Die Wahl von Trump ist eine Absage an die westliche Welt, wie wir sie kennen oder zu kennen glaubten. Dass Trump sich nicht um die Wirklichkeit schert, ist sein Erfolgsrezept: Er ist stärker als die Wirklichkeit, und das ist der Inbegriff von Macht.

Es muss ein ungeheures Machtgefühl sein, einen Mann zum amerikanischen Präsidenten zu wählen, der es in den meisten Städten nicht einmal zum Bürgermeister bringen würde, weil er sich über alles hinwegsetzt, was die Vernunft oder auch nur der Anstand gebietet. Ein Machtgefühl, dessen Rausch alle Bedenken hinwegfegt: Oh yes, we can! Wir geben einem Verächter der Wirklichkeit die Macht, die Wirklichkeit zu gestalten! Die abweichenden Prognosen zeigen immerhin, dass es Hemmungen gibt, diesen Tabubruch zuzugeben, das kennt man bereits vom Brexit und dem Minarettverbot in der Schweiz. Gut möglich, dass nun auch in den USA auf den Rausch der Kater folgt. Oops! War nicht so gemeint! Man hatte doch nur mal auf den Tisch hauen, es den anderen zeigen wollen (wer immer sie auch seien). Und dann wundert man sich am nächsten Tag, dass die Wahlurne kein Stammtisch ist.

Die Rache der Gekränkten

Es sind die zu kurz Gekommenen, die so wählen, pardon: diejenigen, die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, denn Emotionen sind bekanntlich die neuen Fakten. Kein Gefühl ist so leicht entflammbar wie das Ressentiment, denn es lässt sich nicht in Frage stellen. Wir alle kennen die Gekränkten aus unserem Privatleben, und wir alle fürchten sie. Sie sind Argumenten unzugänglich, denn in ihrem Tunnelblick für das vermeintliche Unrecht, das ihnen geschehen ist, fühlen sie sich ganz und gar im Recht. Die Grenze zum Wahn ist fließend.

Die Enttäuschten aller Länder wollen ernst genommen werden, und in Amerika hat das Kalkül funktioniert. „Wir können auch anders!“ Mit dem Stimmzettel haben die Wähler diese Drohung wahr gemacht, doch die Analysemaschine war schon lange zuvor in Gang. Im Wettbewerb, wer dem Phänomen spektakulärer Dummheit auf die intelligenteste Weise zu Leibe rückt, ist der amerikanische Qualitätsjournalismus in den letzten Tagen zur Hochform aufgelaufen.

He’s not Hitler, as his wife recently said? Well, of course he isn’t. But then Hitler wasn’t Hitler — until he was.

Adam Gopnik, The New Yorker

With his simple, mean, boy’s heart, Mr. Trump wants us to follow him blind into a restoration that is not possible and could not be endured if it were.

Harry Belafonte, The New York Times

Die Analyse der eigenen Schwächen war schon immer Amerikas grösste Stärke. Nur nützt es dem Land nichts, wenn die Wähler von diesen Analysen nichts wissen wollen. Sie schauen lieber fern und vertrauen sich damit dem zynischsten aller Medien an.

It may not be good for America, but it’s damn good for CBS.

Les Moonves, CEO von CBS, über den Wahlkampf

Rattenfänger-Narrativ

Der Realitätsverlust wird gefeiert, weil sich viele Bürger nicht mehr als Teil dieser Realität erfahren. Die zunehmende Komplexität der modernen Welt erscheint als Zumutung: Es wird kompliziert, wenn man es nicht mehr nur mit Seinesgleichen zu tun hat, sondern mit dem Anderen, in seiner vielfältigen Erscheinung. Auch die Polit-Bürokratie ist kompliziert und erst recht ist es die Finanzkrise, die niemand versteht und für die offenbar niemand büßen musste außer den Opfern. Dem Instinkttäter Trump ist es gelungen, sämtliche Konflikte auf ein mehrheitsfähiges „Wir gegen sie“ herunterzubrechen, wer auch immer gegen wen auch immer – ein Rattenfänger-Narrativ.

Wählen, was einem gut tut, zerstört Demokratien. Die Wahl eines strongman wie Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt zeigt, von wem heute die grösste Gefahr für die Volksherrschaft ausgeht: vom Volk.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

8 Kommentare

  1. Es gab einmal einen Münchner Kammersänger, der an den Tagen seines abendlichen Auftritts in der Oper mit einem Schild vor dem Bauch durch den Englischen Garten ging.“ Ich möchte nicht angesprochen werden. Heute Abend Auftritt“ war auf diesem Plakat zu lesen. Heute, am ‚Day after‘ der amerikanischen Wahlen, möchte ich auch mit einem gut sichtbaren ‚Sandwich-Plakat‘ durch die Strassen gehen: „Trump ist eine Zumutung. Gebe keine weiteren Kommentare.“ Ihre Anmerkungen zur ‚Trump-Wahl‘ unterschreibe ich Wort für Wort – nur ähnliche „Sermons for the convinced“ sind ja heute schon dutzendweise, vielleicht zu Hunderten per Mails und Tweets auf meinen Bildschirm geflattert. Wir – ich zähle einmal die Autorin des ‚teil-Textes dazu – sind wirklich großartig in der Analyse von Phänomen wie Trump & Co, aber wir reden und schreiben und predigen doch nur für unsere bereits überzeugten und jetzt so schockierten On- und Offline-Gemeinden. Was aber können ( und müssen ) wir jetzt tun, um wenigstens kleine Dämme gegen die Wellen an Dummheiten, Wut- und Hassorgien des selbsternannten ‚Volkes‘ zu errichten? Wo kann man sich wie mit wem organisieren, um die uns wichtigen zivilen Werte und Menschenrechte zu verteidigen? Darüber möchte ich sprechen und streiten. Zu Trump aber erinnere ich am ‚Day After‘ nur an den Münchner Kammersänger. “ Trump ist eine Zumutung. Gebe keine weiteren Kommentare.“

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  2. Peter Krüge-Wensierski 9. November 2016 um 18:34

    Geben Sie hier bitte Ihren Kommentar ein, wenn ich das umformulieren darf.

    Trump macht mir Angst, aber die Angst um Freiheit und Autonomie habe ich nicht erst seit Trump.Das, was Frau Geisel schreibt, ist allerdings dieser bequeme ‚Ostenküstenton‘ ( würde sie denn aus Amerika kommen ), erbarmungsloses Geschimpfe auf Menschen, deren Verweigerung schrecklich naiv ist, die aber mit ihren Sorgen und Nöten unbedingt ernst genommen werden müssten. Statt der bekannten Bewertungs- und Verurteilungseflexe müsste man mutig benennen, was uns allen verloren geht: Orientierung, Humanität, Respekt, die Erahrung von Dasein und Dauer im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses. Und: Jeder Mensch hat ein Recht auf Arbeit und ein Recht auf ordentliche Abzahlung seiner Hypothek. Arbeit und Einkommen sind im Bewusstsein von Amerikanern, mehr noch als hier,Teil einer Agenda der Selbstachtung. Trump ist in der Tat eine erschreckende Erscheinung, aber die Arroganz gegenüber dem, was hier ‚Volk‘ genannt wird, greift zu kurz und bleibt unglaubwürdig. Diese Menschen sind schon gar keine ‚Ratten‘ …

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    1. Anselm Bühling 10. November 2016 um 0:50

      „Diese Menschen sind schon gar keine ‚Ratten‘“

      Natürlich nicht. Das sagt auch niemand. Der Rattenfänger von Hameln, auf den das im Artikel verwendete Bild anspielt, fängt ja gerade keine Ratten.

    2. Dann wären die Wähler folglich KInder? Das sehe ich ein wenig anders. Hier hat sich ein Wählerwille kundgetan und es wäre nun wesentlich, hierfür die Gründe zu finden und zu analysieren, was Menschen bewogen hat, Hillary Clinton NICHT zu wählen. Denn das ist schließlich auch ein Ergebnis dieser Wahl. Weshalb sind viele der Latinos und Schwarzen, die vor vier Jahren noch Obama wählten, nicht zur Wahl gegangen? Nach all dem müßte gefragt werden. Den Wähler als kindisch zu betrachten oder zu sagen, daß es sich lediglich um Ressentimentwähler und Gekränkte handelt, greift zu kurz. (Davon ab, daß ich nicht weiß, ob es wirklich sinnvoll ist, Wählerschichten zu pathologisieren.)

    3. Er kann Menschen wie Ratten fangen mit seiner wohligen Melodei sagt das Bild.
      Ich meine aber zu wissen, was Herr Krüge-Winsierski sagen will und auch gesagt hat: Trumps Wahl ist das Ende der neoliberalen Zweidrittel-Gesellschaft, die so lange funktionierte, so lange die Zwei Drittel in der Mehrheit waren. Das ist nun nicht mehr der Fall. Denn Trump hat eine Sozialarbeitertugend wieder aufleben lassen: Er hat in der Tat die Menschen dort abgeholt, wo sie standen. In den Schlangen vor den Discountern als letztes Drittel oder – wohl noch mehr – als vom Abrutsch ins letzte Drittel Bedrohte. Nachdem das erste Drittel jahrzehntelang in seinen Limousinen ignorant an diesen Schlangen vorbeirerauscht ist, darf Wahlvolkbeschimpfung nun nicht die Antwort sein.

      Vielmehr sollte die selbsternannte Elite ebenfalls eine Sozialarbeitertugend für sich entdecken: Eigenanteil erkennen. Dieser Eigenanteil reicht vom Bagatellisieren der Zweidrittel-Gesellschaft und der Folgen des Neoliberalismus bis zum Praeferieren unwichtiger Nichtigkeiten: Mit Veggiedays und gendergerecht formulierten Amtsblättern – beides wird als gesellschaftlicher Fortschritt verkauft – wird man populistische Orkane wohl kaum aufhalten können.

      Ob das reicht, das massiv verloren gegangene Vertrauen in die Demokratie bis zur Wahl 2017 wieder herzustellen, ist sicherlich zweifelhaft. Mir fällt aber auch nichts anderes ein.

    4. Die Nöte, die Sie benennen, nehme ich durchaus ernst: das Recht auf eine menschenwürdige Existenz, Humanität, Respekt – doch gerade das hat ja Trump nicht zu bieten. Er wendet sich an die niederen Instinkte derjenigen, die Angst haben vor Veränderung, vor der Zukunft. Trump nimmt deren Nöte nicht ernst, er beutet sie aus. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich die in ihrer Existenz bedrohten sind, die diese Wahl zu verantworten haben. Trump hatte am meisten Erfolg bei den alten weißen Männern. Vielleicht geht es nicht so sehr um tatsächliche Not, sondern um Besitzstandwahrung gegenüber Ärmeren, Farbigeren.
      Auch das wäre natürllich ernst zu nehmen. Doch das ist nicht so leicht: Wie erreicht man diese Wählerschichten?

    5. Tja, wie erreicht man diese Wählerschichten? Ich weiß es auch nicht. Das Vertrauen in die Demokratie ist weg, ein Teil (nicht alle) dürfte auch rassistisch verblendet sein. Ich weiß aber, dass man sie nicht mit erneuter Abquallifizierung erreicht.
      Kaube heute in der FAZ über „Die Irrtümer der Wähler-Beschimpfer“. Wer kennt es schon?

  3. Stephen Greenblatt hat dazu in der New York Times vom 8.Oktober einen großartigen Artikel geschrieben: http://www.nytimes.com/2016/10/09/opinion/sunday/shakespeare-explains-the-2016-election.html?_r=0
    Vielleicht hat ja jemand die Muße ihn zu übersetzen – er wäre es wert, auch nach der Wahl!

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