In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

Wenn jemand mir von einem Selbstmord berichtet, denke ich an dich. Doch wenn mir jemand erzählt, dass einer an Krebs gestorben ist, denke ich nicht an meinen Großvater oder meine Großmutter, die auch daran gestorben sind. Sie teilen diesen Tod mit Millionen von Anderen. Du bist der Eigentümer des Selbstmords.

Édouard Levés Roman Selbstmord beginnt mit einem Paukenschlag, wenn man so will. Oder vielmehr einem Schlag in die Magengrube des Lesers. An einem Samstag im August verlässt der Freund des Erzählers mit seiner Frau das Haus zum Tennisspielen. Unter dem Vorwand, er habe seinen Schläger vergessen, begibt er sich zurück ins Haus, geht in den Keller und erschießt sich.

Das Buch ist ein innerer Monolog, in dem der Erzähler den toten Freund direkt anspricht und dabei dessen Leben ausleuchtet, seine Gedankengänge und Eigenheiten beschreibt, um Antworten zu finden, die es nicht gibt.

Dein Leben war eine Vermutung. Diejenigen, die alt sterben, sind ein Brocken Vergangenheit. Man denkt an sie und sieht, was sie waren. Man denkt an dich und sieht, was du hättest sein können.

In Levés Roman zeigt sich eine Normalität, die im Grunde jeder kennt. Der Selbstmörder ist kein Freak. Im Gegenteil – in seinen Macken, Eigenheiten, Angewohnheiten finden wir uns selbst wieder. Er ist unter den Menschen nicht heimisch geworden.

Du hast dich nicht darüber gewundert, dich als weltfremd zu empfinden, sondern über die Tatsache gestaunt, dass die Welt ein Wesen hervorgebracht hatte, welches in ihr wie in der Fremde lebte.

Und eben diese Normalität – die Tatsache, dass man sich vielleicht selbst im Protagonisten wiedererkennt, ist es, was beunruhigt und dieses Buch so lesenswert macht. Umso mehr, als der Autor selbst nach der Fertigstellung des Romans den Weg in den Tod gewählt hat. So wirkt das Buch wie ein Abschiedsbrief, wie der Versuch, das Unerklärliche zu erklären.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Édouard Manet – Le Suicidé
via Wikimedia Commons
Cover „Selbstmord“: Matthes & Seitz Verlag
Angaben zum Buch
Édouard Levé
Selbstmord
Roman
Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Matthes & Seitz Verlag 2012 · 112 Seiten · 17,90 Euro
ISBN: 978-3-88221-591-5
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Von Sandro Abbate

Arbeitet als freier Autor und Texter. Er betreibt unter anderem den Literaturblog novelero.de. Veröffentlichungen u.a. in Freitag, junge Welt, Fixpoetry.

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