In einer Glosse in der FAZ hat sich Sandra Kegel mit dem Page-99-Test auf tell kritisch auseinandergesetzt. Die FAZ lehnt es ab, eine Entgegnung zu drucken, deshalb erscheint sie nun auf tell.

Es genüge, in einem Buch die Seite 99 zu lesen um zu wissen, ob es etwas tauge. Dieses (mittlerweile berühmteste) Zitat von Ford Madox Ford ist mir vor Jahren in einem Schriftsteller-Interview begegnet, und seither begleitet es mich. Das Verfahren gehört zum Alltag des Lesens: Wer in der Buchhandlung in einem Buch blättert um zu entscheiden, ob sich die Lektüre lohnt, macht einen spontanen Page-99-Test.

Dass die Gewebeprobe auf Seite 99 keine Rezension ersetzt, versteht sich von selbst. Über die Grenzen des Page-99-Tests führen wir längst eine Debatte auf tell: Es geht dabei etwa um die Gefahr, dass man Leitmotive nicht erkennt oder den Monolog einer Figur mit der stilistischen Stimme des Autors verwechselt. Weil der Zusammenhang fehlt, bleibt auf der Seite 99 vieles rätselhaft. Gerade daraus bezieht der Page-99-Test seinen Unterhaltungswert:

(ich wollte ja einfach im Kühlschrank chillen)

Was für ein Ich-Erzähler könnte einen solchen Satz äußern?

Der Page-99-Test lebt vom Widerspruch, deshalb braucht er ein diskursives, fluides Medium. Auf einer Zeitungsseite bekäme er eine falsche Autorität. Denn nicht nur die Seite 99 ist nackt, sondern auch die Kritikerin, denn ich habe keinen Lektürevorsprung vor den anderen Lesern. Meine Argumente sind sofort überprüfbar und können in den Kommentaren abgelehnt, ergänzt, korrigiert werden.

Lesen wie ein Übersetzer

Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension, und eine Rezension ersetzt keinen Page-99-Test. Manche Dinge erkennt man nur unter der Lupe, das gehört zu den Überraschungen dieses Experiments. Mit der Wort-für-Wort-Lektüre schlüpft man in die Rolle eines Übersetzers, der keinen Satz auslassen kann – ein Lesetraining, das die Aufmerksamkeit für die Lektüre des Ganzen schärft. Man lese langsam, sagt Georg Christoph Lichtenberg,

und befrage sich alle Schritte, warum glaube ich dieses?

Schwächen treten bei dieser mikroskopischen Lektüre ebenso zu Tage wie Stärken: Bei Elena Ferrante erkennt man das subtile Spiel, das der Text mit den Erwartungen des Lesers treibt – was den Vorwurf entkräftet, bei Ferrante handle es sich um Trivialliteratur. Die Lektüre des Ganzen bestätigt den Befund.

Zu meiner eigenen Überraschung bin ich bisher noch nie auf eine unergiebige Seite 99 gestoßen. Allerdings finde ich oft etwas anderes, als ich insgeheim erwartet habe. In William Gaddis‘ Dialogroman „JR“ etwa wollte ich meine Kriterien für die Rede von Romanfiguren überprüfen, doch dann offenbarte die Seite 99 ein Übersetzungsproblem, das fürchten lässt, von Gaddis‘ Stil sei in der deutschen Fassung nicht viel übrig geblieben. Bei Martin Mosebach wiederum waren es nicht die Adjektive, die eine Untersuchung lohnten, sondern die Widerhaken im Satzbau.

Subversivität

Was taugt der Page-99-Test? Spiel oder Ernst? Experiment oder verlässliches Verfahren? Es ist paradox: Obwohl der Page-99-Test keine Rezension ersetzt, verkörpert er das Kerngeschäft der Literaturkritik. Man kann nicht kneifen, denn weder erlaubt er die Flucht in die Nacherzählung noch den schnellen Griff zum Gütesiegel („ein Meisterwerk“ „brillant erzählt“, „stilistisch misslungen“). Er lenkt den Blick auf die Sprache und zwingt zur Stilkritik. Zugleich ist er radikal demokratisch. Vor der Seite 99 sind alle Leser gleich, darin besteht die Subversivität des Page-99-Tests, umso mehr, wenn sich manche Kaiser als nackt erweisen.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

10 Kommentare

  1. Ich habe überhaut kein Problem mit dem Page-99-Test. Ich verstehe jedoch nicht, wieso es ausgerechnet die 99. Seite sein muss. Es könnte doch auch jede andere sein, oder?

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    1. Genau, es könnte auch jede andere sein. Dafür, dass es ausgerechnet die Seite 99 ist, gibt es mehrere gute Gründe, neben dem Reiz der Schnapszahl. Die erste Seite ist nicht repräsentativ für den Stil eines Romans, denn hier ist der Autor noch frisch und zeigt, was er/sie kann. Auf Seite 99 – oder jeder anderen irgendwo im Buch – zeigt sich, ob der Text hält, was die erste Seite verspricht. „Why not look at a book once it has cleared its throat, and is under way?“, so ein Kommentar zum Page-99-Test im Guardian, der das Zitat von Ford 2010 wieder ins Spiel gebracht hat. Man könnte auch Seite 111 oder 222 nehmen, doch nicht jeder Roman hat so viele Seiten.
      Übrigens habe ich die Quelle bei Ford nie gefunden, aus der das Zitat stammt. Ein Artikel sagt, es sei eine Äußerung von 1939, das wäre das Todesjahr. Ich kann mir vorstellen, dass es eine Bemerkung war, die er nebenbei hat fallen lassen.

  2. Literaturreflexion im Sinne des Page-99-Tests ist Prosakritik, d. h. Sprachkritik. Da jeder Roman aus nichts anderem als aus Sätzen besteht, müsste Prosakritik der Kern jeder Romanrezension sein. Es gibt Gründe, dass dies nicht der Fall ist. Wenn Sprachkritik das Zentrum von Romanrezensionen wäre, würde das die Vorgehensweise vieler Romanrezensionen infrage stellen. Diese besteht darin, dass Romane wie Sachbücher behandelt werden, d. h. Sprache und Inhalt werden zunächst methodisch getrennt, um abschließend separat beurteilt zu werden. Je problemloser dies möglich ist, desto sachbuch- bzw. unterhaltungsförmiger der Roman. Diese Verfahrensweise nutzt der kommerziellen Kommunikation von Romanen. Sprachkritik zielt dagegen auf die Untrennbarkeit von Inhalt und Sprache, im besten Fall macht sie den eigentlichen Inhalt der Prosa erst sichtbar. Sprachkritik ist immer auch moralische Kritik, die dann vertretbar ist, wenn sie streng bei der Sache, also bei den Sätzen bleibt. Auf diesem Hintergrund ist verständlich, dass Literaturkritik als Sprachkritik bei Romanrezensenten Irritationen im Hinblick auf ihr eigenes Tun hervorruft.
    Der Page-99-Test ist möglicherweise in jenen Fällen besonders wirksam und interessant, wenn sich Prosa „künstlerisch“ gibt und komplexe Bedeutungen wortreich suggeriert werden. Rezensenten entledigen sich dieser Herausforderung häufig mit dem Adjektiv „sprachmächtig“, was so viel heißt wie: „Ich möchte mir nicht die Mühe machen, genau hinzuschauen, bin aber irgendwie beeindruckt.“
    Allerdings macht sich der Test auch angreifbar, weniger durch seine Konzentration auf sprachliche Details, sondern immer dann, wenn kritische Detailbeobachtungen allzu unvermittelt schwergewichtige Urteile hervorbringen. Etwas mehr Ironie wäre nicht schlecht, der Leser weiß dann schon …

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    1. Sie haben recht, ich sollte mehr Ironie üben bzw. selbige deutlicher sichtbar machen. Da mir beim Schreiben die Grenzen des Tests immer gegenwärtig sind, ich es von vornherein als Experiment betrachte und meine „Verdikte“ nicht ganz ernst meine, vergesse ich manchmal, dass das für Leser, die an Rezensionen gewöhnt sind, autoritärer daher kommt, als es gedacht ist. Es ist zwiespältig: Einerseits das Spiel der künstlichen Perspektive (niemand liest einen ganzen Roman mit der Lupe, außer Übersetzer, die sich beruflich mit jedem Wort beschäftigen müssen), andererseits aber auch mein Schock über das, was ich manchmal entdecke. Es ist ein doppelter Schock: nicht nur über den Text, sondern auch über die Oberflächlichkeit des gewöhnlichen Lesens (meine eigene natürlich eingeschlossen).
      Ihre Beobachtungen zur Trennung von Sprache und Stil finde ich sehr erhellend. Dass man mit dem Bedürfnis nach Stilkritik manchmal ausgerechnet bei Rezensenten Irritationen auslöst, ist ein Alarmzeichen.

  3. Danke, jetzt verstehe ich die Wahl der Seite 99 besser und kann auch das verteidigen.

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  4. (Falls ich dazu jemals in eine Diskussion verwickelt werde). Ich werde den Test auch selbst einmal ausprobieren. Nach welchen Kriterien wählt man dann aber innerhalb der Seite 99 aus? Zufall oder nimmt man den Absatz, der einen am meisten anspricht oder abstößt?

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    1. Das kann jeder selbst entscheiden. Mir geht es dabei um eine Selbstbeobachtung beim Lesen: Was fällt mir auf? Wie „fasst der Text mich an“ (so formuliert es der Übersetzer und tell-Autor Frank Heibert)? Und dann die Frage: Wie ist es gemacht, womit erreicht der Autor diesen Effekt bei mir? Auf einer nächsten Stufe wäre dann nach der Haltung des Autors zu fragen, wie Frank Heibert tut (hier sein Beitrag zur Debatte), doch das lässt sich auf einer einzigen Seite nicht immer bestimmen, hier stößt der Test an seine Grenzen.
      MRR beschreibt das sehr schön in seinem Gesprächsband „Der doppelte Boden“ (mit Peter von Matt): „Schon während der ersten Lektüre bereitet mir das Buch Vergnügen oder langweilt mich, ich bin an der Sache stark interessiert oder sie lässt mich kalt, ich bin begeistert oder entsetzt. Erst etwas später mache ich mir Gedanken über die Ursachen meines Verhältnisses zu diesem Text. Die notwendigen Argumente sind nicht immer gleich da, aber sie lassen sich schon finden.“

  5. J. Christoph Martin 1. November 2016 um 22:14

    Ganz tolles Experiment, man könnte es ausweiten, indem man Seite 199 und 299 zusätzlich hineinnimmt. Oder radikaler nur einen Halbsatz kritisiert,
    Es gibt so viel tu tun!

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  6. Danke für die vielen interessanten Antworten und Hinweise. Sie machen den Test immer spannender …

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  7. Nun – für mich reicht eine Lektüre des ersten und des letzten Satzes.
    Eventuell lese ich nach dem ersten Satz auch noch die erste Seite – aber dann ist mir als Literaturwissenschaftlerin klar, ob es sich um ein außergewöhnliches Buch handelt.
    Das Leben ist zu kurz für mittelmäßige Literatur.
    Mein Lieblingseröffnungssatz (durch den ich zum ersten Mal nach vielen Jahren des Spracherwerbs überhaupt auch nur entdeckt habe, dass das Englische auch eine schöne, musikalische Sprache ist)?
    Lolita.
    Einer der größten Romananfänge.
    Unbedingt lesen – gerade wenn Literatur nicht der eigene Beruf sein sollte.

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