Warum kommen die Flüchtlinge eigentlich nicht mit dem Flugzeug?“ Am Geld kann’s nicht liegen.

Diese Kinderfrage weht über der Tiger-Arena vor dem Gorki-Theater. Sie ist uns abhanden gekommen, ohne dass wir es gemerkt haben. Daran, dass Flüchtlinge zu Fuß gehen, haben wir uns gewöhnt, irgendwie gehört das nun mal zu einer Flucht. Das Prinzip des Non-refoulement besagt, gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention, dass Kriegsflüchtlinge nicht zurückgewiesen werden dürfen. Doch dazu müssen sie die EU erst einmal erreichen. Hand aufs Herz: Wem von uns war bewusst, dass es seit 15 Jahren ein Gesetz gibt, dessen Zweck darin besteht, dem Non-refoulement durch ein Beförderungsverbot zuvorzukommen?

Mit seiner Tiger-Agitprop-Show „Flüchtlinge fressen“ ist es dem Zentrum für politische Schönheit (ZPS) gelungen, die Richtlinie 2001/51/EG – in Deutschland Artikel 63 des Aufenthaltsgesetzes – ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Nun reiben wir uns die Augen, nicht Was ist hier zynisch: die Inszenierung oder die Wirklichkeit? nur über das Gesetz, sondern auch darüber, dass wir es nicht kannten. So schlecht also wissen wir Bescheid über die Welt, in der wir leben. Heute, am 24. Juni 2016, stimmt der Bundestag auf Antrag der Linken über die Abschaffung des Beförderungsverbots ab. Wird das Gesetz abgeschafft, fliegen am 28. Juni einhundert syrische Flüchtlinge von Izmir nach Tegel, der crowdfinanzierte Flug mit der „Joachim 1“ ist Teil der Aktion. Wird das Beförderungsverbot dagegen beibehalten, werden Flüchtlinge sich aus Protest den Tigern vor dem Gorki-Theater zum Fraß vorwerfen, so die erpresserische Spielanweisung der Aktion „Flüchtlinge fressen“.

„Unangemessen und zynisch“ sei die Aktion, befand das Innenministerium. Auf diesen Vorwurf hatten die Macher es abgesehen, denn er bereitet die Bühne für ihre Botschaft: Nicht die Inszenierung ist zynisch, sondern die Wirklichkeit, die uns in dieser Inszenierung vor Augen geführt wird. Im Facebook-Chat klingt das so:

„Wie geistesgestört muss man eigentlich sein, um so etwas gut zu heißen?“

„Wie geistesgestört muss eine Gesellschaft sein, um Tausende von Menschen ertrinken zu lassen, statt in Flugzeuge steigen zu lassen?“

Auch die unvermeidliche Tierschutz-Debatte, die seit Tagen auf Facebook ausgetragen wird, ist Teil des Spiels: Der Vorwurf, dass uns Tiere mehr am Herzen liegen als Menschen, gehört zu den Leitmotiven des ZPS.

Wenn etwas an der Aktion „Flüchtlinge fressen“ zynisch ist, dann dieses abgekartete Spiel mit der Empörung. Nach diesem Muster wird jede Reaktion Teil der Inszenierung, auch diesmal klappt es wie am Schnürchen. Man wundert sich, wie bereitwillig manche Leute dem ZPS auf den Leim gehen. Die Idee der Aktion ist natürlich hanebüchen – oder glaubt tatsächlich jemand, diese handzahmen Tiger aus dem Saarland würden jemals einen Menschen fressen dürfen? Sie wären danach für den Zirkus nicht mehr zu gebrauchen – ein zynischer Grund, aber einer, der gilt.

Bei den Kunstaktionen des ZPS kommt Es geht nicht um Zustimmung, sondern um Aufmerksamkeit.niemand heil heraus, das ist das Konzept. Auch wer meint, man könne sich auf die Fragen der Ästhetik beschränken, verhält sich zynisch. Diese Inszenierung lässt nicht zu, dass wir nach der Vorstellung zufrieden nach Hause gehen, weil uns die Präsentation ästhetisch so gut gefallen hat.

Die Aktionen des ZPS nutzen die Mechanismen der Werbung: Es geht nicht um Zustimmung, sondern um Aufmerksamkeit.

Dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, liest man jeden Tag in der Zeitung. Doch wer von uns begreift, dass das nicht nur in der Zeitung steht, sondern tatsächlich geschieht? Das stumme Bild des ertrunkenen Aylan Kurdi am Strand hatte uns im letzten Herbst für einen Moment aufgeschreckt. Wir ahnten, dass hier ein Verbrechen geschehen ist, worin genau es auch immer bestehen mag. Die Kunst verweigert uns diesen Schrecken meistens: Im griechischen Drama findet die Schlacht abseits der Bühne statt, alles andere wäre geschmacklos, so wie der berüchtigte „Bärli-Song“ in Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen, mit jenem Vers, der einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht:

wenn das Baby beim Ertrinken nach der Mama schreit…

Ein Aylan Kurdi-Moment auf der Bühne, wo sich Wirklichkeit verdichtet und uns zum Hinschauen zwingt. Reflexhaft wehren wir uns mit einem angewiderten „wie zynisch!“. Die Aktion „Flüchtlinge fressen“ setzt dem noch eins drauf: In der Vorstellung, jemand würde sich vor unseren Augen im Rahmen einer Kunstaktion von einem Tiger zerfetzen lassen, wird die theatralische Verdichtung ins Groteske übersteigert. Geschähe es tatsächlich, wäre es tatsächlich zynisch.

Niemand will zynisch sein, denn das bedeutet die Preisgabe des Menschlichen. Deshalb ist dieser Begriff so wirksam, wenn es darum geht, den Spiegel zurückzuweisen, den die Kunst uns vorhält. Wir wollen keins von beidem: Weder uns vorstellen, wie es ist, wenn ein Baby ertrinkt (ganz zu schweigen von der Vorstellung, es wäre unser Kind, ich bitte Sie!), noch wollen wir uns den kollektiven Zynismus eingestehen, der im Wegschauen besteht.

Dass Kinder ertrinken, wissen wir aus der Zeitung, aber wir wollen uns diesem Wissen nicht aussetzen. Wir wollen nicht bei denen sein, deren Sterben wir akzeptieren. Wir haben Teil an fremder Not, ohne dass wir gefragt worden wären, und das empfinden wir als Zumutung.Wir haben uns stillschweigend darauf geeinigt, dass es anders nicht geht. Wenn die einfach in ein Flugzeug steigen dürften, kämen Hunderttausende, und wo kämen wir da hin? Dafür sind wir nicht zuständig, schließlich können wir nicht das ganze Elend der Welt etc.

Und es stimmt, eine Lösung hat niemand. Wir sind hilflos, doch wer uns mit unserer Hilflosigkeit und unserem schlechten Gewissen konfrontiert, ist der Bote mit der schlechten Nachricht und wird geköpft.

Unser Abwehrzauber ändert nichts daran, dass wir die Welt mit den Gefährdeten teilen. Auf dem Mittelmeer wird dies offenbar. Kreuzfahrtschiffe fahren auf dem gleichen Meer wie die Schlauchboote der Flüchtlinge, ihre Leichen werden am gleichen Badestrand angeschwemmt, an dem Urlauber sich erholen, die mit Easyjet auf die griechischen Inseln geflogen sind. Damit wird das Mittelmeer zu einem metaphorischen Raum für das, was wir seelisch nicht bewältigen. Wir haben Teil an fremder Not, ohne dass wir gefragt worden wären, und das empfinden wir als Zumutung. Wir haben Angst – um uns, nicht um sie.

Was uns mit den Flüchtlingen verbindet, ist nicht Schuld, sondern Gegenseitigkeit.Das einzige, was uns retten kann, ist Nachdenken. Der Zweck des pseudo-zynischen Budenzaubers des ZPS ist „das Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst“ (Philipp Ruch). Was bedeutet es für Europa, dass es ein Gesetz wie das Beförderungsverbot gibt? Was bedeutet es, dass ein solches Gesetz im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent ist, als hätte es jemand geheim gehalten? Es ist schwer, sich auf die Welt, in der wir leben, einen Reim zu machen, deshalb die verhängnisvolle Anziehungskraft der klaren Worte, der einfachen Weltbilder.

Was geht uns die Not fremder Menschen an? In den Podiumsdiskussionen, die die Aktion „Flüchtlinge fressen“ begleiten, kehren die Formeln wieder, mit denen wir unsere Welt zu deuten versuchen.

  • Unser Wohlstand gründet auf der Ausbeutung der armen Länder.
  • Armut und Korruption sind eine Folge der Kolonialisierung.
  • Ein Land, das für die enormen Fluchtbewegungen des zweiten Weltkriegs verantwortlich ist, hat allen Grund, nun seinerseits Flüchtlinge aufzunehmen.

Wären diese geborgten Sätze wahr, hieße das, dass wir einen besonderen Grund brauchen, um uns um die Flüchtlinge zu kümmern, eine Schuld, die wir damit ausgleichen. Haben dagegen weder wir noch unsere Vorfahren etwas mit den Ursachen der Flucht zu tun, könnten uns, dieser Logik zufolge, die Flüchtlinge egal sein.

Der Zufall ist uns gnädig: Wir leben auf der anderen Seite des Schicksals. Das könnte sich ändern. Was uns mit den Flüchtlingen verbindet, ist nicht Schuld, sondern Gegenseitigkeit. Letztlich gibt es nur einen Grund dafür, dass wir die Flüchtlinge in Flugzeuge steigen lassen müssen: Wir würden ebenfalls in ein Flugzeug steigen wollen, wenn wir in ihrer Situation wären. Zynismus, also Menschenverachtung, beginnt dort, wo wir anderen nicht zugestehen, was wir für uns selbst in Anspruch nehmen.

Bildnachweis
Beitragsbild: von Sieglinde Geisel

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Vielen Dank! Dieser Beitrag drückt es wirklich sehr treffend aus. Diese Aktion hält uns den Spiegel vor. Sie ist vor allem eins: schmerzhaft. Ich finde, es geht vor allem darum, dass wir den Schmerz wahrnehmen, ihn nicht betäuben und reflexhaft abwehren. Gerade auch dann, wenn wir keine Lösung haben. Wichtig finde ich auch, dass es nicht primär um Schuld geht. „Wir würden ebenfalls in ein Flugzeug steigen wollen, wenn wir in ihrer Situation wären.“ Ganz genau! „Zynismus, also Menschenverachtung, beginnt dort, wo wir anderen nicht zugestehen, was wir für uns selbst in Anspruch nehmen.“ Volle Zustimmung!

    Dennoch, wenn wir uns dann fragen, was es für einen Ausweg geben könnte, dann komme ich doch ganz schnell an den Punkt: Zunächst einmal aufhören, weiteren Schaden anzurichten und Elend zu verbreiten. Wir könnten etwa aufhören uns daran zu beteiligen, was ich institutionalisierte Massenvernichtung durch Hunger nenne. Die die nach EU-Norm gewachsene Banane hat das „Recht“ komfortabel einzureisen. Unter welchen Bedingungen Menschen diese Güter von uns produziert haben, welche EU-Norm interessiert sich dafür?
    https://seinswandel.wordpress.com/2014/06/14/massenvernichtung-durch-hunger/
    https://seinswandel.wordpress.com/anm/der-hunger-der-welt/

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  2. Hartmut Finkeldey

    Vor ziemlich genau einem Jahr notierte ich zum zentrum – damals zwar schon angedeutet skeptisch, aber noch hoffnungsvoll:
    „Das Zentrum für politische Schönheit re-etabliert Schönheit als Politische Kategorie, und das ist zunächst einmal gut so, nach 25 Jahren postmoderner Beliebigkeit, Schmalspurklamauk, Befindlichkeitsprosa und poetologisch rückversicherter, wirklichkeitsloser Poesie. Denn Speichelleckereien sind, was immer sonst, vor allem eines: häßlich.

    Die Gefahr, hier werde der Tod ästhetisiert, man selber damit schleichend faschisiert, eine Gefahr, auf die ich soeben nochmals per Email aufmerksam gemacht wurde, besteht dabei immer. Es beginnt ganz einfach – nämlich damit, klammheimlich, klammoffen nach ‚möglichst‘ hohen Totenzahlen zu schielen…weil diese Toten Sinn verleihen. Das einzig wirksame Antidot gegen jene fatal falsche Identifizierung mit den Opfern (die dann, weil identitätsstiftend, regelrecht ‚benötigt‘ werden) ist jene Warnung, die ich wieder und wieder ausspreche: die davor, Politik und persönliche Identität zu vermengen. Und das meint, sobald Schönheit politisch wird: ich warne, Schönheit und persönliche Identität zu vermengen. Solange das „Zentrum“ sich seine Realitätshärte erhält, sollte diese Befürchtung gegenstandslos sein. Aber es darf seine Aktionen weder identitär aufladen, noch übrigens, die zweite, handfestere Gefahr, zum Geschäftsmodell verkommen lassen (Stichwort „Greenpeacisierung“).“

    Inzwischen haben sich meine angedeuteten Befürchtungen wohl bestätigt, insofern unterschreibe ich fast alles, liebe Sieglinde (es wäre jetzt etwas albern, so zu tun, als kennten wir uns nicht).

    Fast. Nicht so ganz.

    Die Sätze sind „geborgt“, stimmt schon, und es gibt eine billige Pose des mea culpa…aber sind sie deswegen völlig unwahr?

    Als die Geschichtswissenschaft – einzelne Vorläufer vorausgesetzt – in den 1970er Jahren als direkte 68-Folge zum ersten mal umfänglicher die ehemaligen Kolonien Europas in den Blick nahm, gab es tatsächlich zunächst eine moralische Eindeutigkeit. Verkürzt gesagt: „Wir“ Europäer sind schuldig, schuldig, schuldig. Dies wird inzwischen durch einen differenzierteren Blick ergänzt. Nicht, dass irgend wer auf die Idee käme, Kolonialismus etwa moralisch entschulden zu wollen – daran denkt auch heute kein Mensch, der bei Trost ist. Aber es geht schon um eine differenziertere Analyse dessen, was es für die conditio humana bedeutet, wenn zwei unterschiedliche Kulturen miteinander kollidieren. Warum hat Europa, dieser kleine, an sich geografisch unbedeutende Halbkontinent, technologisch (natürlich nicht kulturell, schon gar nicht menschlich) ‚das Rennen gemacht‘? Warum hat Europa ein halbes Jahrtausend lang die Welt derart beeinflusst, dass selbst eine so großartige, im 17. und 18. Jdt. noch bewunderte Kultur wie die der Chinesen sich zeitweilig europäischen Einflüssen beugen musste (Opiumkriege, Boxeraufstand etc)? Und diese Fragen wertfrei zu stellen, führt dann in der Tat zu Antworten, die darauf hinaus laufen – man denke nur an die willkürlichen, europäischem Kolonialinteresse geschuldeten Grenzziehungen in Afrika -, Europa das Gericht zu sprechen. Noch heute gibt es in Deutschland Carl-Peters-Strassen!

    Natürlich ist es letztlich Gegenseitigkeit, die „uns“ mit „den Flüchtlingen“ verbindet, nämlich die Tatsache, dass wir alle dem Menschengeschlecht angehören. (Diese schlichte Tatsachenfeststellung darf inzwischen als „Gutmenschentum“ verhöhnt werden!) Aber diese These droht ihrerseits, zum Abstrakt-Humanismus zu verkommen. Dass Afrikaner gefahrvoll nach Europa kommen, nicht umgekehrt, hat unter anderem ganz konkrete geschichtliche Gründe, und die müssen wir nennen. Brecht sagt es so: „Und der Arme sagte bleich! Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich!“ Das hat übrigens nicht nur etwas mit Kolonialgeschichte zu tun. Man google „Coltan“, man informiere sich über die Besitzverhältnisse in Afrika, über enteignetes Land, und wird wissen.

    Auch Du plädierst ja dafür, den Flüchtenden (es sind Flüchtende, nicht Flücht“linge“ – klingt so nach „Sträflinge“, ich schreibs aber auch meistens falsch) den Flug zu ermöglichen.

    ZPS hin, ZPS her…wenn deren Aktion dazu beiträgt? Why not? Da bin ich pragmatisch. Dass Du und ich – in aller Bescheidenheit – das ZPS nicht nötig hatten…je nun.

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    1. Wichtige Hinweise: Die simple, naturwissenschaftliche Tatsache, dass wir alle anthropologisch aus Afrika kommen, wird von manchen Iwantmycountryback-Gehirnen schon als Gutmenschscheiß denunziert. Und das zufällige Verschontsein von Armut und Hunger wird als Verdienst umgelogen.
      Von mir wie von vielen Anderen: Danke für den Text!

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