Die Ich-Erzählerin bewegt sich durch eine Stadt. Sie erzählt, was sie sieht.

Kleider, Taschen, Koffer, Schuhe und ein Haufen formloser Dinge, genug, um die Kommoden der geheimnisvollen Königinnen dieses Viertels jenseits der Peripherie zu füllen. Das Ganze wirkte wie eine Bauruine. Ein Ghetto. Ein anderes Land. Jenes, das ich mühsam hinter mir gelassen hatte. Es war unvorstellbar, dass es nicht weit von hier eine lichtdurchflutete Stadt gab.

Die Kommoden der Königinnen füllen sich mit Kleidern, Taschen Koffern, Schuhen – das ist die Kernaussage des ersten Satzes, sie wird ergänzt mit allerhand Zuschreibungen. Allerdings muss man den Satz mehrmals lesen, bis man merkt, dass nicht die Kommoden jenseits der Peripherie gefüllt werden. Gemeint ist wohl, dass sich das Viertel, in dem die Kommoden stehen, jenseits der Peripherie befindet, und damit wiederum ist wohl gemeint, dass sich das Viertel an der periphersten Peripherie befindet. Denn jenseits der Peripherie finge ja etwas Neues an, das wäre dann „jenseits des Stadtrands“. Aber das ist wohl nicht gemeint.

Adjektive

„Das Adjektiv ist der Feind des Substantivs“, sagt Voltaire. Stephen King verlangt vom Adjektiv, es solle nützliche Arbeit leisten, also etwas sagen, was im Substantiv noch nicht enthalten ist. Faule Adjektive sind Blutsauger: Durch ihre Redundanz schwächen sie das Substantiv, dessen Wirkung sie verstärken sollen. (Weiter unten werden wir auf dieser Seite 99 noch „dunklen Höhlen“ und „geheimen Verschlägen“ begegnen, das ist schon nahe am Pleonasmus à la „weißer Schimmel“.)

Die „geheimnisvollen Königinnen“ im oberen Zitat werden durch das Adjektiv allerdings nicht nur ihrer Wirkung, sondern auch eben jenes Geheimnisses beraubt, das durch das Adjektiv heraufbeschworen werden soll. Denn ein Geheimnis, das verraten (oder zumindest angekündigt) wird, ist keins mehr. Die Königinnen auf dieser Seite 99 sind bereits geheimnisvoll – als Königinnen eines Viertels, das auch als Bauruine, Ghetto, anderes Land bezeichnet wird.

In der Literatur ist Wirkung eine Frage der Ökonomie. Die Wirkung des Gesagten wird nicht nur durch unnötige Adjektive untergraben, sondern auch durch die doppelte Verneinung (siehe Page-99-Test zu Garth Risk Hallberg).

Es war unvorstellbar, dass es nicht weit von hier eine lichtdurchflutete Stadt gab.

In Zeitlupe liest sich das so: Es ist nicht vorstellbar, dass es etwas nicht gibt – ach nein, es gibt dasjenige, was nicht vorstellbar ist, aber es gibt es nicht weit von hier, und nicht vorstellbar ist dabei nur der Umstand, dass es das nicht weit von hier gibt. Wir lesen um die Ecke und greifen ins Leere, bis wir endlich auf dasjenige stoßen, von dem nicht vorstellbar ist, dass es das nicht weit von hier gibt: nämlich eine lichtdurchflutete Stadt. Nun ja, die kann es geben. Jedenfalls wenn die Sonne scheint.

Tiere

… jenseits der Peripherie zu füllen. Die Metro hatte mich ans Ende des Tunnels, ans Ende der Welt ins Müllland gebracht, das von den ungeliebten Quallen eingenommen wird.

Die „ungeliebten Quallen“ sind die erste Tiermetapher auf dieser Seite. Wieder benennt das Adjektiv eine ohnehin vorhandene Eigenschaft des Substantivs: Wer einmal beim Schwimmen im Meer von einer Qualle gestreift wurde, geht Quallen aus dem Weg, auch ohne die schlaff am Wort herunterhängende Warnflagge „ungeliebt“. Das Wort „ungeliebt“ lähmt unsere Vorstellungskraft. Die Assoziationen steigen nicht mehr in uns auf, sie liegen bereits vor uns auf dem Papier, wir müssen sie nur aufheben. Streichen wir „ungeliebt“, wird die betäubende Wirkung dieses Adjektivs offenbar. Wir sehen Folgendes:

das Müllland, das von den Quallen eingenommen wird.

Eine stupende Transformation! Auf einmal sind die Quallen tatsächlich da, sie breiten sich aus über die Müllhalden, ersticken und verätzen alles, was unter sie zu liegen kommt. Eine irre Szene, perfekt für einen dystopischen Fantasyroman. Im auf Wortgewalt getrimmten Realismus von Shumona Sinha jedoch offenbart dieser Satz, dass die Metapher mit der Qualle nicht stimmt.

Gleich anschließend heißt es:

Männer lungerten herdenweise herum.

Sind mit den ungeliebten Quallen diese Herden-Männer gemeint? Wer weiß. Ein paar Zeilen weiter:

Herden von Tieren waren im Morgengrauen aus ihren dunklen Höhlen, aus ihren geheimen Verschlägen gekrochen.

Offenbar sind mit den Tieren die Menschen dieses Volks gemeint, dessen Königinnen wir schon begegnet sind. Im nächsten Satz werden diese Menschen als „vereinte und vereinzelte Bürger des globalen Dorfs“ erscheinen.

Wiederholungen

Redundanz ist das Problem dieses Texts. Dies gilt nicht nur für die Adjektive, sondern auch für den Versuch, die Wirkung der Worte durch Wiederholung zu steigern.

  • Das Ganze wirkte wie eine Bauruine. Ein Ghetto. Ein anderes Land.
  • Die Metro hatte mich ans Ende des Tunnels, ans Ende der Welt (…) gebracht.
  • aus ihren dunklen Höhlen, aus ihren geheimen Verschlägen

Hinter scheinbarer Ähnlichkeit blieben die vereinten und vereinzelten Bürger des globalen Dorfs für sich, voneinander getrennt. Jeder Einzelne eine eigene Welt. Jeder Einzelne eine einzigartige Welt, ein Chaos.

Die „vereinten Bürger“ sind nicht nur „vereinzelt“, sie bleiben auch „für sich“, sind „voneinander getrennt“. Jeder von ihnen ist „eine eigene Welt“, und zwar „eine einzigartige Welt“. Fünf Mal wird das Gleiche gesagt. Die Sprach-Artistik mit den Wörtern vereint, vereinzelt, Einzelner, einzigartig ist Kunstgewerbe. Sie dient dazu uns zu sagen, was wir längst wissen: dass die Vereinigung im globalen Dorf (was für ein Klischee!) in Wahrheit nicht stattfindet, weil jeder ein Einzelner bleibt, als solcher aber einzigartig ist.

Rätsel

Tief im Inneren grummelten schlaflose Vulkane.

Dieser Satz ist so rätselhaft wie die Invasion der Quallen. Auch hier begegnen wir einem zweifelhaften Adjektiv. Inaktive Vulkane werden gern als schlafend bezeichnet, doch das ist nicht nur ein Klischee, sondern auch Unsinn, wie Shumona Sinhas Umkehrung zeigt: Ein schlafloser Vulkan wäre einer, der gerne schlafen möchte und nicht kann.
Das eigentliche Rätsel dieses Satzes besteht allerdings in etwas anderem. Im Inneren wovon grummeln diese schlaflosen Vulkane?

Der vorhergehende Satz hilft hier nicht weiter, er ist vielmehr selbst ein Rätsel:

Die Burger von McDonald’s und die ausgewaschenen Jeans erwecken den Anschein von Demokratie.

Was hat die Herrschaft durch das Volk mit Fastfood und ausgewaschenen Jeans zu tun? Wahrscheinlich will die Autorin damit ausdrücken, dass die Armut in diesem Viertel etwas Demokratisches an sich habe, weil gleichmäßig verteilt.

Der Fairness halber seien zum Abschluss die beiden schönen Sätze zitiert, die mir bei der Lektüre aufgefallen sind – auch wenn sie diese Seite 99 nicht werden retten können:

Ich ging an ihnen  vorbei, durch ihre Blicke hindurch, die mich einfangen wollten.

Ein schwerer, gemeiner Regen. Der Wind stachelte ihn weiter an.

Fazit:

Um diese Prosa zu verstehen, muss man das imaginäre Auge unscharf stellen. Man errät, was gemeint ist, doch das ist nicht das, was da steht. Shumona Sinhas Roman sei eine „so wütende wie poetische und präzise Suada“, meint die Jury des Internationalen Literaturpreises 2016, die Rede ist von „ungebärdigen, die Wirkmacht der Sprache auslotenden poetischen Widerhaken“ und einer „kraftvollen“ Übersetzung durch Lena Müller. Das einzige, mit dem ich bezüglich der Seite 99 einverstanden bin, sind die poetischen Widerhaken, nur loten diese nichts aus, schon gar nicht die Wirkmacht der Sprache. Eher wird diese unterspült durch das, was auf den ersten Blick so ungebärdig erscheint.

Ich sehe hier eine Autorin, die unbedingt etwas sagen will, es deutlich sagen will, es daher wieder und wieder sagen zu müssen meint – weil sie ihren Worten nicht vertraut.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Sieglinde Geisel
Coverbild: Edition Nautilus
Angaben zum Buch
Shumona Sinha
Erschlagt die Armen
Roman
Übersetzt von Lena Müller
Edition Nautilus 2015 · 128 Seiten · 14,99 Euro
ISBN: 978-3-86438-183-6
Bei Amazon oder buecher.de
Cover Sinha

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

11 Kommentare

  1. Ein überzeugender Test. Der Leser soll keinen Gedanken haben, sondern eine Stimmung. Redundanz ist beim Gedanken tödlich, hilft aber bei der Stimmung viel. Die hat die Jury in Stimmung gebracht. Sie schwärmt von eine poetischen Suada, sagt also die Wahrheit, ohne es zu wollen. Warum nicht gleich alle Hemmungen ablegen und eine junge, hochpoetische Stimme annoncieren, die mit unauslotbaren Bildern wütend und leidenschaftlich die Widersprüche der modernen Welt erkundet?

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  2. Ich halte den testweise präsentieren Text weder für prosaisch noch für poetisch, sondern schlicht für misslungen. Der Titel ist sprachlich noch am besten. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Autorin hochsensibel ist, weil sie alles auf die Ich-Figur bezieht. Mehr als der amateurhafte Text einer vermutlich jungen Frau erschreckt mich jedoch die erwähnte internationale Jury!

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  3. Meines Erachtens ist die Übersetzung auf dieser Seite 99 unglücklich und verursacht manche der von Ihnen angesprochenen Probleme.

    Die Quallen sind im Französischen Medusen, man möchte sie nicht sehen, Gefahr der Versteinerung. Die ungeliebten (mal-aimées) haben die Gegend invadiert (envahi), da in Bangladesch die Meeresspiegel steigen.

    Die Königinnen sind reines ténébreuses, was man nebenläufig auf die Hautfarben beziehen kann, während die unvorstellbare Stadt nicht allzuweit von hier une ville lumineuse ist. Die Antonyme sind Stilmittel des Expressionismus.

    Die angeprangerten Redundanzen verlieren sich etwas im Original:
    1. „Le tout avait l’air d’un chantier abandonné. C’était un ghetto. Un autre pays.“ Erst hat es den Anschein, dann ist es. Und sogar ein anderes Land sei es, was gegenüber dem Ghetto eine unzulässige, rhetorische Übertreibung ist.
    2. Frage mich, ob sich der Tunnel schon am Ende der Welt befindet, sodass das Ende des Tunnels ein noch etwas weiter hinausgeschobenes ist. Wahrscheinlich nicht, man müsste nachschauen, ob der Tunnel vielleicht erst in der Peripherie, nicht im Stadtzentrum begann. Aber auf jeden Fall bildet die Welt eine andere Information als ein Tunnel.
    3. Die grottes obscures unterscheiden sich von den cages secrètes vielleicht darin, dass erstere sich in Untergeschossen befinden, zweite oberirdisch, wo im Tages- oder Kunstlicht mehr Aufwand der Geheimhaltung getrieben werden muss und der Sans-Papier sich mehr wie in einem helfermenschengemachten Käfig fühlen mag.

    Auch das Angemahnte der nächsten zitierten Passage scheint mir der Übersetzung anzulasten zu sein. Denn das Original lautet wenig manieriert: „Sous d’apparents traits communs, les citoyens du village planétaire, tous ensemble et si seuls, se dispersaient et s’éloignaient. Chacun, un monde en soi. Chacun, un monde unique, un chaos.“ Halt expressionistisch.

    „Les sandwiches McDo et le jean délavé démocratisaient l’apparence.“ Die Übersetzung führt hier in die Irre, da bei Sinha das standardisierte Essen wie die standardisierten Klamotten das Erscheinungsbild jener eben noch behaupteten einzigartigen Welten nivellieren. „Dans les lointains intérieurs grondaient des volcans insomniaques.“ Die abgelegenen (oder weitläufigen?) Interieurs sind die der Schnellrestaurants, in denen die schlaflosen Kunden Vulkanen gleichen, die hochgehen können.

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  4. Sinhas Ausdruckskunst würde ich gern noch an einem Beispiel illustrieren, falls es nicht verboten ist, auf Seite 98 rüberzuschielen. Dort hat Lena Müller mit „Lichterstadt“ übersetzt, was bei Sinha „la Ville lumière“ ist, die Stadt des Lichts, Paris, in der die Dolmetscherin wohnt und aus der sie hinausfährt au-delà de la périphérie. Da draußen fühlt sie sich in eine dritte Welt versetzt, der sie selbst entflohen ist und wo man von „une ville lumineuse“ nur träumen konnte und kann. Der bestimmte Artikel ist zum unbestimmten geworden, das kapitale V verschwunden und das kräftige Licht des Spitznamens wurde schwach zum Adjektiv. Paris ist in die Ferne gerückt und man spürt ihre Angst, das Erreichte zu verlieren. Das finde ich in dieser dichtgedrängten, dreifachen Konsequenz nicht schlecht gemacht, wenn es auch Rhetorik freilich ist.

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  5. Lars Hartmann 16. Juni 2016 um 8:57

    Würde beim ersten Satz das Adjektiv „geheimnisvoll“ fortgelassen, fehlte mir etwas: „Kleider, Taschen, Koffer, Schuhe und ein Haufen formloser Dinge, genug, um die Kommoden der Königinnen dieses Viertels jenseits der Peripherie zu füllen.“

    Der Satz wirkt auf mich deutlich heruntergedimmt. Und weshalb überhaupt Königinnen? Man müßte mit dem Adjektiv auch das Hauptwort streichen und statt dessen Frauen schreiben. Hier aber passt das Adjektiv, weil es gezielt gesetzt wurde. Es verleiht dem Wort einen Begriffshof, einen Überschuß an Bedeutung. Was für eine Prosa, die mit lyrischen Elementen arbeitet, wie Sinha es macht, unerlässlich ist. „der dunklen Königinnen“ hielte ich von der Übersetzung her allerdings für angebrachter, weil im Wort dunkel sowohl die Hautfarbe als auch das Geheimnis (Heraklit, der Dunkle) enthalten sind. (Allerdings auch eine Abwertung: dunkel im Sinne von böse.) Hier stellt sich die Frage, wo es gut ist, ein Adjektiv einzusetzen. Wenn es pointiert und hervorsticht, halte ich das Adjektiv für unentbehrlich. Man denke an den Satz, den Constantin Seibt in „Deadline“ zitiert: „In seinen Taschen fanden sich ein blaues Feuerzeug, ein zerknülltes Taschentuch, ein zerfleddertes Notizbuch und ein kleiner, böser Trommelrevolver.“ Drei Adjektive kann man streichen. Aber die letzten beiden in der Aufzählung sind unbedingt nötig, weil sie ein besonderes Bild evozieren. Erst sie geben dem Satz den Dreh.

    Zudem: Mit „jenseits der Peripherie“ dürfte das Gebiet gemeint sein, was nicht mehr zu Paris gehört, was also jenseits des Boulevard périphérique sich befindet – Saint Denis etwa. Interessant in diesem Falle finde ich die Grenzmetapher, die Sinha einsetzt.

    Holios Zitate aus dem Französischen finde ich aufschlußreich und geben der Lektüre nochmal ein anderes Gewicht. Ein konstruktiver Kommentar!

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  6. Ich habe diesen Seite 99 – Test mit großem Interesse gelesen und bin davon, wie auch von anderen Beiträgen sehr angetan!
    Auf mich wirkt „Erschlagt die Armen!“ als hätte die Autorin diesen Text in großer Wut, vielleicht Verzweiflung niedergeschrieben. Ein Aufschrei. Das gibt ihm eine emotionale Wucht, die für mich ohne jeden Zweifel eine Qualität darstellt. Die Kehrseite: Der Text wirkt nicht überarbeitet. Das betrifft m. E. nicht nur sprachliche Wendungen, sondern den gesamten Aufbau des Textes, der ja eine klassische Ausgangssituation hat: Eine Frau ist verhaftet worden, die ersten Verhöre liegen hinter ihr und nun ist sie allein und versucht darüber Klarheit zu gewinnen, was eigentlich passiert ist.
    Die Autorin nutzt diese Ausgangssituation als „erzählerische Startrampe“, aber sie nimmt sie leider überhaupt nicht ernst. Anders kann ich mir z. B. nicht die Kapitelüberschriften erklären. Stammen sie von der Autorin oder von der Erzählerin? Sollen/können wir uns den Text als einen „inneren Monolog“ vorstellen? Mir gelingt das nicht. Gegen Ende des Textes heißt es „Ich beende meine Predigt“ und das trifft es – für mich ohne den negativen Beiklang des Wortes „Predigt“. Es ist ein Text, der uns aufrütteln soll, der an unser Gewissen appelliert, an unsere Humanität. Ich bin sehr damit einverstanden, dass Texte, denen das so nachdrücklich gelingt, Preise erhalten und es ist mir auch nachvollziehbar, dass es LeserInnen gibt, die die offenkundigen Schwächen des Textes für unwichtig halten.
    Was mich wirklich irritiert ist wie positiv und euphorisch dieser Text von „der Kritik“ nahezu ohne jeden „Ausreißer“ aufgenommen wurde – ohne auch nur zu erwähnen, dass dieser Text auch Schwächen hat (es gibt über die erwähnten hinaus auch z. B. Rückblenden, die sowohl von ihrer Funktion für den Text, wie auch von ihrer Aussage her bestenfalls „rätselhaft“ bleiben). Wie kann das sein, wenn schon die aufmerksame Lektüre einer einzigen Seite ausreicht, um zumindest „Punktabzüge“ vorzunehmen?

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  7. Lars Hartmann 20. Juni 2016 um 8:21

    @ Jutta Reichelt
    Was die Wucht des Romans betrifft; das las ich ganz ähnlich. Allerdings sehe ich es, was die notwendige Überarbeitung betrifft, ein wenig anders – obwohl auch mich manche Wortwendung, manche Metapher und manches sprachliche Bild stört und irritiert, weil ich es als manieriert oder überzogen empfinde. Weniger wäre in diesem Buch manchmal mehr. Andererseits paßt dieser Stil und es hilft hier vielleicht der Hinweis von Holio weiter: „expressionistisch“ und „Ausdruckskunst“. Dies lese ich ebenfalls aus Sinhas Text heraus, was insbesondere durch den lyrischen Stil bedingt ist. Hier und im Zusammenspiel mit dem Baudelaire-Titel sowie den Spleen et Idéal de Paris et Banlieu paßt diese Form und spinnt eine Tradition weiter. Dieser Ton bedingt stellenweise, wie oft in der Lyrik, ein gewisses Pathos.

    Sinha kommt von der Lyrik her. Das merkt man der Prosa an vielen Stellen wohltuend an: Sie findet und erfindet starke Bilder. Etwa auf vielfältige Weise das „Spiel“ mit der Grenze: Von der Périphérique und dem Rand der Stadt angefangen bis hin zu Landesgrenzen, weit übers Meer hinweg, und den Borderline- und Übersprungshandlungen der Menschen (ich interpretiere ebenfalls die Tat der Protagonistin so). Auch hier übrigens, wie bei Varatharajah, ein Roman über die Grenzen von Ausdruck und unserer Sprache, die die Grenzen unserer Welt bedeuten. Auch jene Tathandlung ist ja eine Weise des Ausdrucks. Eruptiv. Und damit wird wieder eine Zone überschritten. Der Roman mag Schwächen aufweisen, das sehe ich ebenso. Dennoch haben mich diese starken sprachlichen Bilder – insbesondere im Kontext mit dem Sujet –, die Konstruktion der Handlung und die Geschichten in der Geschichte beeindruckt. Ein Roman über Flucht und Flüchtlinge, der nicht in schwarz/weiß malt und der dennoch mit Saft und Kraft erzählt, oft allerdings in elegischem Ton. Gerade das schließt nicht aus, in der Kritik auf Schwächen des Buches hinzuweisen. Aber gerade dort wird dieser Roman einer jungen Autorin interessant und reizt zur Debatte.

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    1. @ Lars Hartmann
      Ich kann die geschilderten Lektüre-Eindrücke absolut nachvollziehen, teile sie im Hinblick auf „diese starken sprachlichen Bilder und die … Geschichten in der Geschichte“ – einzig bei der Konstruktion der Handlung liegen wir „auseinander“ und ich hätte die Schwächen auch nicht so betont, wenn sie in der bisherigen Rezeption des Textes (soweit ich sie verfolgt habe) nicht vollkommen unerwähnt geblieben wären.

  8. Mich macht nachdenklich, dass der Text einerseits in Bildern badet, andererseits kaum ein genaues eigenes Bild entwickeln kann, sondern seine „Anschauungen“ aus dem Unspezifischen und Abstrakten holt. Typisch dafür der „Haufen formloser Dinge“ – vager geht’s nicht. „Das Ganze wirkte wie eine Bauruine“ ist auch so eine Vorstellung ohne Anschauung. Wegen dieser Verschwisterung des Konkreten mit dem Unspezifischen wäre ich misstrauisch, ob der ganze Text nicht bloß eine politisch-ideologische Klischees ästhetisiert. Es wird erlebt, was erlebt werden soll. Dergleichen schreibt sich herunter, ohne die Sache einmal anzuschauen, paar Zeitungsfotos reichen für die poetische Inspiration, Wiederholungen für Expression und Rhythmus.
    Der Stakkato-Ton und die Medusen haben mich an einen deutschen Schriftsteller denken lassen, der allerdings beim Schreiben seinem Atem folgte wie kein anderer, an Wolfgang Koeppen. Wenn ich mir vorstelle, dass der Text im Französischen etwas von diesem verführerisch rhythmischen Parataxen-Sound hat, dann verstehe ich das Gefühl von Poesie, was er bei der Jury hinterlassen hat. Umgekehrt ist natürlich klar, dass der Text plötzlich recht mager dasteht, wenn er sein Tonkleid ablegt.

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  9. Frank Heibert

    Für sich gelesen hat der Test einiges, was plausibel klingt. Dank Kenntnis des ganzen Buches fällt mir doch ein Problem auf, das in der „quick and dirty“-Methode dieses Ansatzes liegt — Beispiel Quallen. Im ersten Kapitel wird deutlich gemacht, dass sie als Metapher für Migranten, für Flüchtlinge stehen — genauso ungeliebt und unwillkommen eben wie die Quallen im Wasser. (Übrigens, dass die auf Französisch „méduses“ heißen, ist sprachlich ebenso Konventionszufall, den keine Übersetzung beheben könnte, wie die Tatsache, dass wir umgekehrt bei „Qualle“ etwas „Aufgequollenes“ mithören, das den Franzosen entgeht. Ein Thema für Übersetzungskritik nur, wenn es sich tatsächlich um aufgeladene, hoch verdichtete Lyrik handelt.) Auf S. 99 haben wir es also eher mit einem sprachlichen Leitmotiv zu tun, die bloße Bescheinigung von Redundanz trifft nicht zu. Was eben ein Konstruktionsrisiko und Kollateralschaden dieses Tests ist.

    Zweiter Gedanke, nach all den Überlegungen dazu, ob die Bilder nun literarisch schlecht, nicht genug überarbeitet oder sonst etwas sind:

    Shumona Sinha hat zunächst Gedichte auf Bengali geschrieben. Offensichtlich (und man kann es auch recherchieren) ist das eine Sprache, die mit üppigen („redundanten“) Bildern arbeitet und nicht so allergisch wie das Deutsche auf Bildbrüche oder Bildanhäufungen reagiert. Das Französische ist da auch nicht so hochsensibel wie das Deutsche — und vielleicht auch offener dafür, Typisches aus anderen literarischen Kulturen zuzulassen, es gibt eine längere Tradition von AutorInnen, die durch afrikanische, arabische, karibische, asiatische Kulturen geprägt sind und auf Französisch schreiben.

    Was soll nun in der deutschen Übersetzung passieren? Ein Nachlektorat nach den Regeln des deutschen Stilkanons? Ein Hereinholen dieses fremden und vielleicht streckenweise unbehauener wirkenden Schreibens? Oder etwas dazwischen? Ich meine das wirklich als offene, nicht als rhetorische Frage.

    Jedenfalls braucht man weder der Autorin noch der Übersetzerin mit wohlfeilem Reflex einen Mangel an Sorgfalt zu bescheinigen, damit das innere deutsche Stilgewissen einen Schuldigen ausgemacht hat („Schlamperei!“). Dito die wohlfeile Juryschelte. Die können und dürfen das doch vielleicht einfach kraftvoll und mitreißend gefunden haben, auch wenn bei genauerem Hinsehen vielleicht nicht alles standhält. Juryentscheidungen sind immer auch Prioritätensetzungen.

    Und andererseits: Die Diagnose „Kulturelle Unterschiede“ soll nicht als Pauschalersatz für ein literarisches Urteil dienen, und ich will um Gottes willen auch keinen p.c.-Maulkorb anregen (im Sinne von: alles Fremde ist automatisch toll).

    Wie gesagt: eine offene Frage, die zu mehr Hintergrunddenken und Differenziertheit einladen soll.

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  10. @Frank Heibert: Das Beispiel mit den „Quallen“ zeigt sehr schön die Grenzen des Page-99-Tests, denn Leitmotive entgehen einem natürlich, und das Wort ist damit vollständig rehabilitiert. Es heißt etwas ganz anderes, weil es bereits aufgeladen ist mit einer Bedeutung – und es ist ein Bild, das ich sogar großartig finde für das Unbehagen, das viele Menschen gegenüber dem Fremden empfinden.
    Ebenfalls hochspannend: Dass es offenbar nicht ich bin, die auf die Bildbrüche empfindlich reagiert, sondern die deutsche Sprache! Das sind die Dinge, die man nur von Übersetzern lernen kann: Welchen Anteil die Sprache selbst an unseren Empfindlichkeiten hat. Jetzt sollte man nur noch Bengali können! (Und eigentlich müsste jeder Kritiker beim Rezensieren von internationaler Literatur einen Übersetzer an seiner Seite haben…)

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