Die unvermeidlichen Informationen vorab: Jan Schomburg ist bekannt als Regisseur (Über uns das All, Vergiss mein Ich) und als Drehbuchautor (Vor der Morgenröte). Das Licht und die Geräusche ist sein erster Roman.

Es gab da mal so einen Versuch oder so was, ein Experiment, ich glaube, das hat ein König oder Kaiser gemacht. Mit Säuglingen. Niemand durfte mit denen reden.

So heißt es oben auf Seite 99. Weiter unten wird klar: Es spricht die Schülerin Babette, umringt von anderen Schülern, darunter der Ich-Erzähler, der die Ereignisse kommentiert. Es geht um die Folgen von Sprachlosigkeit: Was geschieht, wenn man von niemandem angesprochen wird? Babettes Satz zeugt in seiner Ungenauigkeit von Spontaneität. Babette improvisiert. Ihr Gedächtnis ist unzuverlässig.

„Echt jetzt?“, fragt Boris mit einem ironischen Unterton, den Babette aber nicht wahrnimmt.

Der Erzähler nimmt die Ironie offenbar wahr. Babette spricht weiter:

„Ja, echt. Das habe ich mal gelesen. Oder gehört oder gesehen oder so. Die wurden versorgt und alles, echt irre, aber niemand durfte mit denen reden! Und dann sind die eingegangen, verdörrt, wie so Pflanzen, die man nicht gießt.“

Das liest sich wie gesprochene Sprache, wie impulsives Schülergerede auf dem Pausenhof. Der redigierende Autor ist dazwischen. Jan Schomburg stellt sich vor, dass dort so gesprochen werden könnte. In Wirklichkeit filtert und säubert er die direkte Rede Babettes, vorausgesetzt, jemand hat jemals solche Dinge so ähnlich gesagt. Es ist unwahrscheinlich, dass es tatsächlich eine Babette gibt, die genau so spricht. Lässt man auf Pausenhöfen ein Aufnahmegerät mitlaufen, merkt man beim Abhören, wie viele Wiederholungen, wie viele Fehler, wie viel Unzusammenhängendes die O-Töne der Schüler enthalten. Bis es zu einer Aussage kommt, die ähnlich konzentriert ist wie  Babettes Erklärung, muss viel verbessert werden. Als Drehbuchautor kennt Jan Schomburg die Tücken gesprochener Sprache. Daher wohl das holpernde „oder so was“, das verzögernde „ich glaube“, der eingeschobene Kolloquialismus „echt irre“, das umgangssprachliche „wie so Pflanzen“. Die Sätze, die Schomburg auf dieser Seite 99 seine Figuren sagen lässt, sind ebenso artifiziell wie seine Sätze fürs Kino.

Schomburg war nicht mit versteckter Kamera unterwegs, um O-Töne zu dokumentieren und zu Hause zu transkribieren. Trotzdem versucht der Autor hier mit seinen Sätzen, so nah wie möglich an die gesprochenen Monologe von Jugendlichen heranzukommen. Babette lebt in meinem Leserkopf mit ihrer stockenden Rede, sie wirkt glaubhaft: In ihrer getrübten Erinnerung an die Folgen des Schweigens und mit ihrer Anstrengung, dies den anderen Schülern mitzuteilen, merkt sie nicht, dass diese längst Bescheid wissen. Danach erwähnt nämlich der Erzähler eine Frau Schnoor, vermutlich eine Lehrerin, die diese Geschichte schon oft erzählt habe. Der Erzähler kommentiert Babettes Sätze:

Und als Babette jetzt so tut, als wäre das eine Geschichte, die sie in irgendeinem geheimen Buch entdeckt hat oder so, wird mir klar, dass es nicht nur darauf ankommt, was man erzählt, sondern auch darauf, zu wissen, was die anderen wissen.

Erkenntnisgewinn: Der Sender sollte stets auch auf den Empfänger achten. Das passt zu dem, was der Klappentext verspricht:  „Jan Schomburg erzählt von Johanna, Boris und Ana-Clara – und ihren Versuchen zu erkennen, wie das eigentlich gehen soll: leben.“ Dementsprechend ist diese Szene auf Seite 99 offenbar ein kleiner Versuch von vielen auf den anderen 255 Seiten, das Leben zu verstehen, Erfahrungen zu sammeln, klüger zu werden. Bemerkenswert ist die Ähnlichkeit zu Babettes Alltagssprache beim Erzähler: „entdeckt hat oder so“. Hier denkt der Erzähler so salopp, wie Babette spricht, so als habe er sich bei ihr angesteckt. Auch das finde ich glaubhaft. Schüler unter sich: Die Sprechweisen übertragen sich von einem zum anderen, beeinflussen sich gegenseitig, finden Eingang in innere Monologe. Zuunterst auf der Seite zitiert der Erzähler Frau Schnoor:

„Ich muss Sorge dafür tragen, dass euch die nötige verbale Zuneigung zuteil wird, weil ihr ansonsten nicht lebensfähig seid“, hat die Schnoor dann immer gesagt, „und wenn ich an dieser Stelle Friedrich den Zweiten zitieren dürfte: ‚Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.‘“

Der Lehrerin steht der O-Ton besonders gut. Bedenkenlos akzeptiert man hier das Authentische des Vortrags. Lehrer reden ja eher wie gedruckt als Schüler. Man staunt über die vielfältigen Bezüge, die hier entstehen: In den Zitaten von Babette und Frau Schnoor geht es um Säuglinge, die sterben, weil niemand mit ihnen redet. Der Ich-Erzähler denkt darüber nach, was nötig ist, damit Kommunikation gelingt. Und der Autor Jan Schomburg findet dafür eine Form, die sich wie gesprochene Rede liest. Ohne die Koseworte der Ammen seien Kinder verloren, so zitiert Frau Schnoor Friedrich den Zweiten. So ist diese Seite 99 ein Glücksfall: Dass über die Bedeutung verbaler Zuneigung gesprochen wird, macht hellhörig für die Redeweise der Lehrerin und der Schüler. Das ist eine Verheißung für den ganzen Roman.

Hier geht es zum Satz-für-Satz-Beitrag Reden auf Papier“
Angaben zum Buch
Jan Schomburg
Das Licht und die Geräusche
Roman
dtv 2017 • 256 Seiten • 20,00 Euro
ISBN: 978-3-423-28108-9
Bei Amazon oder buecher.de
Bildnachweis:
Beitragsbild: Nicola Bardola
Buchcover: dtv
Nicola Bardola

Von Nicola Bardola

Nicola Bardola, geboren 1959 in Zürich, lebt als Autor und Fachjournalist in München.

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