Letzter Messetag, Blaues Sofa, Barbara Wahlster im Gespräch mit Dževad Karahasan – einem bosnischen Schriftsteller, der am liebsten immer noch ein jugoslawischer Schriftsteller wäre.

20160320_124016

Anderthalb Jahrtausende umspannt sein neuer Roman Der Trost des Nachthimmels: vom 16. Schaban 496 in Isfahan bis zum 9. November 2008 in Bergen (Norwegen). Es geht um Macht, Spionage, Religion, Fanatismus und die Frage, ob wir Menschen freie Wesen seien, so Barbara Wahlster in der Einführung.

Die halbe Stunde auf dem Blauen Sofa war eine halbe Stunde der Aphorismen. Ich habe ein paar herausgepflückt.

Das ganze Gespräch kann man hier nachhören, hier gibt es ein Autoren-Inverview zum Buch.

Fundamentalismus

Fundamentalisten überschütten uns mit Antworten auf alle Fragen, die wir nicht gestellt hatten. Wann sind Sie zum letzten Mal einem Menschen begegnet, der eine Frage für sich hatte?

Macht

Der Sektenführer Hassan i-Sabah hat im Roman etwas begriffen.

Wenn du wirklich herrschen willst und nicht nur verwalten, musst du die Träume, Projektionen, Ängste deiner Bürger ansprechen, nicht ihre Bedürfnisse.

Liebe

Der kluge Abu Said muss von seiner Überzeugung abrücken, dass es zwischen zwei Menschen, die sich lieben, keine Geheimnisse geben dürfe.

Der Andere muss für immer und ewig der Andere bleiben.

Das ist kein neuer Gedanke. Aber Dževad Karahasan formuliert ihn neu:

Nur eine mystische Liebe könnte vielleicht am Ende in einem endgültigen Orgasmus, wenn beide gleichzeitig sterben, alle Geheimnisse ausräumen.

Zeit

Ich muss mich zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit zurechtfinden. Wir haben nur diese Gegenwart, im Hier und Jetzt. Aber Platon ist da, irgendwo, und Empedokles flüstert mir etwas zu.

Utopien

Das Leben ist erträglich, solange wir im Stande sind, an Utopien zu glauben, nach einer Wahrheit zu suchen, von der Liebe zu träumen.

Auch die Kunst gehört zu der Sphäre des Utopischen.

Das erinnert mich an einen Gedanken von William H. Gass: Literatur mache den Menschen nicht besser, sie mache nur das Leben erträglicher.

Man könnte auch sagen: Sie macht das Leben schöner.

(Bilder: Sieglinde Geisel)

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Können Sie unabhängig von diesem Artikel das Buch von Herrn Karahasan empfehlen? Wird hier noch eine Rezension erscheinen? Ich bin jetzt nämlich neugierig darauf geworden.

    Antworten

    1. Es freut mich, dass Sie neugierig geworden sind! Ich habe erst hundert Seiten gelesen und kann das Buch sehr empfehlen, auch aufgrund der Kenntnis der früheren Werke von Dzevad Karahasan. Es ist ein ganz eigener Ton, eine Sprache, die sich Zeit lässt, bisweilen in weit geschwungenen Sätzen, mit Freude am Gedankenspiel, und mit viel Tiefe.
      Rezension folgt!

  2. Ich gestehe, den „Trost des Nachthimmels“ noch nicht gelesen zu haben. Aber ich gestehe auch, mich auf die Lektüre sehr zu freuen. Dzevad Karahasan ist ein wunderbarer Erzähler, der uns noch eine Ahnung davon geben kann wie das einmal war, als die „Weisheit, die „epische Seite der Wahrheit“ ( Walter Benjamin ) noch nicht ausgestorben war.

    Antworten

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)