Vorgestern der Anruf meiner Schwester: „Sind bei euch alle zu Hause? Seid ihr in Sicherheit?“ In Berlin habe es einen Anschlag gegeben, Fernsehsendungen seien unterbrochen worden, auf allen Kanälen gehe es um nichts anderes. Ein seltsames Gefühl: dass mir oder meinen Kindern da draußen Gefahr drohen könnte. Es hat mich nur kurz gestreift, ich staune, wie schnell die Normalität in den Berliner Alltag zurückgekehrt ist. Auch in meiner Facebook-Timeline ist es verhältnismäßig ruhig, kein Vergleich mit der Aufregung nach der Trump-Wahl. Die Betroffenheit über die Toten und das Bewusstsein dafür, dass es jeden von uns hätte treffen können, mischt sich mit einem gewissen Fatalismus: Mit so etwas habe man rechnen müssen, warum sollte es Berlin anders ergehen als Paris, London, Madrid, das Leben geht weiter.

Ein unausgesprochenes „Nicht mit uns!“ liegt über der Stadt: Wir lassen uns nicht in die Suppe spucken, wär ja noch schöner!

Zynismus? Keineswegs: Coolness – die einzig adäquate Antwort auf den Terror.

„Wir sind in einem Kriegszustand“, trommelte der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU), noch bevor man etwas wusste, „Merkels Tote“ höhnte die AfD. Doch die markigen Sprüche kommen von außerhalb. Über die Reden der Berliner Politiker kann sich niemand beschweren: Erschütterung über die Tat, Mitgefühl mit den Opfern und die Empfehlung von Gelassenheit. Nichts von „Wir sind Weihnachtsmarkt!“.

Berlin spielt nicht mit. Weder im Spiel der Attentäter, die auf den Resonanzeffekt durch Empörung setzen, noch im Spiel der einheimischen Rechten, die aus dem Attentat Kapital schlagen wollen und gleich die Geifermaschine angeworfen haben. Keine „Code-Orange“-Stimmung, weder als Schockstarre noch in Form von Hysterie, sondern kühle Köpfe. Für einmal scheint Berlin alles richtig zu machen: Die Kriminalpolizei ermittelt, und es sieht so aus, als dürften wir auf ein Comeback der Fakten hoffen.

Nichts davon ist inszeniert. Vielmehr hat man den Eindruck, den Berlinern werde ihre eigene Gelassenheit erst allmählich bewusst. Berlin hat schon so vieles gesehen, heißt es gern: Krieg, Luftbrücke, Mauerbau. Doch diese Ereignisse sind für die Mehrheit nur erzählte, nicht erlebte Wirklichkeit. Die pragmatische Haltung der Berliner hat eher mit dem fehlenden Luxus zu tun als mit der Geschichte der Stadt. Der Anteil der Menschen, die mit existenziellen Problemen zu kämpfen haben, ist in Berlin höher als in den anderen deutschen Metropolen. Improvisieren gehört ebenso zum Berliner Alltag wie der selbstverständliche Umgang mit Menschen, die anders sind als man selbst. Ist es diese raue Lebenswirklichkeit, die unerschrocken macht?

Für den Terror braucht es zwei: Jemanden, der terrorisiert und jemanden, der sich terrorisieren lässt. Berlin lässt den Terror ins Leere laufen.

Beitragsbild:
Von Sebastian Rittau (Originalfoto) Ralf Roletschek (Bearbeitung & Beschriftung)
Wikimedia
Lizenz: CC BY 4.0

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

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