Die Seite 99 aus Das Pfingstwunder hatte mich befremdet (Rezension folgt), denn von Sibylle Lewitscharoff stammt eines meiner Lieblingsbücher. Ein Vergleich mit ihrem Roman Apostoloff bietet sich an.

Sie würde höchstens die Stirn runzeln, wenn ich ihr erzählte, vorige Nacht sei ich stundenlang damit beschäftigt gewesen, sie mit Hilfe einer Maus umzubringen.

Diese Seite 99 macht neugierig, in beide Richtungen: Ich möchte wissen, was vorher geschehen ist – bezieht sich der Satz mit der Maus auf einen Traum? –, und noch mehr will ich wissen, wie es am Ende dieser Seite weitergeht. Zwei Geheimdienstmänner, unscheinbar wie unter Tarnmänteln, betäuben einen Dackel, sie betreten geräuschlos das Haus, vor dem die beiden Mädchen spielen – dann muss man leider umblättern.

Dazwischen aufregende Sätze:

Den Bulgaren ist die Pflege geheimer Gehirngeburten eine Lust wie eine Pflicht.

„Pflege geheimer Gehirngeburten“ – vier Mal „ge“, als würden die Wörter kichern. Eine subtile Art, sich über die Bulgaren und ihre Gehirngeburten lustig zu machen?

Der nächste Satz allerdings ist rätselhaft:

Es dauerte daher nur wenige Stunden oder Tage, bis Theorie Nummer eins ihren angestammten Platz wieder okkupiert hatte und die Sonnenblumenkerne in gewohnter Heftigkeit traktiert wurden.

Welche Theorie könnte zur Folge haben, dass Sonnenblumenkerne traktiert werden, von wem und womit?

Kräftiger war die Theorie in der Zwischenzeit geworden, radikaler, fintenreicher und komplotthafter denn je.

Kann eine Theorie kräftiger werden? Wenn es eine geheime Gehirngeburt ist, vielleicht schon. Nicht nur kräftiger ist sie, „radikaler, fintenreicher, komplotthafter denn je“ – kühne Adjektive, sowohl semantisch als auch in der Form. Denn nicht nur ist jedes einzelne Adjektiv gesteigert, die Abfolge der Komparative schlägt um in eine Meta-Steigerung. Das Adjektiv, das den Höhepunkt dieser Aufzählung ausmacht, ist erfunden, in seiner Form als Komparativ zumindest scheint es außerhalb dieses Romans nicht verbürgt: Googelt man „komplotthaft“, kommt man auf magere 159 Ergebnisse, „komplotthafter“ kommt im elektronisch verfügbaren Weltwissen nur auf 8 Nennungen, davon stammen 2 aus Apostoloff und der Rest ist kein Komparativ, sondern der Genitiv von komplotthaft. Eine kuriose Wortschöpfung, es kommt mir vor, als würde das Wort mit Hörnern gegen die Grenzen des Stils anrennen.

Die Geheimdienstler setzen einen Dackel mit Chloroform außer Gefecht, doch die Klammerbemerkung zum Dackel geht nicht auf.

(in Unkenntnis seines Charakters hatten die Verwandten einen rabiat kläffenden, zähnefletschenden Verteidiger von Haus und Hof vor Augen; wir verrieten ihnen nicht, dass er Fremde freundlich begrüsste und mit einer Wurst zum Geschenk jeden Finsterling schwanzwedelnd ins Haus geleitet hätte)

Seltsam, dass es nicht „unsere Verwandten“ heißt, sondern „die Verwandten“. Und wie können diese Verwandten in Unkenntnis seines Charakters ihren eigenen Dackel als kläffenden Verteidiger vor Augen haben? Nur die Kinder wissen offenbar, dass der Dackel Fremden gegenüber handzahm ist.

Ich habe mich über diesen Satz mit tell-Autoren unterhalten und prompt weitere Lesarten erhalten. Tomas Bächli: „Die Hausherren haben gar nicht die Gelegenheit zu bemerken, dass der Hund korrumpierbar ist, denn sie sind dann ja anwesend. Interessant aber, dass die Kinder diesen Vorgang offenbar schon öfters beobachtet haben.“ Anselm Bühling: „Auf der Seite 99 hocken ein paar Bulgaren zusammen und malen sich eine Theorie aus. Ich vermute, dass eben diese Bulgaren die Verwandten sind. Sie stellen sich vor, wie der Geheimdienst in das Haus der beiden Schwestern in Deutschland eingedrungen ist und den Hund chloroformiert hat (von dem sie nicht wissen können, dass es nur ein freundlicher Dackel war).“ Diese Interpretation greift auf Wissen zurück, das außerhalb der Seite 99 liegt – und verweist damit auf die Grenzen des Page-99-Tests.

Wie dem auch sei: Die beiden Geheimdienstler verstehen ihr Handwerk, denn sie bleiben

unbemerkt von uns Kindern, die wir gerade neben dem kleinen Vorbau mit einem blauen, geriffelten Reifen Hula-Hoop übten (ich) und mit einem alten, schlappnetzigen Tennisschläger einen Ball an die Wand schlugen (meine Schwester).

Aus dem „wir“ der Kinder werden in den Klammern zwei Einzelpersonen. Das „(ich)“ der Ich-Erzählerin wirkt in seinen Klammern wie ein kurz aufflammender Witz, und auch die Kindergerätschaften haben etwas Schräges, der blaue, geriffelte Reif und der alte, schlappnetzige Tennisschläger. Das  Adjektiv „schlappnetzig“ ist nicht nur eine aparte Wortschöpfung, sondern es färbt auf „(meine Schwester)“ ab, ein fieser feiner Seitenhieb, vom stilistischen Verfahren her ähnlich wie das Kichern mit der Silbe „ge“ bei der Pflege der geheimen Gehirngeburten.

Angaben zum Buch
Sibylle Lewitscharoff
Apostoloff
Roman
Suhrkamp-Verlag 2010 · 248 Seiten · 8,99 Euro
ISBN: 978-3518461808
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apostoloff

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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