Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe „Die Hundertjährigen“ widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.

Malcolm Lowry ist der Backpacker der Weltliteratur. Den Großteil seines Lebens verbringt der gebürtige Engländer im Ausland, nur zum Sterben kommt er in die Heimat zurück. Geblieben sind Lowrys Romane und Briefe, voll mit praktischen Tipps fürs Ausland, die nicht im Lonely Planet stehen.

1. [Unterwegs]: Hör auf anzukommen!

Und so sehe ich mich zuweilen als einen großen Forscher, der ein außerordentliches Land entdeckt hat, aus dem er niemals zurückkehren kann, um der Welt davon zu berichten; aber der Name dieses Landes ist Hölle.
(Aus: Unter dem Vulkan)

Malcolm Lowry und Margerie Lowry in Vancouver, Kanada

Malcolm Lowry mit seiner Ehefrau Margerie in der Nähe von Vancouver, Kanada.

Reisen ist eine gefährliche Angelegenheit – hat dich einmal das Fernweh gepackt, gibt es kein Zurück. Malcolm Lowry macht diese Erfahrung bereits in der Jugend. Am 28. Juli 1909 wird der Dauertourist als Kind reicher [→Geld], aber engstirniger Eltern in der Nähe von Liverpool geboren. Um dem Elternhaus zu entfliehen, heuert er im Alter von 17 Jahren als Schiffsjunge auf der Pyrrhus an. Für sein Studium wird er noch einmal nach England zurückkehren. Da hat ihn das Fernweh jedoch bereits gepackt. Kaum hat er den Abschluss in der Tasche, kann die Odyssee beginnen.

Mit kurzen Unterbrechungen ist Lowry lebenslang unterwegs. Er verbringt elternfinanzierte Auslandssemester in Frankreich, Italien und Mexiko, bereist exotische Orte wie Shanghai, Bonn oder den siebten Höllenkreis [→Alkohol] und wandert schließlich nach Kanada aus. Knapp 14 Jahre lang wohnt der Aussteiger in einer ärmlichen Fischerhütte in der Nähe von Vancouver. Nach England kehrt er erst im Jahr 1955 zurück – zwei Jahre später stirbt er.

2. [Gepäck]: Vergiss dein Gepäck!

Ich bin mir darüber kein bisschen im Klaren, aber in einem mexikanischen Gefängnis muss man manchmal aus einem Pisspott trinken. (Besonders, wenn man keinen Ausweis hat.)
(Aus: Briefe)

Unerfahrene Backpacker erkennst du am großen Rucksack. Echte Profis reisen nur mit wenig oder ganz ohne Gepäck. Lowry stellt das bereits an Bord der Pyrrhus fest, wo er komplett ausgeraubt wird. Danach reist er so leicht wie möglich: Als er im Jahr 1933 seinen Partner Conrad Aiken in den USA besucht, hat er nur das Manuskript seines ersten Romans Ultramarin sowie ein paar Socken und seine Ukulele dabei.

Ganz ohne einen gültigen Pass oder Kleidung zum Wechseln zu reisen, ist allerdings nicht gerade einfach. Ständig sind pingelige Grenzbeamte und Locals hinter Lowry her. Doch sobald der Weltenbummler aus einem Land hinausgeworfen wird, zieht es ihn ins nächste. Pragmatisch gesinnt, macht Lowry das Beste aus dem Wenigen, das er hat, benutzt seinen Schlips als Gürtel und staubt die letzte Hose ab, bevor er sie für Alkohol verpfändet.

3. [Alkohol]: Trink so viel du kannst!

Dann sagte Fernando etwas so Schönes, mit einem so traurigen Akzent…: «Ich bin ein Trinker.»
(Aus: Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt)

Malcolm Lowry

Malcolm Lowry bei der Arbeit mit einer Flasche Gin.

Im Ausland wirst du zuerst eine unangenehme Erfahrung machen, die man als Kulturschock bezeichnet. Plötzlich versagt dir die Sprache, der Alltag, die Sitten, sogar das Essen ist anders. Zum Glück kennt Lowry ein Heilmittel: Alkohol! Du wirst sehen, Alkohol ist die Lösung aller Probleme – lallend überwindest du jede Sprachbarriere und gewinnst schnell neue Freunde, um dich im fremden Land zurecht zu finden. Dank der alkoholbedingten Impotenz bleibt dir außerdem die Peinlichkeit erspart, bei exotischen Frauen abzublitzen [→Sex].

Leider kann Alkohol auch Komplikationen verursachen. Der Quartalssäufer Lowry schlägt im Vollsuff ein Pferd k.o., streichelt einen Hasen zu Tode [→Lügen] und landet laut eigener Darstellung in jedem Gefängnis, jedem Krankenhaus und jeder Psychiatrie auf seinem Weg. Doch am nächsten Morgen ist alles vergessen. Noch mehr klassische Lowry-Momente kannst du dir hier anschauen:

Alkohol ist für den Dipsomanen Lowry mehr als ein Ausweg, er ist eine Inspiration. Während Lowry sich immer tiefer in den Abgrund säuft, sammelt er Berge von Notizen, im Delirium tremens locker auf Speisekarten, Fahrplänen und Servietten gekritzelt, um seinen Untergang zu dokumentieren. Nach jahrelanger Arbeit entsteht daraus der Roman Unter dem Vulkan, ein Meisterwerk, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mit Ulysses von James Joyce verglichen wird.

4. [Lügen]: Du sollst lügen!

Aber zu jener Zeit war der arme Konsul kaum noch imstande, die Wahrheit zu sagen, und was er von seinem Leben erzählte, hörte sich wie ein überspannter Roman an.
(Aus: Unter dem Vulkan)

Im Ausland musst du dir angewöhnen, die Wahrheit strategisch zu nutzen. Erzähl´ deinen Eltern niemals, dass du gerade durch Rom turnst und dich regelmäßig betrinkst. Merke dir deshalb folgenden Satz: „Ich bin total damit beschäftigt, die Kultur von [Name des Landes] kennenzulernen.“ Sonst sitzt du schnell auf dem Trockenen. Nimm dir ein Beispiel an Lowry! Seine Briefe sind gespickt mit großen und kleinen Lügen, um vom Verleger mehr Zeit zum Schreiben zu ertricksen und vom Vater mehr Geld.

Keine Angst vor Skrupeln: Lügen ist einfach – du musst bloß selbst daran glauben. Ein guter Lügner wie Lowry kann irgendwann nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. Stimmt es etwa, dass Lowry von einer Babysitterin misshandelt wurde? Ist er als Kind wirklich für vier Jahre erblindet? Stammt die gezackte Narbe am Knie von einer Schusswunde oder von einem Fahrradunfall? Und wie war das mit dem Hasen? [→Alkohol]

Aus heutiger Sicht lassen sich Mythos und Wahrheit nur schwer voneinander trennen. Da Lowrys Romane radikal autobiografisch sind, gehört die Legendenbildung auch zu seiner schriftstellerischen Arbeit. Geradezu planmäßig schmückt er die eigene Vergangenheit aus, um seine Figuren – allesamt kaum verhohlene Alter Egos – mit einer Geschichte auszustaffieren. Welche Anekdoten Lowry erfunden hat, um sie später als Material für seine Romane zu benutzen, ist deshalb nur schwer zu überprüfen.

5. [Geld]: Schnorr´ so viel du kannst!

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Du mir helfen könntest; oder irgendein anderer, außer man schickt mir Geld, das unvermeidlich schlecht angewandt werden wird.
(Aus: Briefe)

Fischerhütte von Malcolm Lowry in Dollarton, Kanada

Die Fischerhütte in Dollarton, Kanada. Nachdem die erste Hütte abbrennt, baut Malcolm Lowry die zweite Hütte mit eigenen Händen wieder auf.

Im Ausland bist du von spendablen Geldgebern abhängig (Erasmus-Amt, Eltern, Oma). Dafür musst du dich nicht schämen. Auch Lowry finanziert seine Reisen [→Unterwegs] mit dem Geld seiner Eltern, rund 100 Dollar bekommt er im Monat. Erst, als 1947 Unter dem Vulkan veröffentlicht wird – da ist Lowry bereits 38 Jahre alt – hat er ein eigenes Einkommen.

Trotzdem bleibt Lowrys finanzielle Situation desaströs. Ständig wird er von Halsabschneidern und korrupten Beamten abgezockt. Im Scheidungsprozess von seiner ersten Frau Jan Gabrial erklärt das Gericht ihn wegen seiner Alkohol-Sucht sogar für unzurechnungsfähig. Seitdem verwaltet Margerie Bonner, seine zweite Frau und lebenslange Partnerin, das Lowry´sche Vermögen. Er selbst bekommt keinen Cent.

6. [Sex]: Keine Angst vor Geschlechtskrankheiten!

«Auf der vorletzten Fahrt, in Moji war´s, hab ich mir´s eingefangen, den schönsten Tripper, den du je gesehen hast; vorletzte Fahrt, auf der Maharajah – sie liegt jetzt hier im Hafen…»
(Aus: Ultramarin)

Im Jahr 2014 verkündet die EU-Bildungskommissarin: Erasmusstudenten haben europaweit eine Millionen Babys gezeugt. Reisen ist sexy! Unbekannt ist allerdings, wie viele der Studenten sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben. Natürlich schützt ein Kondom vor Tripper, Aids und Syphilis. Sicherer ist jedoch, du verzichtest ganz auf Sex – schau einfach im anatomischen Museum vorbei. Als Lowry fünf Jahre alt ist, wird er von seinem Vater als Abschreckungsmaßnahme dazu gezwungen, syphilitisch deformierte Geschlechtsteile im anatomischen Museum von Liverpool zu betrachten. Danach ist Lowry vom Sex geheilt. Anfangs mag es dir schwerfallen, auf Sex zu verzichten. Doch zum Glück gibt es ja Alkohol!

7. [Arbeit]: Probier dich aus!

Ich bin jetzt so weit, dass ich jede Nacht fünf Romane im Kopf schreibe, mich auch vollkommen daran erinnere (was auch immer das heißen mag), aber unfähig bin, auch nur ein Wort zu schreiben.
(Aus: Briefe)

Niemand erwartet von dir, dass du im AuslandGeld verdienst. Wenn du zwischendurch nüchtern bist, solltest du deshalb eigene unprofitable Projekte anstoßen. Lowry ist ein echter Meister im Ausprobieren. Ständig schreibt er um, arrangiert neu und begreift keines seiner Werke als fertig – nicht einmal die abgeschlossenen. Insgesamt kommen auf jede veröffentlichte Romanseite rund 200 unveröffentlichte Seiten Manuskript. Die Novelle Die letzte Adresse fordert er vom Verleger zurück, obwohl sie bereits angenommen ist.

Deine Projekte sollten außerdem von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Lowry zum Beispiel plant, sein gesamtes Werk durch Querverweise in einem Romanzyklus zusammenzufassen. Arbeitstitel: Die Reise, die niemals endet. Der Zyklus ist an Dantes Göttliche Komödie angelehnt und soll den Aufstieg von der Hölle zum Himmel beschreiben. Ein gewaltiges Projekt, für das Lowry auch Unter dem Vulkan überarbeiten will. Der Roman soll das Inferno [→Alkohol] darstellen. Als Paradiso ist das 2000 Seiten starke Manuskript von In Ballast to the White Sea vorgesehen, das 1944 vollständig verbrennt. Das Schicksal hält keinen Himmel für Lowry bereit.

8. [Partner]: Reise niemals alleine!

Nichtsdestotrotz müssen meine Pläne für die Zukunft Margerie mit einschließen, wie Du wohl verstehen kannst; denn unsere Zuneigung zueinander ist das einzige, was mich am Leben und bei Gesundheit hält.
(Aus: Briefe)

Reisen ist mit allerlei lästigen Aufgaben und Pflichten verbunden. Du brauchst deshalb einen Reisepartner, der dein Gepäck schleppt und dich aus dem Gefängnis freikauft. Lowry wurde vor allem von zwei Menschen begleitet: dem Schriftsteller Conrad Aiken und seiner zweiten Frau Margerie Bonner.

Die erste Begegnung zwischen Lowry und Aiken verläuft unglücklich: Als die beiden um einen Toilettensitz ringen, zertrümmert Lowry seinem späteren Ziehvater den Schädel [→Alkohol]. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Seitdem fungiert Aiken als literarisches Vorbild, Vormund in loco parentis und Reisekumpan für Lowry. Erst, als abzusehen ist, dass sein genialer Pflegesohn die Trunksucht nicht überleben wird, kündigt Aiken ihm die Freundschaft.

Während Aiken die Rolle des Lehrers und Ersatzvaters einnimmt, gelingt es allein Margerie, Lowry so lange nüchtern zu halten, dass er schreiben kann [→Arbeit]. Darüber hinaus ist Margerie kreativ in den Schaffensprozess eingebunden. Während der zehnjährigen Entstehungszeit von Unter dem Vulkan korrigiert sie Manuskripte, verfasst Landschaftsbeschreibungen, gibt dem Plot neue Wendungen und hält die Zigarette für ihren delirierenden Mann. Ohne sie hätte Lowry den Roman niemals vollendet.

9. [Locals]: Ignoriere die Einheimischen!

«Diesmal hatten wir´ne Fahrt nach Südamerika – Santos und Paraguay, San Francisco, Florianopolis – Port Allegre. Wir sind um die ganze Welt geschippert. Ach! Aber es ist überall das gleiche – Prosit.»
(Aus: Ultramarin)

Als echter Reiseprofi solltest du eine wohlwollende Ignoranz gegenüber der lokalen Kultur und den Einheimischen entwickeln. Wirklich sehenswert sind ohnehin nur die Kneipen. Hier erfährst du alles Wissenswerte über das Land. Hör auf Lowry! Egal, wie viele Kilometer er hinter sich bringt, für ihn steht fest: Auch auf der weitesten Reise werden keine geografischen, sondern seelische Grenzen überwunden [→Alkohol].

Malcolm Lowry auf Curaçao

Malcolm Lowry auf der Karibik-Insel Curaçao im Jahr 1947.

Diese Einstellung könnte allerdings als Respektlosigkeit gegenüber der einheimischen Kultur interpretiert werden. Aufgrund seines unangepassten Lebensstils wird Lowry von Polizisten verfolgt, spanische Kinder hänseln el borracho inglés und der Bürgermeister von Vancouver droht ihm mit einer Zwangsräumung der Fischerhütte. Doch anstatt solchen Scherereien aus dem Weg zu gehen, nutzt Lowry die Konflikte als Material für seine Romane. Das unveröffentlichte Fragment La Mordida etwa handelt von der Korruption in Mexiko, in Oktoberfähre nach Gabriola wird die Vertreibung aus dem eigenen Haus thematisiert. Gelöst werden die Probleme dadurch natürlich nicht. Dafür baut Lowry auf seine weltoffenen Partner, die ihm regelmäßig aus der Patsche helfen.

10. [Schicksal]: Sei paranoid!

Ich werde auf Schritt und Tritt verfolgt, und sogar jetzt, während ich schreibe, beobachten mich nicht weniger als fünf Polizisten. Es ist die vollkommene Kafka-Situation; aber du wirst mir verzeihen, dass ich das nicht mehr komisch finde.
(Aus: Briefe)

Touristen sind leichte Opfer. Sei auf der Hut vor Taschendieben und Abzockern! Auf Lowrys Reisen geht allerhand Gepäck verloren: 1932 wird das Manuskript von Ultramarin aus dem Auto des Lektors gestohlen (Freunde finden eine Durchschrift), der amerikanische Konsul in Acapulco klaut eine frühe Fassung von Unter dem Vulkan (ein Bekannter klaut es zurück) und bei dem Feuer der Fischerhütte im Jahr 1944 verbrennt das Manuskript von In Ballast to the White Sea komplett. Ohne Lowrys Wissen bewahrt seine erste Frau eine frühe Fassung auf, die erst im Jahr 2014 publiziert wird.

Um Gefahr vorzubeugen, hilft eine vorausschauende Paranoia. Doch Vorsicht, Angst verselbstständigt sich schnell! Nicht lange und du glaubst, deine Gedanken könnten Feuer entfachen. Ist der Typ an der Ecke ein mexikanischer Nazi-Spion? Lowry behauptet schließlich sogar, Margerie habe es nur auf sein Geld abgesehen und versucht mehrmals im Rausch, sie zu erwürgen. Diese Unannehmlichkeit solltest du jedoch in Kauf nehmen, um sicher zu reisen. Übrigens: Wenn es dir schwerfällt, den Verstand zu verlieren, kann ein bisschen Alkohol sicher nicht schaden.

Am 27. Juni 1957 stirbt Malcolm Lowry unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Schlaftabletten. Zu Lebzeiten hat er lediglich den Jugendroman Ultramarin, wenige Erzählungen und Gedichte sowie das Meisterwerk Unter dem Vulkan veröffentlicht. Erst posthum erscheinen die Romanfragmente Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt und Oktoberfähre nach Gabriola, die Kurzgeschichtensammlung Hör uns, o Herr, der Du im Himmel wohnst, die Novelle Die letzte Adresse sowie Gedichte und Briefe. In diesen autobiografischen Geschichten lebt Lowry bis heute fort. Die Reise endet niemals [→Unterwegs]!

 

Beitragsbilder:
Quelle: Douglas Day „Malcolm Lowry – A Biogaphy“

Von Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor.

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