Karl Heinz Bohrer ist Literaturwissenschaftler und Publizist. Er war Literaturredakteur der FAZ, ab 1974 deren Korrespondent in London, und von 1984 bis 2011 Herausgeber des Merkur. Dass Germanisten ihre Autobiografie schreiben, passiert selten. In Granatsplitter (2012) schildert Bohrer seine Kindheit und Jugend – dort noch distanziert in der dritten Person Singular, aber im Erzählton kraftvoll, wie man es von einem Theoretiker nicht unbedingt erwarten würde. In Jetzt, dem zweiten Teil seiner Lebensgeschichte, wechselt Bohrer in die Ich-Perspektive, die Distanz zur eigenen Person ist aufgehoben.

Mehr als fünf Jahrzehnte Bundesrepublik packt Karl Heinz Bohrer in das Buch: angefangen mit  seinen Studienjahren in den 50er Jahren in Heidelberg, weiter über die Studentenunruhen der 60er Jahre, bis schließlich zur Flüchtlingskrise der Gegenwart. All dies ohne Gewähr auf Vollständigkeit, denn Bohrer unterwirft sein Lebensmaterial der Laune des Erzählers. Wer eine intellektuelle Geschichte der BRD erwartet, wird enttäuscht, denn Zeitgenosse ist Bohrer nur bedingt:

Ich nahm nicht die Farbe der objektiven Zeit an. Gab es die überhaupt? Man ist doch Mensch seiner Zeit, und was von der früheren Zeit gewusst wurde, wusste man vor allem aus Aufzeichnungen der Menschen, die diese Zeit in sich erfahren hatten. Also drückte sich die Zeit objektiv unmittelbar im Subjekt aus? Nicht bei mir. Ich hatte das Gefühl, dass es bei mir immer anders war. Von Anfang an. Als in Köln die Bombennächte einsetzten, hatte ich Granatsplitter wie phantastische Objekte gesammelt und, als Pfarrer verkleidet, vom Jesuskind und von Gott gepredigt, ganz meiner Phantasie hingegeben.

Ein Konservativer mit Sinn für das Überraschende

Bohrer erzählt von sich, und er erzählt von seinen Abneigungen, besonders gegenüber dem linksliberalen Milieu der Bundesrepublik der 60er Jahre:

Die politische Universität der letzten Jahre hatte die Sinnlichkeit mit der sogenannten sozialen Funktion der Literatur ausgetrieben.

Diese Vorbehalte bewahrt Bohrer sich bis in die Gegenwart. Er beklagt die von den liberalen Medien begrüßte Einladung an die syrischen Flüchtlinge:

Was mich daran beschäftigte, waren nicht die politischen oder organisatorischen Einwände und Fragen. Es war der zivilisatorische und psychologische Sprengstoff, den die Flüchtlinge im Gepäck hatten.

Zu dem politischen Alltag sucht Bohrer Distanz:

Der anschwellende Gesang der politischen Korrektheit im eigenen Land war nur durch ein noch stärkeres Eintauchen in die Literatur zu überhören.

Bohrer ist ein Konservativer, aber offen für das Überraschende. Er ist ein Polterer, wie auch Thomas Bernhard, mit dem er zu FAZ-Zeiten einmal Rindswurst aß; er schreibt mit galligem Humor. Über Hans-Jürgen Krahl, einen der führenden Köpfe des APO-Protests in Frankfurt, sagt er:

Irgendetwas von der alten Mentalität war jedenfalls auch bei dem idealistisch Engagierten mit dem Megaphon hängengeblieben. Das galt übrigens nicht weniger für einige links engagierte Frauen, die geradewegs dem deutschen Frauenbund entlaufen zu sein schienen: Wie bedrückend und befremdlich das war! Nichts von Freiheit und Ungebundenheit!

Raum für die Phantasie

Bohrer schildert unverstellt, was er empfindet und denkt. Anfang der 80er Jahre war er Germanistikprofessor in Bielefeld, aber mit Wohnsitz in Paris, wo er mit seiner damaligen Frau lebte, der 2002 gestorbenen Schriftstellerin Undine Gruenter. Paris reizte ihn mehr als die deutsche Provinz, denn es bot Raum für die Phantasie. Straßen und Plätze waren mit Bedeutung aufgeladen, mit Tradition und Geschichten. Die BRD fand er stillos und miefig. Nicht einmal dort, wo er die BRD lobt, reicht es zum Kompliment:

… denn die bürgerliche Gesellschaft, die immerzu angegriffen werden sollte, war ein Schutz für die Phantasie, auch wenn sie selbst keine besaß.

Der Widerwille gegenüber dem Alltag geht bei Bohrer so weit, dass er mit dem Anarchismus der Baader-Meinhof-Gruppe vage sympathisiert, wenn auch aus ästhetischen Gründen.

Es galt, die nostalgische Idee, die Langeweile, die Normalität durch Phantasien von anarchistischen Erscheinungen zu unterlaufen. Die Baader-Meinhof-Leute belebten diese Erwartung, selbst wenn die Gruppe inzwischen als kriminelle ‚Bande‘ angesehen wurde.

Mit Ulrike Meinhof übrigens war Bohrer bekannt, was ihm zu seiner Zeit als FAZ-Redakteur übel ausgelegt wurde.

Momente der Initiation

Bohrer liebt das Unerwartete. Die Lektüre Ernst Jüngers kam ihm in jenen Jahren gerade recht, denn hier fand Bohrer, was er suchte:

Diese Wörter hießen: ‚Wunder‘, ‚Gefahr‘, ‚Schrecken‘. Das wichtigste Wort aber war ‚plötzlich‘.

Was Bohrer dort liest – jener Rausch des Plötzlichen, wie er ihn schon bei den Surrealisten fand – bestimmt fortan sein Denken. In Jetzt forscht er nach den Initiationsmomenten: wie ein Mensch dazu kommt, genau jene Bücher zu wählen, die für seine intellektuelle Biographie bedeutsam werden.

In Bohrers Prosa begegnen sich der scharfe Intellekt und die Leidenschaft für die Sache, Bohrer reizt zum Widerspruch, und er denkt selbst in Widersprüchen. Diese Widersprüche trägt er nicht vermittelnd aus, sondern er spitzt sie essayistisch zu. Monologisch wie Thomas Bernhard und eingenommen von der eigenen Phantasie:

Nein, ich fühlte mich nicht einsam – auch dann nicht, wenn ich nicht las oder schrieb. Weil ich mich in Selbstgesprächen auflösen konnte. Dazu brauchte man keinen Dialogpartner. Der Monolog war die königlichste Mitteilungsform. Nicht, weil man keinen Widerspruch zu erdulden hatte, sondern weil man, was damit allerdings zusammenhing, die Phantasie ins Unendliche treiben konnte.

Angaben zum Buch
Karl Heinz Bohrer
Jetzt
Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Suhrkamp Verlag 2017 •542 Seiten • 26,00 Euro
ISBN: 978-3-518-42579-4
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis
Beitragsbild: (c) Lars Hartmann
Buchcover: Suhrkamp Verlag

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

3 Kommentare

  1. Mir wird nicht ganz klar, worin das Konservative bei Bohrer besteht. Die Ablehnung des linksliberalen Juste Milieu alleine ist ja noch nicht konservativ, das verwechseln aktuell viele. (Und schon gar nicht konservativ ist die Revolte, das Wutbürgertum. Wutbürger in der Revolte heben ihren Konservativismus auf, wenn sie ihn denn je gehabt haben. Aber auch mit Wutbürgerei hat Bohrer eigentlich nichts zu tun).

    Ich hatte ihn immer als einen radikalen Ästheten eingeschätzt, der von der politischen Gefährlichkeit dieses radikalen Ästhetizismus weiß und der sich deswegen tunlichst zurückhielt mit Parolen. Radikaler Ästhet, nun gut, aber nochmals gefragt: Worin besteht sein Konservativismus?

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  2. In der Tat ist die Ablehnung jenes Juste Milieu nicht per se konservativ. Die Kritik an jener „Linken“ erfolgt von vielen Positionen heraus. Bohrer ist zudem kein später Teilnehmer einer Konservativen Revolution, auch wenn er Jünger und Schmitt liest. Bohrer ist in diesem Sinne kein konservativer Konservativer, aber auch kein traditioneller Konservativer des CDU-Milieus. Der Kanzler Kohl schreckte ihn und jene Piefigkeit der Bonner Republik und auch die des vereinten Deutschlands als Provinzland fand er genauso entsetzlich wie die banalen und erwartbaren Attitüden der sogenannten 68er. Konservativ ist Bohrer jedoch in seiner Bejahung des Nationalstaates. Konservativ ist er, wenn er die Reduzierung der deutschen Geschichte auf Auschwitz kritisiert und jenen Sühnestolz verachtet. Er sieht sich als Patriot – ein Begriff, den kein Linker je in den Mund nehmen würde –, begrüßte die Wiedervereinigung von ganzen Herzen, und ihn erzürnte die Zaghaftigkeit der Republik, diese Einheit mit Freude und Lust zu begehen. Darin kritisierte er auch seinen Freund Habermas vehement und stritt sich mit ihm.

    Bohrer hielt sich zwar mit Parolen zurück, nicht aber mit dem Politischen. Er kritisiert die Entpolitisierung des Denkens – auch das freilich kein konservativer Zug per se –, kritisierte den deutschen Hang, sich aus jedem Konflikt herauszuhalten. Gut zeigt sich dies in seiner Parteinahme für den Falklandkrieg, nachzulesen in dem Aufsatz „Falkland und die Deutschen“ in dem Sammelband „Provinzialismus“, wo man, wie auch in dem Merkur-Essay „Der ästhetische Staat“, dem politischen Bohrer begegnet.

    Deutlich wird dieses konservative Moment vielleicht an jenem Satz, wo Bohrer über die Ausfahrt der englischen Truppen schreibt. Es „klang auch die alte Melodie ‚Scotland the Brave‘, als die zum Truppentransporter umgewandelte Queen Elizabeth II mit der schottischen und walisischen Garde an Bord langsam aufs offene Meer hinausfuhr, noch immer so emotionell. Es war weder hurrapatriotisch noch anachronistisch. Es war ein Stück europäische Zivilisation. Nur die Mainzelmännchen kichern darüber.“

    Es ist die Haltung eines echten (englischen) Konservativen. In diesem Sinne ist Bohrer, was den Sinn für die Nation betrifft, eher britisch. Die Jahre in England, sowohl als junger Mann und später als Erwachsener, prägten Bohrer. Ein klassischer BRD-Konservativer ist Bohrer sicherlich nicht. Was sich schon in einem Satz wie diesem zeigt: „Die Revolution war das Ereignis der Moderne schlechthin. Sie war die plötzliche Unterbrechung des Absehbaren, sie müsste ein Potential innerhalb unserer Gegenwart bleiben.“ Bohrer geht es um „Energieimpulse“: Wie auch bei Ernst Jünger hat er etwas von einem Anarchisten, einem abenteuerlichen Herz, einem Don Quichote.

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  3. So wäre Bohrer gewissermaßen das „rechte“ Gegenstück zum „linken“ Sebastian Haffner. Von der Anglophilie, dem Bezogensein zu England mehr beeinflusst als vom politischen Koordinatensystem.

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