Katrin Seddig wurde 1969 in Strausberg geboren und lebt in Hamburg. Ihr Roman Eine Nacht und alles ist 2015 bei Rowohlt Berlin erschienen, wo zuvor schon die Romane Runterkommen und Eheroman veröffentlicht worden sind.

Hartmut Finkeldey: Wann hast du mit Schreiben begonnen, und wann wusstest du: Das ist jetzt meine Lebensform?

Katrin_Seddig

Katrin Seddig

Katrin Seddig: Als ich 13 war, habe ich mit einer Freundin in Schulheften Fortsetzungen für unsere Lieblingsserie Ein Colt für alle Fälle geschrieben. Die hab ich leider nicht mehr (lacht). Dann lange nichts Wirkliches. Später, so Ende 20, saß ich da und dachte: Was machste jetzt? Und Schreiben erforderte, im Gegensatz zum Malen, wo du Farben und Leinwände kaufen musst, keine Investitionen. Also habe ich zu schreiben begonnen. Meine ersten Versuche von damals habe ich ebenfalls nicht mehr. Gottseidank diesmal (lacht wieder).

Wer hat dich in deinem Schreiben beeinflusst? Ich haue mal drei Namen raus: Updike, Irving, Fontane…

Zunächst: Ich finde, man soll sich beeinflussen lassen von dem, was einem gefällt, das ist richtig so, wenn du selber schreibst. Denn es rührt ja nicht umsonst etwas in dir an. Habe ich natürlich auch so gehalten. Zu zwei Dritteln hast du übrigens Recht: Updike und Fontane. Irving nicht so ganz.

„Menschen sind nicht eindimensional, deshalb lassen sie sich im Grunde nur an der Oberfläche klassifizieren.“ Als erstes habe ich von Updike, glaube ich, Hasenherz gelesen, das hat mich völlig fertig gemacht, wegen der Genauigkeit, mit der er da erzählt. Wie dicht er dran ist an den Figuren. Das ist natürlich erschreckend, wenn man so nah rangeht an die Menschen, weil das ja auch schmutzig ist und klein und ärmlich usw. Aber es ist zugleich auch gütig: Es zeigt die Schwäche, die Verletzlichkeit der Figuren und gibt dem Leser die Möglichkeit mitzufühlen.

Wenn ich es richtig lese, geht es bei dir um Veränderung, auch um Scheitern – aber um Scheitern im Alltag, ohne grande catastrophe, ohne „Grauen“.

Der Alltag ist sozusagen grausam genug. Das stille Scheitern eines Lebensplans, die Veränderung, das Offene, das sich daraus ergibt, das ist schon spannend.

Findest oder erfindest du? Nehmen wir mal eine Figur aus deinem aktuellen Roman Eine Nacht und alles – den Jesusmann, zu dem Esther flüchtet oder hinzieht: Reale Erfahrungen, oder glatt erfunden?

Beides. Ich kenne solche Jungs wie den Jesusmann aus meiner späteren Jugend. Aber ich übernehme sie nicht als Figuren. Ich übernehme Details und setze neu zusammen. Menschen sind nicht eindimensional, deshalb lassen sie sich im Grunde nur an der Oberfläche klassifizieren. In diesem Falle habe ich so eine Oberfläche als Schablone benutzt, aber dahinter steckt doch ein Mensch, kein Klischee.

Also nicht so, wie bei Thomas oder auch Klaus Mann mit Buddenbrooks oder Mephisto, die ja ganze Handlungsstränge der Wirklichkeit entnommen haben?

Nein, absolut nicht. Ich montiere die Wirklichkeit im Roman neu. „Innerhalb der Geschichte ergeben sich mit der Ausarbeitung einer Figur immer größere Notwendigkeiten für Sprache und Ausdruck.“Nehmen wir zum Beispiel Irene aus Eine Nacht und alles: Ich kenne keine Frau, die so heißt, keine Frau, die eine siebzehnjährige Tochter hat und auch keine, die in der Studienberatung arbeitet. Aber ich kenne die Gefühle, die Irene hat – die Probleme, die sich aus dem Elternsein ergeben und innerhalb einer langjährigen Partnerschaft. Ich kenne sie von mir und von anderen. Zum Beispiel: Die Mutterrolle ist zu dominant und tötet die Liebhaberinnenrolle (genauso bei Vätern), Eheleute entfernen sich voneinander, weil sie der familiären Enge entfliehen, Eheleute belügen sich über ihre Gefühle gegenüber den Kindern, Eheleute wollen Ansprüche erfüllen und werden kleinlich und aggressiv und so weiter. Ich schreibe über das, was ich kenne, aber ich erzähle nicht die Geschichte einer realen Person.

Schreibst du nach Plan, nach einem genauen Plot, der über deinem Schreibtisch hängt?

Nein. Ich habe einen Grob-Plot im Kopf, das reicht. Zu Beginn sind die Figuren unklarer, ich lerne sie beim Schreiben eigentlich erst richtig kennen. Ich weiß, was sie ungefähr tun werden, und das muss dann auch stimmen. Aber innerhalb der Geschichte ergeben sich mit der Ausarbeitung einer Figur immer größere Notwendigkeiten für Sprache und Ausdruck. Am Anfang ist man noch frei, eine Figur etwas denken, tun oder sagen zu lassen, mit dem fortschreitenden Schreiben jedoch legt man sie immer stärker fest. Später weiß man, dass diese Figur diesen Satz eben nicht sagen würde, dass sie diese Sache nicht tun würde. Weil sie eben nicht so ist.

Wie gehst du mit der politischen Dimension des Schreibens um?

Über politische Aspekte denke ich nicht nach, wenn ich schreibe. Aber natürlich ist das Private nie nur unpolitisch. Es geht ja um Lebenskonzepte. Ich könnte mir allerdings nicht vorstellen, einen Roman über Flüchtlinge zu schreiben. Ich weiß ja nicht, wie sich die Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen anfühlt. Ich müsste es recherchieren, und das wäre von außen betrachtet. Ich könnte bestenfalls erzählen, wie sich ein Europäer angesichts der Flüchtlinge fühlt, denn das ist mein Leben, meine Wirklichkeit.

Du bist Ostdeutsche. Kommt irgendwann der DDR-Roman von Katrin Seddig? Gibt es DDR-spezifische Erinnerungen, die dich veranlassen würden, über dieses Thema zu schreiben? Stasi, oder viel alltäglicher, Unterdrückungs-, Unterwerfungserfahrungen, etwa im Staatsbürgerkunde-Unterricht?

Ich bin in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen und die Unterdrückungserfahrungen waren eher privater als politischer Natur. Von der „Welt“ habe ich im Grunde erst erfahren, als ich 1988 nach Berlin zog. Wenn ich über meine Kindheit und Jugend schreiben würde, dann kämen politische Repressionen nur am Rande vor, weil sie mich tatsächlich nicht dramatisch berührt haben. Glücklicherweise. Anderen ging das anders. Wo ich herkomme, das war einfach zu unwichtig, als dass der Staat da groß Agitatoren hingeschickt hätte, nehme ich an. Viele Lehrer waren ironisch und durften das auch sein. Ich wuchs also in dieser Hinsicht eher naiv auf. Ich denke, dass das nicht repräsentativ für das Leben in der DDR wäre. Es wäre ein Detail, ein Bruchstück, nicht „die“ DDR.

Literatur – sind das nicht immer Bruchstücke? Lücken? Ränder? Sonst könntest du ja auch Essayistin werden und mit Allgemeinbegriffen operieren.

Ja. Aber dann ist das eine Geschichte, die da erzählt wird. Die Geschichte meiner Kindheit, meinetwegen. Nicht ein oder der DDR-Roman. Ich habe Schwierigkeiten mit solchen Begriffen. Auch mit dem Begriff Generationenroman. Obwohl ich nicht leugnen will, dass es Romane gibt, die viel Allgemeingültiges über eine Zeit oder eine Generation erzählen können.

Womit wir bei der letzten Frage wären: Dein nächstes Werk?

Ich sitze an einem Dorf-Roman. Wie lebt man in einem Dorf? Was macht das Dorf heute noch aus? Viele Dörfer sind doch versteckte Schlafstädte. Es gibt in ihnen keine Schulen mehr, keine Kirchen, keine Geschäfte, nichts. Wie lebt es sich in einer solchen gespenstischen Idylle?

Bildnachweise:
Headerbild: (c) Lars Hartmann
Autorenfoto Katrin Seddig: von Lesekreis (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Buchcover: Rowohlt Berlin
Angaben zum Buch
Katrin Seddig
Eine Nacht und alles
Roman
Rowohlt Berlin 2015 • 432 Seiten • 19,95 Euro
ISBN: 978-3871347856
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Von Hartmut Finkeldey

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