus dem Dokumentarmaterial des Internationalen Strafgerichtshofs der UN für das ehemalige Jugoslawien.<br />
[<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Exhumation_Site_in_%C4%8Can%C4%8Dari_valley.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">Zoltán Danyi<br />
<strong>Der Kadaverräumer<br />
</strong>Roman · Aus dem Ungarischen von Terézia Mora<br />
Suhrkamp Verlag 2018 · 256 Seiten · 24,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-518-42835-1<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3518428357/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518428351" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div><div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3518428357/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="14865" data-permalink="https://tell-review.de/das-trauma-wachhalten/danyi_kadaverraeumer_cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?fit=1453%2C2409&amp;ssl=1" data-orig-size="1453,2409" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Danyi_Kadaverräumer_Cover" data-image-description="&lt;p&gt;Zoltán Danyi&lt;br /&gt;
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