Die Seite 1 von Paul McVeighs Roman hat meinen Test glänzend bestanden. Doch das könnte trügen, denn Ford Madox Ford schlägt mit gutem Grund die Seite 99 für die literarische Stichprobe vor. Auf der ersten Seite lasse man „den Mercedesstern glänzen“, so der Comedy- und Fantasy-Autor Matthias Sachau. Auf Seite 99 zeigt sich, ob der Autor durchhält. Hält Paul McVeighs Seite 99, was die Seite 1 verspricht?

Ich räkel mich und gähne, aber ganz leise, weil ich, bevor alle aufwachen, noch mit Killer spielen möchte. Durch die Jalousien fällt gestreiftes Sonnenlicht ein. Ich schleichidi-schleiche aus meinem Stockbett und kletter die Mini-Metallleiter runter, ganz vorsichtig, um nicht mit den Socken abzurutschen. Marcel-Marceau-mäßig steige ich über die Klamotten von Unserm Paddy und nichts wie raus aus dem Schlafzimmer. Völlig lautlos. Zehn von zehn Punkten.

Erst im letzten Satz erfahren wir, dass dieses lautlose Aufstehen für den Ich-Erzähler ein Spiel mit sich selbst ist. „Zehn von zehn Punkten“, so lautet das Ergebnis dieses Spiels, das uns nicht erklärt, sondern nur vorgeführt wird. Auf dem Weg dahin hat der Autor schon einige Überraschungen für uns platziert. „… mit Killer spielen“, die Kombination der Wörter „Killer“ und „spielen“ sendet einen kleinen Schauder durch die Wirbelsäule. Poetisch-verspielt lockt das „schleichidi-schleiche“, das in weiteren Assonanzen weiterschleicht, „Mini-Metallleiter“, „Marcel-Marceau-mäßig“. Das „M“ ist ein idealer Buchstabe für dieses Dahingleiten.

Auch der folgende Absatz hält sich im Modus des angespannten Schleichens. Ein sorgfältig inszeniertes Schleichidi-Schleichen, wie Kinder das so machen. Wer beim Lesen mitschleicht, hält den Atem an.

Auf Zehenspitzen gehe ich die Treppe runter, drücke die Klinke der Wohnzimmertür und mache sie leise auf – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Während sich mein Po durch den Türspalt rückwärts ins Wohnzimmer schiebt, behalte ich die Treppe im Auge. Behutsam schließe ich die Tür. Jawoll! Niemand aufgewacht! Ich springe auf und lege einen kleinen irischen Jig hin.

Die Übersetzer Nina Frey und Hans-Christian Oeser sorgen dafür, dass der Text auch im Deutschen abgeht wie eine Rakete. Den altklugen Spruch von der Mutter der Porzellankiste muss der Junge irgendwo aufgeschnappt haben. Es folgt ein exquisites Manöver, mit dem Po voran rückwärts, wobei der Junge die Treppe im Auge behält, fast könnte man meinen, es gehe um Leben und Tod. Umso größer dann die Erleichterung. „Jawoll!“ –  ein Triumphschrei, und dann, eine weitere Überraschung, der Jig. Das ist klassisches „show don’t tell“: Der Autor sagt uns nicht, dass der Junge sich freut, er lässt ihn tanzen. Wir freuen uns mit unserem Ich-Erzähler und tanzen mit ihm. Und genau damit gehen wir seinem Autor auf den Leim.

Und erstarre.

Ein gekonnter Schreck, wie man ihn in der schönen Literatur selten erlebt.

Ein Mann auf unserm Sofa. Ich mache mir in die Hose. Oder kippe aus den Latschen. Soll ich schreien? Ein Einbrecher kann’s nicht sein, weil’s die in Ardoyne nicht gibt, weil die IRA ihre Kniescheiben durchlöchert. Und warum sollte ein Einbrecher einbrechen, nur um ein Nickerchen zu halten? Vielleicht, wenn’s ein obdachloser Einbrecher ist. Mit seinem großen Bart und seinen langen Haaren sieht er obdachlos aus. Wenn Papa da wäre, wäre das einer von seinen Saufkumpanen. Vielleicht hat Paddy Saufkumpanen, jetzt wo er sich für wer weiß was hält.

Was dem Jungen in dieser Schrecksekunde so alles durch den Kopf geht. Ein Einbrecher? Ein obdachloser Einbrecher? Ein Saufkumpane von Papa? Oder in Ermangelung von Papa einer von Paddy?

Dabei wissen wir bereits, dass es kein Einbrecher sein kann, „weil’s die in Ardoyne nicht gibt, weil die IRA ihre Kniescheiben durchlöchert.“ Was ist das größere Übel: die Einbrecher oder die IRA, die dafür sorgt, dass es keine mehr gibt? Die Selbstverständlichkeit, mit der sich diese Logik im Kopf des Kindes entfaltet, ist das Skandalon in diesem Absatz. Wir sind im Belfast der 1980er-Jahre (Klappentext), und es ist gut möglich, dass dieser Satz das eigentliche Thema des Romans offenbart: die Selbstverständlichkeit von Gewalt. Eine interessante Parallele übrigens zu Elena Ferrante: Auch dort erfahren wir, wie sich eine Kindheit inmitten alltäglicher Gewalt anfühlt.

„Alles klar, Kleiner?“, sagt eine tiefe verschlafene Stimme. „Ist deine Mami wach?“

Der letzte Satz auf Seite 99, was für ein Jammer!

Fazit: Ganz großes Kino!

Angaben zum Buch
Paul McVeigh
Guter Junge
Roman
Aus dem Englischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser
Wagenbach-Verlag 2016 · 256 Seiten · 22,00 Euro
ISBN: 978-3803132796
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paul-mcveigh

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. Wenn das keine Lust auf das Buch macht! Mit diesem Tipp eile ich zum Buchhändler meines Vertrauens. Danke.

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