Sieglinde Geisel: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Yvonne Adhiambo Owuor: Ich wusste lange nicht, dass ich eine Schriftstellerin bin. Ich wollte die Welt verändern (lacht) und, mit meinem Master-Abschluss in Kommunikation, über das Medium Fernsehen Das Afrika-Bild im Ausland vermittelt den Eindruck, als wären die Pathologien der ganzen Welt auf unserem Kontinent versammelt!ein differenzierteres Bild von Afrika schaffen. Denn die Afrika-Bilder, denen ich im Ausland begegnet war, hatten nichts mit meiner Wirklichkeit zu tun: diese bemitleidenswerten Frauen, die immer nur Opfer sind, oder das Bild des brutalen, mürrischen und ungebildeten afrikanischen Mannes! Das hatte mit den Männern, die ich kannte, mit meinen Brüdern oder meinem Vater, absolut nichts zu tun. Das Afrika-Bild im Ausland vermittelt den Eindruck, als wären die Pathologien der ganzen Welt auf unserem Kontinent versammelt!

Was hat Sie dabei am meisten getroffen?
Dass man seine raison d’être verteidigen muss. Was für einen Beitrag leistest du als Afrikanerin zur Welt? Diese Frage wird nie offen gestellt, aber es gibt sie in vielen Varianten. Und ich dachte, wenn man die Menschen nur mit der richtigen Information versorgt, würde sich daran etwas ändern! (lacht)

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie Schriftstellerin sind?
Ich hatte in der Schule immer schon Geschichten geschrieben, aber in Kenia ist eine Künstlerlaufbahn nicht vorgesehen, man macht eine Ausbildung, um Arzt oder Anwalt zu werden. Das ändert sich erst jetzt allmählich. Und ich bin eine professionelle Aufschieberin, die alles tut, um nicht schreiben zu müssen. Ich habe große Projekte geleitet, war am Aufbau einer Universität beteiligt und habe das internationale Filmfestival von Sansibar geleitet. Doch dann geriet ich in eine Krise. Zuvor wurde alles, was ich anfasste, zu Gold, nun zerfiel es zu Staub. Bis ich verstand, dass ich eine Seele, eine Muse habe, die etwas anderes will. Ich hatte den Traum vom Schreiben so tief vergraben, dass ich diese Zeit der Schatten brauchte, um ihn wiederzufinden. Es hat lang gedauert, bis ich verstand: Man kann nicht die Welt ändern, nur sich selbst.

BinyavangaWainaina2011

Binyvanga Wainaina

Was war das für eine Zeit?
Ich liebe das Wort „Zeitgeist“. Um die Jahrtausendwende herum veränderte sich in Kenia etwas im Zeitgeist. Im Jahr 2002 erhielt Binyavanga Wainaina den Caine Prize für eine Erzählung, die überhaupt nicht dem entsprach, was von afrikanischen Autoren erwartet wurde. Das war für uns eine Sensation. Geschichten, die sich nach innen wenden, die von unserem eigenen Leben, von unseren Gefühlen erzählen, gab es noch nicht. In der etablierten afrikanischen Literatur geht es um Armut, Krankheit, Desaster; Autoren wie Ngugi wa Thiong’o erzählen von der kolonialen und der postkolonialen Erfahrung. Man hat immer Angst, die Älteren zu verletzen. Wie tötet man die Heiligen Kühe?
Denn meine Generation erlebt etwas anderes: Unsere Unterdrückungserfahrung kommt von innen, die Wunden werden von unseren eigenen Leuten verursacht. Und als Binyavanga den Preis gewann, war der Damm gebrochen. Auf einmal gab es eine Gemeinschaft von Autoren, die vorher nichts voneinander gewusst hatten.Mit dem Preisgeld gründete er den Kwani-Trust. Kwani begann mit einem Online-Journal. Damals saßen wir oft herum und beklagten uns darüber, dass die Literatur keinen Platz im öffentlichen Leben habe. „Es gibt überhaupt nichts mehr, was irgendjemanden begrenzt!“, sagte Binyavanga. „Im Internet gibt es keine Türhüter!“ Er hat uns aus unserem Selbstmitleid herausgerissen. Es war, als ginge ein Licht über dem ganzen Kontinent auf. Auf einmal gab es eine Gemeinschaft von Autoren, die vorher nichts voneinander gewusst hatten. Man war nicht mehr allein, eine literarische Bewegung war entstanden.
Und Binyvanga wollte eine Geschichte von mir für Kwani, ich schrieb sie schließlich, um loszuwerden: Er rief jeden Tag fünf Mal an, bis ich sie geschrieben hatte! Mit dieser Geschichte gewann ich dann im folgenden Jahr, völlig überraschend, ebenfalls den Caine Prize.

Warum dauerte es so lange, bis Sie Ihren ersten Roman „Dust“ (dt. „Der Ort, an dem die Reise endet“) vollendet hatten?
Ich hatte viele Entwürfe geschrieben, die alle nicht funktionierten. Erst durch diese Lebenskrise fand ich zum Schreiben. Es begann in Australien: Ich ein Stipendium und ging nach Brisbane, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. An einem Abend sah ich auf dem Weg einen riesigen blauen Schmetterling. Ich war in Eile, sprang mit einem riesigen Satz über ihn hinweg, er war so unglaublich schön. In der Nacht wachte ich morgens um drei auf, setzte mich an den Computer und begann zu schreiben. Auf einmal begriff ich, wie das Buch geschrieben werden wollte, ich war nur noch die Sekretärin, die es tippte. Es war, als sei das Buch mir immer um einen Schritt voraus. Ich konnte zuschauen, wie es sich entfaltete, ganz ohne meine Hilfe.

Was war das für ein Zustand?
Es war zugleich befreiend und beängstigend. Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Kontrolle mehr über meine Geschichte habe.

Wie fühlt es sich an, wenn eine Geschichte geschrieben werden möchte?
Wie ein Schmerz im Magen, ein Gefühl im Herzen. Etwas Physisches. Große Unruhe.

Was wussten Sie über die Figuren, als Sie mit dem Schreiben begannen?
Hätten Sie mich das vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich Ihnen eine präzise Antwort geben können. Ich wollte aus Nyipir, dem Familienvater, einen kenianischen Archetypen machen, der aus der Geschichtsschreibung des postkolonialen Kenias gelöscht worden ist. Nyipir sollte im Mittelpunkt stehen – doch nun wurde das Buch auf einmal zur Geschichte von Ajany, seiner Tochter. Das hatte ich nicht erwartet, denn Ajany ist eine stille Person, sie stottert, sie ist niemand, der viel spricht.

Welche Figur ist Ihnen am nächsten?
Wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir der Händler am besten. Diese Händler, die durch das Land ziehen, gibt es heute nicht mehr. Sie haben zwar etwas zu verkaufen, aber eigentlich sammeln sie Geschichten und Geheimnisse, sie hören zu.

Was macht den Händler für Sie so interessant?
Seine Unruhe. Er verändert seine Gestalt, er kennt keine Grenzen, fast als wäre er flüssig, er fließt wie Wasser. Man schaut ihn an, und er ist jemand, dann schaut man wieder hin, und er ist jemand anders. Nichts kümmert ihn.

Die Figur der Akai, der Mutter, ist für mich geradezu undurchdringlich: „Es liegt etwas Wildes in den dunkelbraunen Augen, sodass noch ihr sanftester Blick eine versengende Wirkung hat.“
Ich habe Angst vor Akai, und zugleich möchte ich sie sein. Diese Figur geht auf eine Begegnung in der Wüste in Nordkenia zurück: Plötzlich tauchte eine Frau auf, über der Schulter ein Maschinengewehr und im Arm ein Baby. Es war, als wäre diese Frau die Achse, um die die Welt sich dreht, und sie war davon völlig unbeeindruckt. Natürlich widerspricht sie dem Prototypen der afrikanischen Frau: der warmen, nährenden, aufopferungsvollen Mutter. Das ist Akai nicht!

Sie richtet die Waffe auf ihre Tochter.
Ich glaube, weil diese ihr so ähnlich ist (lacht).

Ist Akai auch ein Archetypus?
Jemand hat gesagt, sie symbolisiere Kenia. Wir nennen Kenia das Mutterland, die Deutschen sprechen von Vaterland. Kenia ist ein lebender Ort, das Land herrscht über die Menschen. Es gibt Menschen, denen ist es erlaubt, zu Kenia zu gehören. Aber das Land kann sich jederzeit gegen dich richten.

Wer darf zu Kenia gehören?
Jeder Mensch, von überall. Die Menschen, die von Kenia geliebt werden, meinen, sie kämen für zwei Tage nach Kenia, und dann können sie nicht mehr weg. Andere wiederum macht das Land unglücklich, sobald sie aus dem Flugzeug steigen. Diese Zurückweisung geschieht nicht nur Fremden, sondern auch Kenianern. Es ist faszinierend, ich habe das so oft gesehen!

Was unterscheidet die einen von den anderen?
Ich weiß es nicht. Es gibt schreckliche Menschen, die das Land liebt, und die Besten, die Heiligen, macht es unglücklich.

In ihrem Roman ist oft von Geistern die Rede. Welche Bedeutung haben die Geister für Sie?
Das, was ich Geister nenne, treffe ich in jeder Gesellschaft. Deshalb lässt mich Berlin nicht los: Hier sind die Geister so gegenwärtig in den Schichten der Erinnerung. Die Stadt ist im Dialog mit ihren Geistern. Ich gehe die Straße entlang, und überall finde ich Schilder, die angeben, was hier geschehen ist.

Wie spricht man in Kenia mit den Geistern?
Wir tun sprechen nicht mit ihnen. Wir begraben sie und tun so, als hätten sie nie existiert. Aber die Erinnerung ist hartnäckig.

Es gibt in Ihrem Roman eine unheimliche Gestalt, die die Menschen heimsucht, den d’abeela.
Das kommt aus Nord-Kenia. Die d’abeela sind die Propheten und Heiler der Gabbra, ein Stamm von Kamelnomaden. Die Aufgabe des d’abeela ist es zu heilen, in das Leben der Menschen zu schauen und ihnen zu sagen, welchen Weg sie gehen sollen. So lange es dem d’abeela gut geht, geht es auch der Gemeinschaft gut. Wenn ihn jedoch etwas in seiner tiefsten Seele verletzt, dreht er den weißen Turban auf seinem Kopf, so dass die Naht vorne ist. Wenn man ihm jetzt begegnet, wird man von dem verletzt, was auch ihn verletzt hat. Seine Gegenwart ist ein Fluch. Er verwandelt sich in einen Rache-Engel, und wer seinen Weg kreuzt, ist dem Untergang geweiht.

Wie verhält sich die Gemeinschaft ihm gegenüber?
Man meidet ihn. Man rennt davon! Als die Nomaden noch mehr Land hatten, sind sie weggezogen. Aber es kommt sehr selten vor, dass ein d’abeela den Turban dreht. Und die Tradition verliert sich.

Odidi, der im Prolog stirbt, ist der Typus des modernen Afrikaners, auf dem alle Hoffnungen ruhen.
Er ist eine Kombination der Männer meiner Generation, diese Rugby spielenden, hoffnungsfrohen, großartigen Männer. Ein Gentleman, aber zugleich der verwundete Idealist unserer Generation. Meine Generation ist desillusioniert vom postkolonialen Experiment, von der Gewalt und dem Scheitern des Landes, und das verkörpert er.

Deshalb lassen Sie ihn sterben?
Ich wollte nicht, dass er stirbt! Als ich den Prolog schrieb, rief ich – oh nein, er ist tot! (lacht)

Warum geschah es trotzdem?
Die Geschichte wollte, dass er stirbt, und zuerst wusste ich nicht warum. Aber inzwischen verstehe ich es. Er musste sterben, damit seine Schwester Ajany ihre Stimme finden konnte.

Ist Anjany auch ein Archetyp?
Sie ist die Hoffnung, der Kampf um die eigene Stimme. Um mit dem Tod ihres Bruders fertigzuwerden und ihm wieder Leben zu verleihen, muss sie etwas finden, das sie mehr liebt als ihre Furcht. Sie hatte ihre ganzen Hoffnungen in ihren Bruder gesetzt. In Kenia sprechen wir nicht von Weißen, wir sagen „Kenianer europäischer Herkunft“, oder KC, „Kenyan Cowboys“.Durch seinen Tod entwickelt sie sich und findet ihr eigenes Leben. Gerade sie, die nicht gesehen und nicht gehört wird, fasst Mut.

Diese Figuren, die sich Ihnen diktiert haben, stammen alle aus Ihrem Kopf. Am meisten wundert mich, wie Sie sich in Isaiah hineindenken konnten, den Sohn eines Polizei-Offiziers der britischen Kolonialmacht, der sich auf die Suche nach den Spuren seines vor vierzig Jahren verschwundenen Vaters macht.
Ich kenne die Isaiahs dieser Welt! Ich habe einen schottischen Schwager, den ich sehr liebe, der immer scherzt: Yvonne, sag allen, dass ich die Inspiration für Isaiah bin! In Kenia sprechen wir nicht von Weißen, wir sagen „Kenianer europäischer Herkunft“, oder KC, „Kenyan Cowboys“. Die weißen Kenianer haben eine durch und durch kenianische Identität, sie sind hier geboren und aufgewachsen, sie kennen nichts anderes. Aber wenn sie ins Ausland reisen, wird ihre kenianische Identität in Frage gestellt. Eine Freundin von mir hatte in den USA einen Vortrag über Umweltschutz gehalten und ließ dabei immer wieder die Wendung „wir Afrikaner“ fallen. Daraufhin meinte eine Gruppe von Afro-Amerikanern empört: „Sie haben kein Recht, sich als Afrikanerin zu bezeichnen!“ Sie konnte es nicht fassen.

In Ihrem Roman ist das Schweigen ein Leitmotiv. Was geschieht mit der Erinnerung, wenn sie in Schweigen begraben wird?
Die Erinnerungen bleiben nicht unten. Sie reißen Löcher in die Ordnung, die wir wahrnehmen. Man muss viel Zeit, Energie und Ressourcen aufwenden, um die Erinnerung aufzuhalten. Man baut immer größere Schränke, um die klappernden Skelette zu verbergen. Schließlich bringt man das ganze Leben damit zu, den Fluss des Unaufhaltsamen einzudämmen.

Ihr Buch öffnet die Schränke.
Das tut es. Es sagt: Es reicht! Lasst sie uns alle öffnen.


Kurz-Rezension von Yvonne Adhiambo Owuors Roman „Der Ort, an dem die Reise endet“:

Ein Land auf der Suche nach sich selbst

Bilder:
Autorenfoto Yvonne Adhiambo Owuor: Sieglinde Geisel
Foto Binyvanga Wainaina: Flickr stream Binyavanga Wainaina [Public domain], via Wikimedia Commons
Giraffe vor Skyline Nairobi: Mkimemia, Lizenz GFDL oder CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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