In Böses Denken hat Bettina Stangneth das Denken auf seine moralischen Voraussetzungen und Folgen hin befragt. Sie setzt dort mit Karl Jaspers‘ Frage an, zu welchen Gedanken ich eigentlich ein Recht habe. In ihrem neuen Buch Lügen lesen untersucht Bettina Stangneth nun die Lüge, allerdings nicht vom moralischen, sondern vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus.

Warum lügen wir?

Spätestens seit der Debatte um Fake-News liegt das Thema Lüge in der Luft. Doch es wäre unfair, Bettina Stangneth Konjunktur-Reiterei vorzuwerfen. Sie arbeitet seit Jahren zum Thema. Ausgangspunkt dafür war ihre Beschäftigung mit Adolf Eichmann. In ihrer Untersuchung Eichmann vor Jerusalem (2011) und als Herausgeberin der Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers Avner Werner Less (Lüge! Alles Lüge, 2012) hat sie seine systematischen Lügengebäude offengelegt. In ihrem neuen Buch erweitert sie nun das Spektrum und fragt grundsätzlich: Was ist die Lüge? Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr? Warum lügen wir? Gibt es unterschiedliche Typen von Lügnern und Lügen?

Wir alle, so Stangneth, lügen manchmal, und dennoch tabuisieren wir das Lügen – ein offenkundiger Selbstwiderspruch, den Kinder früh begreifen. Dabei ist die Lüge eine hochkomplexe Geistesleistung. Nur Menschen mit ihrer Selbstpräsenz, also ihrer Fähigkeit, multiple Perspektiven einzunehmen, können lügen. Das bedeutet, Stangneth leistet sich einen kleinen Schlenker hin zur Freiheitstheorie: Ich kann lügen, also bin ich frei. Es bedeutet übrigens auch: Ich bin frei, Lügen als solche zu erkennen. Wenn wir uns, wie es Stangneth vorschlägt, der Lüge erkenntnistheoretisch nähern, geht es im Gegensatz zum klassischen europäischen Lügendiskurs (von der Scholastik bis einschließlich Nietzsche!) gerade nicht um Moral. Denn: Zwar haben Lügen in the long run tatsächlich kurze Beine. Vorher aber können sie eine unheilvolle Wirkung auf unser Denken entfalten.

Relevante Lügen

Um welche Art von Lügnern und Lügen geht es eigentlich? Der Lügner, der Stangneth interessiert, ist jener Lügner, der „nicht lautstark stören, sondern leise Fakten schaffen“ möchte. Die relevanten Lügen sind solche, die unsere Wahrnehmung der Realität verändern oder zerstören – und damit unsere Handlungsgrundlagen. Entscheidend, so Stangneth, ist dabei Folgendes: Sobald eine Lüge sich erfolgreich etabliert hat, müssen alle über das Stöckchen springen. Die Lüge wirkt selbst dann, wenn sie längst als solche demaskiert ist. Denn alle müssen sich zu ihr verhalten. Und schlimmer: Das Koordinatensystem wird verschoben, und zwar auch für diejenigen, die an einer ehrlichen Debatte interessiert sind – allein schon wegen des zerstörten Vertrauens.

Lügen (…) ist der Versuch, das Handeln eines Menschen zu verändern, indem man unbemerkt sein Denken des Weltbezugs beraubt und ein bloßes Denken an seine Stelle setzt.

Das ist Stangneths erste These und das logische Zentrum ihres Essays. Die Lüge erfordert den Lügner, also jemanden, der die kognitiven Fähigkeiten und vor allem den Willen zur Lüge hat und „p“ äussert, obwohl er „non-p“ weiß. Um eine Lüge jedoch erfolgreich zu lancieren, ist der Lügner auf Partner angewiesen, die ihm glauben oder die Lüge zumindest weitertragen. Mit der Lüge modifiziere ich meine Welt – und die Welt aller, die mit mir gesellschaftlichen Verkehr pflegen. Das aber bedeutet: Damit eine Lüge erfolgreich ist, muss der Belogene sich auf sie einlassen.

Denn:

Die Lüge ist ein Dialog.

Das ist Bettina Stangneths zweite These. Ich lüge für andere und um der Anderen willen. Nur in dieser Konstellation ist die Lüge überhaupt wirklich. Und so wie jeder erfolgreiche Dialog transformiert auch der erfolgreiche Lügendialog die Welt aller Beteiligten: Auch der Lügner muss an die Lüge glauben. Beide, Lügner wie Belogener, leben jetzt gemeinschaftlich in einer fiktiven Welt.

Zur dritten These gelangt Bettina Stangneth mit Hilfe von Hannah Arendts Unterscheidung der Begriffe Macht und Gewalt. Gewalt ist monologisch: Ich übe sie aus, ich schlage, ich schieße. Macht hingegen, so Arendt, bedarf der Gegenseitigkeit: Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich schieße oder das Schießen bloß androhe.

Lüge ist keine Gewalt, so Stangneth:

Weil das Lügen im entscheidenden Moment eine Fiktion, also weltlos ist und außerdem auf das Denken des anderen gerichtet ist, hat es keinerlei zwingende Kraft. Gerade, weil die Mitteilung des Lügners auf ein Nicht-Verstehen zielt, das dennoch für ein Verstehen gehalten werden soll, kann sich die Wirklichkeit der Lüge nur manifestieren, wenn ein anderer das Mitgeteilte nicht nur anhört oder anschaut oder nachdenkt oder gar mitlügt, sondern es als eigenes Denken aktualisiert.

Der Belogene kooperiert

Man denke an Walter Kempowski, der seine Mutter nach 45 sagen lässt: „Bei Licht besehen sind wir ja alle ein Opfer der Propaganda geworden“ – die Lebenslüge einer ganzen deutschen Generation. Solchen Selbstschutzmechanismen entzieht Stangneth den Boden: Der Belogene kooperiert ja mit dem Lügner! Das dialogische Prinzip der Lüge bedeutet: Es sind nicht Strukturen, die lügen, auch nicht „Narrative“ oder „die Sprache“, übrigens auch keine Spam-Bots. Es gibt auch keine lügenhaften Zeichen. Lügen in die Welt setzen und reproduzieren, sich in eine Lügenwelt einpassen und diese weitertragen, das tun nur Menschen und zwar gemeinschaftlich.

Stangneth nimmt in der weiteren Analyse wichtige Präzisierungen zum Phänomen Lügner und Lüge vor: Eine Lüge muss sich mit Wahrheit umgeben. Sie ist umso erfolgreicher, je näher uns der Lügende steht. Und die Lüge will auch uns „lesen“, auch uns verstehen. Lügner sind außerordentlich an den Gegengiften interessiert mit dem Ziel, sie in ihr manipulatives Spiel einzubinden. Hier hat Stangneth ganz offenkundig Eichmann vor Augen, der dieses Spiel so meisterhaft beherrschte.

Bettina Stangneth eröffnet mit ihren Thesen einen originellen Diskurs über die Lüge. Das beste Antidot gegen die Verführungskraft der Lüge findet die Autorin in Kants Hinweisen für kritisches Denken – nicht zuletzt in seinem notorisch missverstandenen Aufsatz „Über ein vermeintes Recht, aus Menschenliebe zu lügen“. Denn Kant hat wie kaum ein anderer verstanden, wie zerstörerisch die Lüge wirkt, wie sehr sie die Grundlagen unserer gemeinsamen Welt unterläuft.

Sich selbst belügen

An einem Problem aber scheitert auch Bettina Stangneth, muss vielleicht scheitern – jedenfalls ist bis jetzt noch jede und jeder an ihm gescheitert: dem Phänomen des Selbstbetrugs. In letzter Konsequenz bestreitet Stangneth die Möglichkeit, sich selbst zu belügen. Wer würde denn dabei mit wem in einen Dialog treten? Es sei widersinnig zu sagen, ich (der Lügner) hätte mich (den Belogenen) selbst erfolgreich belogen. Begriffsanalytisch ist das nicht zu widerlegen, doch ob Bettina Stangneth an dieser Stelle dem Denken nicht zu viel zutraut? Die im Zweifelsfall mit viel Aggressivität verteidigte Selbstwidersprüchlichkeit des Menschen scheint mir eine solch machtvolle Realität zu sein, dass wir erlogenen Narrativen eine eigenständige Rolle zugestehen sollten. Mich selber belügen kann ich tatsächlich nicht – aber nur unter der Voraussetzung, dass ich ausdrücklich mit mir selbst zusammenleben will, wie Hannah Arendt es einmal nannte. Wie jedoch rede ich mit Leuten, die diesen Anspruch nicht teilen, ja nicht einmal kennen?

Doch das wäre ein anderes Buch.

Angaben zum Buch
Bettina Stangneth
Lügen lesen
Rowohlt 2017 · 208 Seiten · 19,99 Euro
ISBN: 978-3498061739
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Von Stephanie Jaeckel
Cover: Verlag
Hartmut Finkeldey

Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

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