Disclaimer: Entgegen anderslautenden Gerüchten will der Page-99-Test keine Rezension ersetzen. Er bietet Gelegenheit, eine Gewebeprobe unter dem Mikroskop zu untersuchen. Inwiefern die Ergebnisse Schlüsse auf die Qualität des Ganzen zulassen, entscheide jeder selbst.

Auf Seite 99 dieses Dante-Romans werden wir Zeuge einer gemeinschaftlichen Levitation.

Sind die Leiber meiner Kollegen gewichtslos geworden, als sie sich zu ihrer himmlischen Auffahrt anschickten? Gab es eine Materieverwandlung, weg von der Kompaktheit der Körper, hin zu einer Ausfüllung ihres Inneren mit schwerelosen Seelenpartikeln, während die sichtbaren Konturen zur Wahrung  des äußeren Scheins beibehalten wurden?

Wie kann sich Materie weg von einer Kompaktheit hin zu einer Ausfüllung verwandeln? Körper verlieren ihre Kompaktheit und werden dafür mit Seelenteilchen gefüllt, und dies, „während die sichtbaren Konturen zur Wahrung des äußeren Scheins beibehalten wurden“. Vulgo: Man hat den Körpern nichts angesehen. Aber wovon hat man ihnen nichts angesehen? Davon, dass sie leicht genug wurden für die Auffahrt? Viele Worte um nichts, dazu passen die Redundanzen: Das Innere der Körper wird (aus!-)gefüllt, Seelenpartikel sind schwerelos, Konturen sind sichtbar.

Dass eine geistige Leichtigkeit sie ergriffen hatte, die in der Schwerelosigkeit ihrer körperlichen Verfassung zum Ausdruck kam, und zwar bevor die himmlischen Manöver konkret begannen, das war spürbar, war sichtbar, denn auch die älteren Kollegen bewegten sich plötzlich mit einer Geschmeidigkeit, die ihnen vorher keiner zugetraut hätte.

Leichtigkeit kommt in der Schwerelosigkeit einer Verfassung zum Ausdruck? Und zwar bevor die himmlischen Manöver konkret (!) begannen, vulgo: bevor die Körper abhoben. Dazu die vielen schwachen Endungen, bereits in den ersten beiden Zitaten:

  • -los (2)
  • -ung (4)
  • -bar (3)
  • -heit (1)
  • -igkeit (3)

Dabei sind wir noch nicht einmal bei der Hälfte der Seite angekommen. Starke Substantive („Leiber“, „Körper“, „Schein“) gibt es kaum, statt dessen Substantivierungen und Fremdwörter.

Das ändert sich jetzt:

Noch einmal zu den Blinkflämmchen, den Glühfeuern im nachtdunklen Höllenszenario, die als Signalgeber über den Türmen der Satansstadt Dis aufleuchten. Sie erinnern mich an die Industrieschornsteine im Ruhrgebiet und anderswo, aus denen Gas entweicht, das man abfackeln muß, damit es nicht zur Explosion kommt.

Die Anfangsworte „Noch einmal zu“ sind eine Verlegenheitsfloskel; man begegnet ihr meistens in akademischen Essays, wenn’s mit dem Aufbau hapert. Dieser Absatz erschöpft sich in der Schilderung dessen, was da in dem „nachtdunklen Höllenszenario“ so blinkt, glüht und leuchtet, „über den Türmen der Satansstadt Dis“, wie es opulent (und kitschig) ausgemalt wird. Weil es sich gerade anbietet, bekommen wir überdies erklärt, was es mit den Industrieschornsteinen (schönes Wort!) im Ruhrgebiet auf sich hat.

Und:

Zur Nacht sind diese brennenden Schlote besonders eindrucksvoll.

Dann sieht man sie nämlich besser als am Tag. „Eindrucksvoll“, eine beliebte Vokabel in Rezensionen, passt immer, heißt nichts. Die brennenden Schlote zur Nacht sind sogar „besonders eindrucksvoll“. Das ist Fremdenführerprosa, ein Beispiel für Trivialität im Hochliteratur-Sektor.

Jia Ling, die ich im weiteren Xu nennen werde (zauberhafte kleine Xu mit deinem scharfrichterlich geschnittenen Haar, du hast mich vexiert), unternahm einige gewitzte Ausflüge ins Reich des Sadismus, dann legte sie dar, wie Vergil seinen Schützling für dessen Verdammungsgelüste lobt, was sogar zu einem Kuß führt, denn Dante wird für seinen Zorn geherzt.

Warum Jia Ling nun Xu heißen soll, braucht uns in einem Page-99-Test nicht zu kümmern. Bei den Wörtern altertümelt es gewaltig: „zauberhaft“, „vexiert“, „gewitzte Ausflüge“, „Schützling“, „geherzt“, und Haar, das „scharfrichterlich geschnitten“ ist (mit der Guillotine?).

Hier packt jemand mit spitzen Fingern und viel Gehabe etwas aus, das wir eigentlich nicht sehen, aber furchtbar aufregend finden sollen („gewitzte Ausflüge ins Reich des Sadismus“). Jia Ling (bzw. Xu) legt dar, „wie Vergil seinen Schützling für dessen Verdammungsgelüste lobt“. Vulgo: Dante flucht, Vergil klopft ihm dabei auf die Schulter. Doch damit nicht genug! Das „führt sogar zu einem Kuß, denn Dante wird für seinen Zorn geherzt“. Mit wem geschieht dieser Kuss, zu dem das Lob der Verdammungsgelüste dieses Schützlings „sogar“ geführt hat? Von wem wird Dante für seinen Zorn geherzt?

In diesem Stil geht es weiter:

Stark ist das Verlangen nach Rache, ein im Grunde unchristlicher Impuls, der hier ungebremst zum Ausdruck kommt und dennoch mit einer Zärtlichkeit belohnt wird, wiewohl Vergil mit dem Missetäter Argenti zu dessen Lebzeiten nichts zu tun hatte.

Das Verlangen ist stark, ein Impuls kommt zum Ausdruck und wird belohnt. In der ersten Hälfte kommt dieser Satz ohne handelndes Subjekt aus, und wir müssen Slalom fahren („im Grunde“, dennoch“, „wiewohl“). Bereits zum zweiten Mal begegnet uns auf dieser Seite die 0815-Wendung „zum Ausdruck kommen“, ebenso das Passiv: So wie Dante für seinen Zorn geherzt wird, wird nun ein Impuls mit einer Zärtlichkeit belohnt. Das Passiv passt zu den Leerformeln. Es verschweigt den Täter, und damit entzieht es dem Text (und dem Leser) Energie.

Die stilistischen Schwächen auf dieser Seite 99 haben eine solche Konsequenz, dass man dahinter eine Absicht vermutet. Ob sie sich durch die Lektüre des Ganzen erschließt?

Zum Vergleich: Ein Blick auf Seite 99 von Sibylle Lewitscharoffs Roman Apostoloff (2009)

(Alle Page-99-Tests)

Angaben zum Buch
Sibylle Lewitscharoff
Das Pfingstwunder
Roman
Suhrkamp Verlag 2016 · 350 Seiten · 24,00 Euro
ISBN: 978-3518425466
Bei Amazon oder buecher.de
sibylle-lewitscharoff

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

4 Kommentare

  1. Interessanter bzw. konsequenter als den bloßen mir als eine derzeitige Mode erscheinenden Seite-99-Test fände ich es, setzte man später noch eine Rezension des ganzen Buches hinzu, dann nämlich hätte man nämlich irgendwann auch eine kleine empirische Grundlage für die Beantwortung der Frage, ob dieser Test etwas taugt oder nicht, ob die erste Einschätzung richtig oder falsch war usw. Fänden Sie das nicht auch reizvoll?

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    1. Danke für die Anregung – das fände ich in der Tat reizvoll. Bei Elena Ferrante habe ich auch eine Rezension geschrieben (allerdings für die NZZ am Sonntag), und bei Tim McVeigh sitze ich dran.
      Der Page-99-Test ist letztlich das, was jeder von uns in der Buchhandlung tut: Blättern, reinlesen – und überprüfen, ob man Lust auf das Buch bekommt…

  2. Dann freue ich mich schon darauf, wunderbar! (Lese tell übrigens sehr gerne und regelmäßig)

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  3. Wie schon bei Mosebachs „Mogador“ führt uns die detaillierte Stilkritik einer einzelnen Seite anschaulich vor, warum sich manche Werke von hochgelobten und hochdekorierten Schriftstellern (beide erhielten u.a. den Georg-Büchner-Preis!) bei genauem Hinsehen doch als sprachlich schwach erweisen können. Denn wenn einem einmal die Augen geöffnet sind, findet man die Schwächen von S. 99 bei den untersuchten Romanen an etlichen weiteren Seiten, nur in veränderter Gestalt. Hoffentlich lesen viele Lektoren diese Analysen von Sieglinde Geisel und setzen sich gegen die von ihnen betreuten und oft von sich selbst eingenommenen Autoren durch, wenn es darum geht, ihre Texte stilistisch zu verbessern. Man darf gespannt sein auf den Test von Christoph Ransmayrs Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“, der ja, wie Mosebach, zu einem „hohen“ Stil neigt, der bisweilen auch auf dem schmalen Grat zwischen Poesie und Kitsch wandert (falls ein „Stil“ wandern kann – Entschuldigung für das schiefe Bild :-).

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