In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

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Für Westler ist die Lektüre von Binyvanga Wainainas Autobiografie eine Stunde der Wahrheit. Ich habe die Afrika-Klischees in meinem Kopf zu spüren bekommen, und zwar gerade weil sie in diesem Buch fehlen. Alles war neu für mich, nicht nur in dem, was ich erfahren habe, sondern auch in dem, wie es erzählt wird.

Wambui, das 15-jährige Kindermädchen, kommt vom Dorf.

Sie tötet gern Hühnchen. Sie schneidet ihnen den Kopf ab und lässt sie laufen, immer und immer im Kreis herum. Sie lacht, und wir lachen mit. Wir vergöttern sie. Sie hält alles aus, was wir ihr antun, und sie hat mehr auf dem Kasten, als wir geahnt haben. Wir fürchten sie.

Wambui lebt zwischen den Sprachen:

gebrochenes Englisch, umgangssprachliches Swahili, Gikuyu-Tonfall.

Sie verwechselt r und l, und am Wortanfang fügt sie manchmal ein m hinzu.

„Oohh, ich riebe Boney M.!“, sagt sie. Sie fängt an zu singen. Ungebrochen klettert der Buchstabe r auf ihre Gikuyu-Zunge, schlägt gegen das Gaumendach und zerschellt dort in tausend kleine l’s. Nur eins kann überleben. Es düst ihr die Zunge hinunter, ein Akzentjet, und springt hinaus in die Luft: „By the livers of mBabylon.“

Binyvanga Wainainas Lebensbeschreibung umfasst einen Zeitraum von über dreißig Jahren, von den 1970ern bis 2010. Wir begegnen wohlmeinenden Weißen, die Augen haben „so blau wie die von Jesus“ und die in Kenia von niemandem ernst genommen werden. Und wir begegnen den internationalen Journalisten auf ihrer Jagd nach den gängigen Afrika-Stories:

Most Macheting Deathest, Most Treasury Corruptest, Most Entrail-Eating Civi Warest, Most Crocodile-Grinning Dictatorest, Most Heart-Wrenching and Genociding Pulitzerest, Most Black Big-Eyed Oxfam Child Starvingest, Most Wild African Savage Having AIDS-Ridden Sexest with Genetically Mutilatedest Girls…

(Der Übersetzer Thomas Brückner hat solche Passagen in Englisch gelassen, an anderen Stellen kombiniert er das Englische mit der deutschen Übersetzung – ein guter Kompromiss.)

Im Lauf des Buchs verändert sich der Ich-Erzähler, und auch Kenia verändert sich.

Eine neue Redewendung macht die Runde: Black Empowerment. (…) Das Black Empowerment besitzt wie das Gleitschirmfliegen die Fähigkeit, dich auf einer Warmluftthermik ganz nach oben zu tragen.

Drei Seiten später verhandelt der Ich-Erzähler ziemlich unverschämt um Geld, ein Bekannter bietet ihm einen Job an. Und die Wörter fliegen:

„Hmmm“, meine ich, die Augen immer noch bionisch zusammengekniffen, und meine Hände televisionieren „dasistmeineZeitnichtwert“, das deckt nicht mal meine Kosten. Er nickt zustimmend und sein Angebot beginnt in die Höhe zu klettern wie Black Empowerment; kurz darauf gleitschirmt es durch den Himmel, wheee, und mein Magen zieht sich vor Angst zusammen wie ein Wasserloch in der Trockenzeit.

Das alles ist gut übersetzt. Im Original ist es noch schöner, noch jazziger, wilder, musikalischer.

Angaben zum Buch
Binyvanga Wainaina
Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben
Erinnerungen
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Verlag Das Wunderhorn 2013 · 317 Seiten · 24,80 Euro
ISBN: 978-3884234273
Bei Amazon oder buecher.de
Angaben zum Buch
Binyvanga Wainaina
One Day I Will Write About This Place
A Memoir
Graywolf Press 2011 · 256 Seiten · 13,71 Euro
ISBN: 978-1555976248
Bei Amazon

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

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