Zwischen Paul Celan und Thomas Tranströmer gibt es einen Li Shangyin;
Wir sollten den Stein aufbohren und mit der Vogelscheiße eines Jahrtausends
ganz langsam ein Brot aus seinem Schatten backen.

Wie backt man Brot aus dem Schatten eines Steins? Oder ist es der Schatten des Jahrtausends – oder der Schatten von Li Shangyin? Symbolisieren Vögel in der chinesischen Lyrik die Dichter? Und sind ihre Gedichte die jahrtausendealte Scheiße, von der hier die Rede ist?

Im Gedicht „Gesellschaft für Flugversuche“ von Zang Di (hier können Sie sich das Gedicht bei Lyrikline auf Chinesisch anhören) geht es darum, Dichter herauszuholen – aus Bäumen, Löchern, grünen Hügeln. Mehr Namen fallen: Ted Hughes, Jiang Kui, Du Fu. Ich verliere den Faden bei der Lesung im Haus für Poesie in Berlin. Wahrscheinlich wurde dieses Gedicht gerade wegen dieser Namen für den Einstieg ausgewählt. Der Verweis auf Celan und Hughes suggeriert Nähe, die kennt man schließlich. Aber mir hilft das nicht weiter, das Gedicht bleibt rätselhaft.

Die Anthologie Chinabox, die an diesem Abend vorgestellt wird, versammelt zeitgenössische chinesische Gedichte von zwölf Autoren und Autorinnen. Die Texte sind in Deutschland bisher unbekannt. Die Buchpräsentation führt mich auf fremdes Terrain.

Zwischen Banalität und Nicht-Verstehen

Abwechselnd tragen die Herausgeberin Lea Schneider und der Künstler Yan Jun auf Deutsch und Chinesisch vor, manche Gedichte in beiden Sprachen, andere nur in einer. Yan Jun liest das Gedicht „Straße der Roten Armee“ von Han Bo (hier können Sie sich das Gedicht bei Lyrikline auf Chinesisch anhören). Ich verstehe kein Chinesisch und kann mich voll auf den Klang konzentrieren. In Yans Vortrag treten Wiederholungen und Wiederaufnahmen zutage, doch ihr ästhetischer Gehalt bleibt mir verborgen. Auch in der deutschen Übersetzung bleibt das Gedicht für mich opak:

harbin: ein menschenstrom brodelt, kocht den tag hart.
mit dem zug kommt ein russland, das längst von seinen studenten
vertilgt worden ist. überschüssige nacht, elektrisiert, hand in hand
wird das studentische russland von neon und stalin gefälscht.

Der Abstraktionsgrad dieser Metaphorik zwischen Kochtopf und Labor scheint hoch, aber zumindest verstehe ich etwas. Harbin ist eine Stadt nahe der russischen Grenze. Nur: Auf welchen Studentenaufstand wird hier abgezielt? Wieso verfälschen Kapitalismus („Neon“) und Totalitarismus („Stalin“) das studentische Russland? Und was ist das überhaupt? Was ist ein hartgekochter Tag? Vielleicht ein Ei? Aber vertilgt wird dann doch Russland und nicht der Tag. Die Strophe überfordert mich, und mit der zweiten wird alles noch kryptischer. Den Anfang habe ich längst wieder vergessen, haltlos rauschen die Verse vorbei.

kann sich der dichter den tag nicht leisten, isst das warten zumindest umsonst,
ist das warten ein wrap, gerollt von einer mageren mutter vom lande
aus einem vater unbekannter herkunft, der über die zutaten schimpft,
ein hartgekochtes warten, von neon und stalin gefälscht.

Der Dichter ist arm, das Warten hingegen isst umsonst, obwohl es selber ein Wrap ist, hartgekocht wie der Tag und mit schlechten Zutaten. Geht es um Regimekritik? Die Menschen hungern und warten umsonst auf bessere Zeiten, und die Schuld daran tragen natürlich der Kapitalismus und Stalin. Ich bin unsicher: Ist die Pointe des Gedichts tatsächlich so banal, oder ist mein Verständnis zu beschränkt?

Lost in Translation?

Die Brüche, die den Zugang zur neuen chinesischen Lyrik erschweren, werden auch in der Diskussion thematisiert. „Warum ist die zeitgenössische chinesische Lyrik in Deutschland so unbekannt?“, will der Moderator Asmus Trautsch von Lea Schneider wissen. Das Chinesische sei eine schwer erlernbare Sprache, und nur wenige chinesische Texte würden ins Deutsche übersetzt, so Schneider. In die umgekehrte Richtung sei das anders. Das Chinesische erlaube viel mehr Ambiguität, denn es verfügt weder über Deklination und Konjugation noch über Artikel. Das alles stehe der peniblen Grammatik der deutschen Sprache diametral entgegen.

Die Übersetzung der Gedichte von Chinabox, so Schneider, sei „ein wahnsinniges Unterfangen“ gewesen: „Wie kann ich auf Deutsch ein Gedicht schreiben, das die gleiche Wirkung hat wie das chinesische Original?“ Angesichts der Vieldeutigkeit des Chinesischen, das auch semantisch mehrere Ebenen auf einmal abruft, sei man als Übersetzer immer zu Entscheidungen gezwungen: „Übersetze ich Klang, Bild oder Sprache?“

Die Wanderarbeiterin Zheng Xiaoqiong gibt in „Erzählung von den Konsumgütern“ ihre Erfahrungen mit dem rastlosen Leben zwischen den Fabriken wieder:

[…] teil sechs sind schrauben, bleiche kinderarme, lohnrückstand, strafgelder, der zerstörte takt deiner menstruation, die krankengeschichte der erkältungen, vertrocknete mimik und einsamkeit, wie ein ozean das statische rauschen der deckenleuchten, dein gehaltscheck, der auf dem fluss einer weit entfernten stadt treibt, teil sieben sind maschinen die schlafsäle des dialekts, des dialekts aus hunan, der sich über dem sichuan-dialekt ausstreckt und träumt, des dialekts aus hubei, der neben dem aus anhui einzieht, während die maschine des gansu-dialekts dem jiangxi-dialekt den halben finger abbeißt, und die nachtschicht des guangxi-dialekts, die dunkelheit des guizho-dialekts, vollgesogen mit regen, der yunnan-dialekt, der sich in den schlaf murmelt, und der aus henan, der ein enges seidenkleid trägt. teil acht sind […]

Die lyrische Liste ist konkret, die Worte klingen vertraut. Aber gelesen wirkt das Gedicht monoton und wenig kunstvoll. Es erscheint mir als Abbild der Erfahrung eines Menschen, der von den Maschinen bedient wird und nicht umgekehrt. Die Bilder ziehen vorbei wie an einem Fließband. Ich entdecke nichts, was über die trostlose Monotonie hinausginge, aber das mag auch daran liegen, dass diese chinesische Wirklichkeit von mir so weit entfernt ist.

China sei das „developing paradise of capitalism“, so Yan Jun, der sich als DAAD-Stipendiat zur Zeit in Berlin aufhält. Viele Menschen wollten mit der Sprache die Realität reparieren, er jedoch wolle das Unfertige. Der Kapitalismus mache alles austauschbar: „I try to keep something, which is not to be exchanged“. Es gebe Dichter, die schrieben, um verstanden zu werden – zu diesen gehöre er nicht.

Yan Jun performt Hypnotic Noise

Yan Jun performt „Hypnotic Noise“

Der Abend endet mit einer „Hypnotic Noise“-Vorführung: Immer wieder raunt Yan Jun „O“ ins Mikrofon, minutenlang, laut oder leise, effektvoll verstärkt, mal wirkt es wie Meeresrauschen, mal erinnert es mich an Kehlkopfgesang. Eine solche Performance kann nicht fertig sein, denn es gibt dafür kein Ideal, an dem man sie messen könnte. Sie verwehrt sich dem Tausch gegen eine Interpretation, leistet Widerstand gegen die Abstraktion. Ich höre zu und bin erleichtert. Zu verstehen gibt es jetzt tatsächlich nichts.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Alpha Factory Sewing
Via WikimediaCommons
Bild Yan Jun: Sieglinde Geisel

Cover „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“: Verlagshaus Berlin
Angaben zum Buch
Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik.
Hrsg. v. Lea Schneider
Sammelband
Verlagshaus Berlin 2016 · 300 Seiten · 24,90 Euro
ISBN: 3945832209
Bei Amazon oder buecher.de
chinabox-cover

Von Paul Hohn

Lebt und studiert in Berlin.

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