Manche Kommentare sprengen das Kommentar-Format. Sie führen einen Beitrag weiter, sei es als Disput oder als Vertiefung. Um dem Dialog auf tell zusätzlich Raum zu geben, haben wir für diese Texte die Rubrik „Debatte“ geschaffen – ein Experiment.

Den Anstoß für diese Debatte zwischen Hania Siebenpfeiffer und Johannes Spengler zur Geschichte der Science Fiction in Deutschland gab Johannes Spenglers Essay:

Die Erfindung des Nerds – Kurd Laßwitz und die deutsche Science-Fiction

Laßwitz – doch kein Erfinder?

Hania Siebenpfeiffer – Kommentar vom 29.08. 2016

Das Handzeichen von Spock hat Laßwitz nicht erfunden, sondern umgedeutet. Es handelt sich um einen jüdischen Segensgruss, der auf dem hebräischen Zeichen „Shin“ beruht. Der Clou bei Laßwitz liegt darin, dass er die humanistischen Marsianer mit diesem Zeichen identifiziert, ein versteckter Kommentar gegen den grassierenden Antisemitismus des Wilhelminischen Kaiserreichs.

Mehrere der im Artikel als Erfindungen von Laßwitz herausgehobenen technischen Neuerungen (Fertiggerichte, Wasserschuhe etc.) stammen ebenfalls nicht von Laßwitz, sondern wurden aus Romanen des 18. Jahrhunderts adaptiert und an die technischen Bedingungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts angepasst. Auch hier liegt die Leistung weniger in der Antizipation als in der Aktualisierung und Popularisierung. Die wirklich beeindruckende naturwissenschaftliche Erfindung von Laßwitz ist das abarische Feld, dessen Existenz und Nutzen Laßwitz auf Grundlage von Einsteins Spezieller Relativitätstheorie vorweggenommen hat (die physikalische Realität abarischer Felder bzw. abarischer Punkte wurde erst in den 1920er Jahren von Heisenberg berechnet).

In Bezug auf die Gattung der deutschsprachigen Science-Fiction ist Laßwitz weder Pionier noch Erfinder. Dieses Verdienst gebührt einem Thüringer Astronom namens Eberhard Christian Kindermann, der 1744 mit Die Geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt … die erste deutschsprachige SF-Erzählung veröffentlichte, die keine fremdsprachliche Vorlage adaptierte. Und wenn man wirklich zu den Anfängen der Gattung zurückgeht, stößt man auf Johannes Keplers 1593 entworfene und postum 1634 veröffentlichte Erzählung Somnium sive astronomia lunaris.

Erzähltechnisch ist bei Laßwitz überaus bemerkenswert, wie er das Problem des Erstkontakts löst. Die Tatsache, dass sich die Marsianer in Auf zwei Planeten bereits auf der Erde befinden, der Erstkontakt damit nicht von der Menschheit ausgeht und im Weltraum oder auf einem anderen Planeten stattfindet, ist tatsächlich originell, denn so kann die dafür notwendige Technik des Weltraumflugs als marsianische Technologie imaginiert werden, die für die fiktive marsianische Kultur plausibel sein muss, nicht aber für die irdische. Laßwitz hat sich dadurch sehr elegant aus der erzähltechnischen und für die SF konstitutiven Notwendigkeit befreit, einen nach irdischen Maßstäben des späten 19. Jahrhunderts plausiblen Weltraumflug der Menschheit zum Mars zu entwerfen. Seine irdischen Entdecker müssen es nur bis zum Nordpol schaffen, dessen tatsächliche Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts unmittelbar bevorstand. Und dass sie dazu mit einem Heißluftballon unterwegs sind, ist im Jahre 1897 ein alter Hut.

Schließlich überwiegen die Unterschiede zwischen Wells und Laßwitz die wenigen motivische Gemeinsamkeit wie die marsianische Invasion (die übrigens ebenfalls weder von Wells noch von Laßwitz erfunden wurde, sondern von Maupassant). Die Unterschiede zwischen Wells und Laßwitz fallen besonders auf, wenn man nicht nur die Inhalte der beiden Romane, sondern die Art des Erzählens und miteinander vergleicht. Im Gegensatz zu Wells, der eine Parabel auf das kolonialistische Großbriannien geschrieben hat, versucht Laßwitz mit allen zur Verfügung stehenden erzählerischen Mitteln seine fiktiven sozialen und technischen Neuerungen plausibel zu machen, indem er sie aus dem Wissen des späten 19. Jahrhunderts heraus entwickelt. Deswegen dienen die teilweise ausufernden Dialoge zwischen Marsianern und Menschen auch dazu, alle Erfindungen genau zu erklären und ihre Glaubwürdigkeit zu begründen. Bei Wells hingegen werden die SF-typischen Neuerungen wie die marsianischen Raumschiffe, Waffen, Kommunikationsformen etc. überhaupt nicht erklärt, sondern sind einfach gesetzt. Der Fiktionalitätsgrad in Wells War of the Worlds ist damit deutlich höher als in Auf zwei Planeten; die literarische Glaubwürdigkeit bei Wells entsprechend deutlich geringer.

Von Redaktion

Ein Kommentar

  1. Albert Maly-Motta 20. März 2017 um 15:35

    Für mich ist Kurd Laßwitz‘ Roman „Auf zwei Planeten“ ein frühes Beispiel für die Beschreibung eines „Kulturschocks“ . Eine höher entwickelte Zivilisation trifft auf eine weniger entwickelte. Wie sehr diese Begegnung beide Zivilisationen verändert, ist der eigentliche Gegenstand des Romans. die höher stehende Zivilisation sinkt aufgrund der Begegnung mit den „Primitiven“ hinunter, die unterlegene muß sich entweder sehr schnell weiterentwickeln oder sang-und klanglos untergehen.
    Dabei liegt die Ironie natürlich darin, daß die Unterlegenen ausgerechnet die sich ach so überlegen dünkenden „Dichter und Denker“ in Deutschland und die Imperialisten in England sind. Die an der Pol-Expedition beteiligten Wissenschaftler nehmen die Erkenntnis der Existenz einer außerirdischen Zivilisation dagegen recht gleichmütig auf und finden sich schnell in die Verhältnisse.
    Verblüffend ist immer wieder für mich, daß Lasswitz dieses Buch in einer Zeit der blinden Militär-Verherrlichung, der Pickelhauben, der aufgezwirbelten „Es ist erreicht“-Schnurrbärte und des „Hauptmanns von Köpenick“ veröffentlicht hat. Seine zutiefst humanistische „Message“ muß doch in dieser Atmosphäre auf großes Unverständnis gestoßen sein. Die späteren Machthaber von 1933 haben das Buch dann auch prompt auf den Index gesetzt, was dafür spricht, daß es auch 30 Jahre nach dem Erscheinen durchaus im Gespräch war.
    Gerade heute, im Zeitalter der „fake news“, der Laut-Sprecher im öffentlichen Raum und der galoppierenden Populisten ist die leise und nachdenklich daherkommende Geschichte von „Auf Zwei Planeten“ wieder besonders aktuell.
    Der Gegensatz zu H.G. Well’s Mars- Invasion könnte gar nicht größer sein: Wells hat die lauten und an einen US-Actionfilm erinnernden Szenen seines Buchs nicht dazu benutzt, irgendwelche Einsichten über die Conditio Humana zu verbreiten; seine Geschichte ist ein gut gemachter „Reißer“ auf dem Niveau der damals üblichen Kolportage-Geschichten. Er nutzt die Marsbewohner nur als gesichtslose Monster, die die Erde in Schutt und Asche legen. Am Ende werden sie von ebenso gesichtslosen Bakterien besiegt, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben.
    All diesen simplen Klischees ist Laßwitz von vornherein aus dem Weg gegangen. Dafür sind manche seiner Figuren klischeehaft und undeutlich gezeichnet. Aber die reine Abenteuer-und Action-Geschichte tritt immer wieder zugunsten des menschlichen Moments in den Hintergrund. Hier ist Laßwitz auch anderen Zeitgenossen wie Jules Verne deutlich überlegen.
    Die Idee, daß ein Sohn eines Marsbewohners bereits unerkannt auf der Erde lebt, nimmt den unvergeßlichen Thomas Jerome Newton aus Walter Tevis‘ „The Man who Fell to Earth“ vorweg. Und die von Schwerefeldern über dem Nordpol gehaltene „Außenstation“, auf der die Raumschiffe der Marsianer andocken, ist der Station aus „2001“ wirklich sehr ähnlich. Echos aus diesem Buch ziehen sich also durch die Literatur-und Filmgeschichte. Und so manche Wissenschaftler wie Hermann Oberth, der mit seinem Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ den Grundstein zur bemannten Raumfahrt gelegt hat, oder Wernher von Braun haben sich auf Laßwitz als Inspiration bezogen.
    Ich hoffe darauf, daß irgendwann einmal dieser Roman als Gegenstand für einen sensibel gemachten Film dienen wird. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten kann man die Welten des Kurd Laßwitz gestalten.

    A. Maly-Motta

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