Mit dem Literaturnobelpreis an Bob Dylan ist das Phänomen des Liedtexts ins Zentrum der literaturkritischen Aufmerksamkeit gerückt. Es gibt Texte, die sich dafür eignen, vertont zu werden. Doch das müssen keineswegs die besten oder berühmtesten Gedichte sein. Nicht immer reflektieren die Klänge direkt die vertonten Worte, denn nur selten verläuft die Beziehung zwischen Wort und Musik synchron. Oft ist es nur eine einzige Textzeile, die eine Atmosphäre heraufbeschwört, eine Stimmung, die sich dann über das ganze Lied ausbreitet.

Dazu drei Beispiele aus verschiedenen Musiksparten.

1.

Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh.

Wilhelm Müller war ein bemerkenswerter politischer Dichter. Aber ohne Schuberts Vertonungen wäre er heute wohl vergessen. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ – dieser erste Satz der Winterreise hat sich in unser Bewusstsein eingegraben. Die folgende Zeile von der Liebe und der Ehe beschreibt die Situation des Erzählers. Für ihn zählt nicht nur die Liebe als eine autonome, grenzüberschreitende Gefühlsaufwallung, sondern auch die Sehnsucht dazuzugehören, Teil der Gesellschaft zu sein. Die Träume sind klein, doch die Verzweiflung über ihr Scheitern ist bodenlos.

2.

http://

Männer umschwirr‘n mich wie Motten um das Licht
Wenn sie verbrennen, dafür kann ich nicht.

Man muss schon heftig berlinern, um diesen Satz grammatikalisch durchgehen zu lassen. Genau darin liegt seine Komik: Ausgerechnet die femme fatale redet in einem ausgeprägt lokalen Idiom. Die Künstlerin Lola Lola, die diese Verse zum plüschigen Sound eines langsamen „english waltz“ singt, ist kein Wesen von einem anderen Stern, sondern genauso spießig wie alle anderen Charaktere in Der blaue Engel. Sie kann „halt lieben nur, und sonst gar nichts“. Von Friedrich Holländers Lied – er hat sowohl die Musik als auch den Text geschrieben – hat nur der Refrain überlebt, an den Rest erinnert sich kaum jemand.

3.

Ertrinken
Versinken
Unbewusst
Höchste Lust

Auch bei Tristan und Isolde sind Dichter und Komponist dieselbe Person. Als Theaterfachmann wusste Richard Wagner, dass nicht die ersten Sätze einer Figur im Gedächtnis haften bleiben, sondern die letzten. Diese Worte singt Isolde beim Liebestod unmittelbar nach dem dynamischen Höhepunkt über das verklingende Orchester hinweg. Bei „Höchste Lust“ springt die Singstimme im Pianissimo aufwärts, der Zielton schwebt in der Quinte über dem Grundton. Isolde stirbt, die Oper ist zu Ende. In dieser Musik hat die Epoche der Romantik einen Schlusspunkt gefunden. Zugleich hat Wagner ein Klang-Symbol geschaffen, das die Zeiten überdauert.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Franz Schubert, Die Winterreise, 1. Gute Nacht. Autograph, The Morgan Library & Museum (bearbeitet).
Tomas Bächli

Von Tomas Bächli

Pianist und Musikschriftsteller, lebt in Berlin.

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)