In seinem Buch Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist erzählt der Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist Matthias Eckoldt die Geschichte der Hirnforschung als eine des fortlaufenden Irrtums. Er zeigt, dass die moderne Hirnforschung im Grunde direkt aus der Philosophie hervorgegangen ist. Denn seit der griechischen Antike waren die Philosophen über lange Zeit hinweg zugleich Wissenschaftler, die sich unter anderem für das menschliche Hirn interessierten. Ebenso wie die Philosophie ist die Hirnforschung darauf angewiesen, Metaphern für ihre Thesen und Erkenntnisse zu finden.

Die Vorstellungen vom Sitz der Gedanken und Gefühle, des spiritus animalis, sind dabei zunächst reine Spekulation. Einmal sitzt dieser Geist im Herz, dann in den Hirnventrikeln, manchmal orgelt er und entsteht durch einen Unterdruck im Ventrikelsystem. Zu den Gedanken und Gefühlen kommt die unsterbliche Seele hinzu, auch die will irgendwo im Körper verortet sein. René Descartes war einer der letzten Gelehrten, die ausschließlich spekulativ verfuhren – er wollte den Sitz der Seele intuitiv in der Zirbeldrüse erkannt haben.

Die Hirnforschung – ein Abkömmling der Philosophie

Die Herangehensweise und die Antworten dieser frühen Wissenschaftler mögen uns heute absonderlich vorkommen. Matthias Eckoldt zeigt jedoch, dass die Philosophie sich immer schon darauf verstanden hat, die richtigen Fragen zu stellen, ebenso wie ihr Abkömmling, die Hirnforschung. Er macht auch deutlich, dass die Antworten, welche die Forscher nach dem Stand ihrer Zeit gaben, so verkehrt nicht waren. Um etwa die Frage nach dem Wesen des Gedächtnisses zu beantworten, griff Descartes auf eine zeitgenössische Analogie aus der Mechanik zurück: die Lochmaske, mit der man damals Muster auf Stoffe druckte. Dieses Bild unterscheidet sich nur wenig von den heutigen Vorstellungen über die Speicherung des Gedächtnisinhaltes, wie Eckoldt unter Berufung auf den deutschen Hirnforscher Randolf Menzel feststellt.

Bereits im 12. Jahrhundert fragte sich der Gelehrte und Bischof Albertus Magnus, wie wir in der Lage seien, alle unsere Sinneseindrücke als eine Einheit wahrzunehmen und zu integrieren, obwohl sie doch von unterschiedlicher Qualität sind. Er postulierte einen sogenannten sensus communis, wie Eckoldt darlegt:

Die Neurowissenschaftler suchen bis heute nach dem sensus communis. Das Wunder der Einheit der Wahrnehmung ist in der gegenwärtigen Hirnforschung unter der Bezeichnung „Bindungsproblem“ bekannt.

Das Gehirn als Telegrafenstation

Das Problem, das Albertus Magnus erkannt hatte, ist bis heute nicht gelöst. Mit dem Beginn der Neuzeit kam der große Sprung hin zur Empirie: Der flämische Renaissance-Anatom Andreas Vesal war der Vorreiter, das Zeitalter der Aufklärung mit seinem Fokus auf das Experiment klärte die Fronten endgültig. Man erkannte die tierische, belebte Elektrizität und bald schon die Nerven als Sitz und Produzent schwacher Ströme. Seither ist die spekulative Hirnforschung nur noch in der Esoterik zu finden.

Doch trotz aller Empirie kann die Hirnforschung bis heute nicht auf eine metaphorische Darstellung verzichten. Die zeitgleich mit dem Beginn der Elektrophysiologie etablierten ersten Telegrafenleitungen führten zum Bild des Gehirns als großer Telegrafen-Station. Auch die Kartografie erlebte Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Blüte und wurde bald schon auf das Gebiet der Hirnforschung übertragen: Gehirnlandkarten wurden erstellt, der Sitz der Funktionen postuliert. Im 20. Jahrhundert dann war das Gehirn nach Entdeckung des ersten Neurotransmitters Acetylcholin ein Chemiebaukasten, dem man pharmakologisch zu Leibe rücken konnte, im wahrsten Sinn des Wortes. Später wurde das Gehirn unter dem Einfluss der Kybernetik als ein Computer beschrieben.

Irrtümer der Forschung

Matthias Eckoldt zeigt nicht nur, auf welche Bilder und Metaphern die Hirnforschung im Lauf ihrer Geschichte zurückgegriffen hat. Er geht ihrer Rolle im öffentlichen Diskurs nach: Die Hirnforschung war immer Wissenschaft und Partygerede zugleich.

Über den Hype um das EEG nach dessen Erstbeschreibung durch Hans Berger (1873-1941) schreibt Eckoldt:

Der Zeitgeist steht auf technische Wundertaten, seit das Radio ab Mitte der 1920er Jahre die neuartige Erfahrung ermöglichte, Stimmen aus der Wand zu hören. In diesen geradezu mythischen Kontext wird das EEG eingepasst. Warum sich mühsam einarbeiten in die Schriften ([Bergers]…), wenn man das EEG mit Themen wie Gedankenlesen oder Telepathie verbinden und auflagensteigernde Angstlust beim Leser erzeugen kann?

Auch in unserer Zeit kann man die Spannung zwischen faszinierenden Erkenntnissen und manchmal noch faszinierenderen Schlussfolgerungen seitens des Publikums beobachten, die zwar jeglicher Grundlage entbehren, doch nie der Phantasie. So wurde 1996 ein Bereich im Affenhirn mittels Magnetresonanztomografie sichtbar gemacht, der sowohl bei der Planung einer eigenen Handlung Aktivität zeigt als auch beim Betrachten derselben Handlung bei Anderen. Sofort feuerte auch der Boulevard seine Schlüsse, schneller als jedes Neuron: Mitgefühl entdeckt! Von „Dalai-Lama-Neuronen“ war die Rede. Auch hier lässt Matthias Eckoldt schnell die Luft ab:

Nüchtern betrachtet verlieren die Spiegelneuronen rasch das Spektakuläre, das ihnen angedichtet wurde. Man braucht sich nur die Frage zu stellen, in welcher Weise Zellen etwas über die kulturbildende Empathie des Menschen aussagen können, die auch in Affenhirnen feuern.

Allen, die allzu hurtig mit eindeutigen Erkenntnissen der Hirnforschung reüssieren wollen, sei dieses Buch empfohlen, prägnant und witzig wie es mit seinen Provokationen ist. Denn auch die Erkenntnisse der exakten Naturwissenschaften und insbesondere der Hirnforschung sind nur so lange gesichert, bis neue Erkenntnisse vorliegen – die ihrerseits wieder der Revision harren.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Robert Fludd. Geist und Bewusstsein, 17. Jahrhundert
Via WikimediaCommons
Cover „Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist“: Pantheon Verlag
Angaben zum Buch
Matthias Eckoldt
Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist
Sachbuch
Pantheon Verlag 2016 · 256 Seiten · 14,99 Euro
ISBN: 3570552772
Bei Amazon oder buecher.de
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Von Herwig Finkeldey

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