Ein Hörerlebnis, das einen umwirft, ist immer eine Seltenheit. Ausgerechnet auf Youtube, wo sich Dilettanten und aufstrebende Jungtalente gegenseitig auf die Füße treten, bin ich auf eine Aufnahme des legendären Pianisten Vladimir Sofronitsky gestoßen: Er spielt die Sonate Nr. 5 in Fis-Dur von Alexander Skrjabin aus dem Jahr 1907.

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Alexander Skrjabin, Amsterdam 1908

Die Sonate ist ein Schlüsselwerk der Moderne, sie spiegelt die Aufbruchsstimmung ihrer Entstehungszeit. Ich hatte immer eine leise Reserve gegenüber diesem Werk. Ich glaubte, selbst der raffinierteste Virtuose könne nie die Klangekstase erreichen, die ich mir in meinem Kopf vorstelle, wenn ich in die Partitur schaue.

Vladimir Sofronitsky

Vladimir Sofronitsky

Doch Sofronitsky gelingt es, die Verhältnisse umzukehren: Nicht der Interpret bedient unsere Erwartungen, vielmehr setzt er Maßtäbe, die wir verwundert zur Kenntnis nehmen müssen. So klingt also Skrjabin – so kann ein Klavier klingen.

Dies hören wir in einer tontechnisch archaischen Live-Aufnahme aus dem Jahr 1958.

Verliert hier nur der Hörer die Kontrolle oder auch der Pianist? Vom Handwerk her bleibt Sofronitsky immer souverän, daher lässt sich das nur schwer beurteilen.

 

 

Hör-Tipp:

Hören Sie sich dieses Stück zwei Mal an, es ist ja ziemlich kurz. Lassen Sie sich das erste Mal von der Intensität des Pianisten mitreißen. Versuchen Sie beim zweiten Mal, Distanz zu gewinnen und verfolgen Sie die perfekte Konstruktion von Skrjabins fünfter Klaviersonate.

Bilder:
Vladimir Sofronitsky, by Viviana Sofronitsky, Lizenz CC BY 2.0
Alexander Skrjabin, Amsterdam 1908, gemeinfrei
Tomas Bächli

Von Tomas Bächli

Pianist und Musikschriftsteller, lebt in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Die äußerst expressive Ausführung ist vernehmbar, trotz der relativ schlechten Tonqualität, meinem Eindruck nach sind es phasenweise nicht nur die Hände, sondern der Druck des gesamte Oberkörpers, der die Tasten des Flügels bearbeitet. Doch Ekstase bezieht sich auf einen psychischen Zustand, der sich schwerlich nachprüfen ließe.
    Aus heutiger Sicht könnte eventuell gefragt werden, ob die Spielweise nicht ein Klischee über die sogennannte russische Seele bedient. Lediglich den Vortragszeichen zu folgen, die Sonate entstand im 19. Jhd., muss für neuere Verhältnisse, auch kognitive, nicht passend sein. Aber ich kann dem 19. Jhd. ohnehin wenig abgewinnen, sehe ich mal vom späten Liszt ab, der bereits ins Atonale driftete.

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