Nikolaus Lenau

Herbst

(1833)

Nun ist es Herbst, die Blätter fallen,
Den Wald durchbraust des Scheidens Weh;
Den Lenz und seine Nachtigallen
versäumt‘ ich auf der hohen See.

Der Himmel schien so mild, so helle,
Verloren ging sein warmes Licht;
Es blühte nicht die Meereswelle,
Die rohen Winde sangen nicht.

Und mir verging die Jugend traurig,
Des Frühlings Wonne blieb versäumt,
Der Herbst durchweht mich trennungsschaurig,
Der schon dem Tod entgegenträumt.

(Ab der dritten Auflage 1837 lautet die Schlusszeile: Mein Herz dem Tod entgegenträumt. Da man lange Zeit dem Editionsprinzip der „Ausgabe letzter Hand“ huldigte, ist das Gedicht mit dieser Schlusszeile in die Anthologien eingegangen.)


Bestimmte Gedichte und bestimmte Dichter haben ihre Konjunktur. Nikolaus Lenau (1802-1850) ist ein gutes Beispiel. Über einhundert Jahre lang war seine Lyrik in jeder guten Gedichtanthologie vertreten. In dem ansonsten gelungenen Band Geschichte der deutschen Lyrik[1] allerdings taucht sein Name nicht einmal im Register auf. Wohl aber findet sich der Name Lenau im literarischen kollektiven Gedächtnis Österreichs.

* * *

Mein Herz dem Tod entgegenträumt

In seinem Roman Der Schüler Gerber[2] von 1930 schildert Friedrich Torberg die Maturaprüfung eines jungen Mannes namens Kurt Gerber. In seinem letzten Schuljahr hat Gerber unter einem Mathematiklehrer mit dem Übernamen „Gott Kupfer“ zu leiden gehabt, sowie unter dem Sterben seines Vaters und dem erwachenden Eros. Nach einer desaströsen Mathematik- und einer akzeptablen Lateinprüfung kommt Deutsch an die Reihe. In der Klausur ist Lenaus Herbst zu interpretieren.

Kurt war froh, daß er Lenau besprechen konnte, er liebte ihn, auch das Gedicht hier war ihm bekannt. Er wollte gut darauf achten, daß er es mit entsprechender Reserve vortrug. Nur keine warme, hingegebene Stimme, das gehört nicht hierher – aber als er die letzte Strophe las: Mein Herz dem Tod entgegenträumt, da merkte er plötzlich mit heißem Schreck, daß seine Stimme leicht zitterte. Etwas Hohes durchwogte ihn, etwas bisher noch nie Gefühltes: es war nicht eigentlich ungut, nein, nur ein wenig unbehaglich, etwas Unnahbares, Gewaltiges – was es in ihm auslöste, hätte er nicht zu sagen vermocht.

Gerber wird von diesem Gedicht so sehr überwältigt, dass er gar nicht merkt, wie gut seine Interpretation ist – so gut, dass es keine Nachfragen der Prüfer gibt. Nach der Prüfung ist er sich selbst fremd. Ist es Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Leben? Ist es Lenaus Gedicht, das den Schüler zum finalen taedium vitae führt und verführt? Friedrich Torberg, der diesen Roman mit zwanzig Jahren geschrieben hat, war selbst einmal durch die Matura gefallen – er lässt diese Frage offen. Kurt Gerber begeht Suizid, indem er aus dem Fenster des Schulgebäudes springt. Hinterher erfahren die Leser, dass er die Matura bestanden hat.

Tatsächlich ist Lenaus Herbst verführerisch, fast eine exakt gereimte Aufforderung zum Bilanz-Selbstmord. Es geht um ein gescheitertes Leben, um vergeudete Jugend, versäumte Liebe. Das Verb „versäumen“ kommt als einziges zwei Mal vor! Eine Bilanz, die zur Katastrophe treibt.

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Den Wald durchbraust des Scheidens Weh

In der ersten Zeile geschieht nichts Interessantes, der Herbst gehört zum Lebenslauf; die Erfahrung „Herbst“ macht jeder viele Male in seinem Leben. Dann aber legt Lenau los:

Den Wald umbraust des Scheidens Weh.

Den Wind gibt es immer, aber erst im Herbst hat er Macht. Dass er die Blätter jedes Jahr aufs Neue vor sich her treibt, ist eine Binse, dass man ihn als „des Scheidens Weh“ begreift, ist es nicht. Stilistisch wird der Wind personifiziert, eine Spezialform der Metapher, jedoch liegt in meinen Augen keine ‚Vermenschlichung‘ vor (wie etwa bei ‚Meeresbusen‘). Dieses nicht näher bestimmte ‚Weh des Scheidens‘ ist kalt, unpersönlich, objektiv. Es umbraust den Wald, umzingelt ihn also regelrecht und greift ihn – den Wald und also den Dichter – siegessicher an. Eine kühne, moderne, schon nicht mehr romantische Bildlichkeit.Immer wieder finden wir in Lenaus Werk Naturmetaphern, in denen er Phänomene der unbelebten Natur mit denen des menschlichen Lebens kontrastiert – und immer behält die unbelebte, amorphe Natur die Oberhand. In An den Wind entreißt ein „rauher, kalter Windeshauch“ dem Sänger noch die letzten Liebesgrüße. In Niagara heißt es: „Die Stromschnellen stürzen, schießen, / Donnern fort im wilden Drang, / Wie von Sehnsucht hingerissen, / nach dem großen Untergang.“

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Der Himmel schien so mild, so helle

Nach dem Herbstwind, dem Wald, dem Frühling, der Nachtigall und der See bringt Lenau jetzt den Himmel ins Spiel – und zwar offenbar als weiteres retardierendes Moment: Er „schien“ (natürlich doppeldeutig zu lesen!) so mild, so helle. Dieser Gegenentwurf zum Wüsten, zum Weh, wird jedoch sofort widerlegt: Sein warmes Licht ging „verloren“. Offenkundig ist der Himmel über dem Meer gemeint: Denn die Meereswelle „blühte nicht“, spiegelte also das Milde, Helle des Himmels nicht wider, und demzufolge können auch die rohen Winde nicht singen. Eine kühne, moderne, schon nicht mehr romantische Bildlichkeit. Denn Sache des Dichters wäre es eigentlich zu singen, doch der Dichter verliert sich hier abermals, er löst sich abermals auf im Wind. Ist „Himmel“ christlich zu lesen? Sicher auch. Lenau war stark christlich geprägt, legte aber gegenüber der Orthodoxie eine deutliche Verachtung an den Tag, wie so viele Intellektuelle und Künstler seit dem 18. Jahrhundert. Und so besteht das Gedicht denn in einer Absage an den Himmel als sinn- und ordnungsstiftendes Prinzip. Der Himmel hilft nicht mehr, er scheint bloß noch auf.

Man achte auf die Eröffnungszeile der letzten Strophe:

Und mir / verging / die / Jugend / traurig,

mit „/ die /“ als Zwischentakt: Die Zeile öffnet jambisch, endet aber nach dem Zwischentakt trochäisch. Sie steigt – und fällt dann. Die Jugend, Zeit der Hoffnung, des Erwachens, birgt hier bereits den Absturz in sich, denn der Dichter macht nichts, die Jugend passiert ihm: „mir“, nicht „ich“. Hier spricht schon kein ‚lyrisches Ich‘ mehr, eher ein ‚lyrisches Mir‘.

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Der Herbst durchzieht mich trennungsschaurig

Der Herbst ist ein altes literarisches Symbol. Lenau evoziert damit, wenig originell, Vergänglichkeit, Dahinscheiden, Alter, Verlust – aber durchaus auch Herbstfarben, Weinlese, Erfüllung, Reife, den notwendigen Rückzug für die Wiederkehr als Teil des Lebenskreislaufs. Lenaus Herbstgedicht ist formvollendete Ausweglosigkeit.Der Widerpart des Herbsts ist der Frühling – das beginnende Leben, die Jugend, die erste Liebe. Jedes Herbst-Gedicht bezieht seine Spannung daraus, dass es das zur Neige gehende Jahr mit den Hoffnungen des Frühlings kontrastiert. So etwa bei Eichendorff, wenn ihn die Glocken im Herbst an „stille Kinderzeit“ erinnern – „was mich liebt, ist weit“ (aber eben existent). So bei Shelley in seiner Ode an den Westwind.

In diesem Sinne ist Lenaus Herbst kein gewöhnliches Herbstgedicht. Keine Erfüllung, keine Weinlese, kein Ausblick auf einen neuen Frühling – der Frühling ist Vergangenheit und wird es bleiben, bzw. er existierte gar nicht, wurde versäumt. Keine versöhnenden Eichendorffschen Kinderstimmen, keine Shelleysche „trumpet of a prophecy“, die den Frühling wenigstens andeutet. Sondern formvollendete Ausweglosigkeit. Allein die Tatsache, dass Lenau dieses technisch brillante Gedicht notiert hat, mag man als Protest deuten: Werther bringt sich um, nicht Goethe. Kurt Gerber springt in den Tod, nicht der 20-jährige Friedrich Torberg. Das lyrische Ich träumt sich in den Tod, nicht Lenau, der seine wichtigsten Werke noch vor sich hat.

Nikolaus Lenau wurde 1802 in Tschadat (heute Lenauheim, Rumänien, damals Königreich Ungarn) geboren und starb 1850 nahe Wien; übrigens nicht an gebrochenem Herzen, oder woran sonst ein melancholischer Spätromantiker so zu sterben hat, sondern an den Folgen eines Schlaganfalls. Das Gedicht Herbst entstand 1833; Lenau war 31 Jahre alt, nach damaligem Verständnis also beileibe nicht mehr jung. Die Träume sind tot geboren. Melancholischer geht es nicht1832-33 war er unterwegs, er überquerte, als einer der ersten deutschsprachigen Literaten, den Atlantik, um in der ’neuen Welt‘ Perspektiven zu finden, die ihm das alte Europa offenbar nicht mehr bot. Nach einem halben Jahr kehrte er zurück, entgeistert von der frühkapitalistischen Geldmacherei: „Diese Amerikaner sind himmelanstinkende Krämerseelen“, schreibt er 1833 in einem Brief.

Herbst darf somit auch als autobiografisches Statement gedeutet werden. Die Hoffnung auf Besserung „versäumt ich auf der hohen See“. Das war bei Lenau, der dezidierte Vormärzgedichte schrieb, auch politisch gemeint, allerdings war bei ihm das Politische vor allem privat, wie bei allen politisierenden Romantikern. Die Träume sind tot geboren. Melancholischer geht es nicht. Dass der junge Intellektuelle und Schriftsteller Friedrich Torberg Ende der 1920er in Wien sich und seinesgleichen in diesem Gedicht wiederfand – wen wundert‘s?


[1] Geschichte der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Holznagel / Kemper / Korte u.a. Stuttgart: Reclam 2004.

[2] Ursprünglicher Titel: Der Schüler Gerber hat absolviert

Bildnachweis:
Beitragsbild © Lars Hartmann
Hartmut Finkeldey

Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

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