Vor zwei Jahren klagte Maxim Biller in der Zeit, der deutschsprachigen Literatur fehlten „lebendige literarische Stimmen von Migranten“. Was er lese, sei saft- und kraftlos, die Literaten passten sich an „und kassieren Wohlfühlpreise.“ Als Provokation und Ansporn mag das hingehen, doch inzwischen hat sich die Lage geändert.

Mit seinem Debüt Vor der Zunahme der Zeichen ist der 1984 in Sri Lanka geborene Autor Senthuran Varatharajah eine stille Stimme im Chor der Literatur über Flucht. Obwohl es um Fremdsein und Asyl geht, würde Maxim Biller wohl die Lebendigkeit von Varatharajahs Roman bezweifeln. Kammerspielartig und in ruhigem Ton erzählen die beiden Figuren dieses Buches, der Tamile Senthil Vasuthevan und die Albanerin Valmira Surroi, einander im Facebook-Chat ihre Geschichte. Der komplette Roman besteht aus ihren Dialogen – wir lesen also einzig, was Valmira und Senthil einander berichten, eine Erzählerstimme gibt es nicht.

Er ist Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Noch im Kindesalter waren sie mit ihren Eltern als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – Valmira aus dem serbischen Kosovo, Senthil aus Sri Lanka. Beide eint ihre Fremdheit und die Erfahrungen, die sie in den 80er und 90er Jahren in Deutschland als Asylanten gemacht haben, der alltägliche Rassismus als Reaktion auf die dunkle Hautfarbe, die das Anderssein auf den ersten Blick anzeigt. Deutliche und sichtbare Zeichen.

In der Notunterkunft wird Senthils Familie von den Zeugen Jehovas besucht. Sie helfen beim Asylantrag und Behördengängen, und die Familie tritt der Gemeinschaft bei. Die Behausungen, in denen sie anfangs unterkommen, nennen sie „Asyllandheim“, wie Senthil in seinem durchwegs kleingeschriebenen Chat erklärt:

es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das wort asyllandheim, das nicht nur meine eltern immer noch benutzen, das nach schullandheim, nach ausflug und ausgelassenheit klingt, eigentlich asylantenheim heißt.

Bei diesem Satz stocke ich, denn ich hatte „land“ überlesen. Deutschland als Asylland, Landheim – erst beim zweiten Lesen erkenne ich den Doppelsinn. Immer wieder baut Varatharajah in seine oft lyrisch anmutende Prosa solche Verstörungen ein, er spielt mit der Erfahrung von Differenz.

dass sinn und stoff, dass bezeichnendes und bezeichnetes nicht übereinstimmen (…) dass, wie ich später zu sagen lernte, signifikant und signifikat nicht kongruent sind

– dieser Satz steht, ausgerechnet, auf der Seite 99.

Als Flüchtlingskinder lernen Valmira und Senthil, die Codes der neuen Gesellschaft instinktiv zu erfassen, ihre Zeichen, ihre Sprache und auch die Ausgrenzung. Früh merken beide, dass sie wegen ihrer Hautfarbe auf Ablehnung stoßen. Im Kindergarten macht die Erzieherin Senthil sein Anderssein klar, als die Kinder Menschen malen. Es müssen weiße Kinder sein:

diese farbe nennen wir hier hautfarbe, und wir sprachen es ihnen nach.

Sieben Tage schreiben Senthil und Valmira einander, erzählen sich ihr Leben als Migrantenkinder – solche, die es in der Gesellschaft geschafft haben. Alles was zwischen ihnen passiert, geschieht in Sprache, begegnen werden sie sich nicht. Es ist ein Zwiegespräch ohne Ziel, zwei Geschichten, die am Ende im Leeren verhallen. Ihre Biografien entspinnen sich für den Leser erst nach und nach, aus verschiedenen Fäden weben sich Episoden: Plaudereien über gemeinsame Uni-Bekannte, Geschichten von ihrer Ankunft in der BRD, das Leben in ihrer alten Heimat, die Sorgen der Eltern.

Diese Geschichten und die Reflexionen darüber klingen jedoch keineswegs wie typische Facebook-Dialoge:

Valmira Surroi                                   18:43
Ich weiß nicht warum ich Dir schreibe.

Senthil Vasuthevan                          18:45
die gegenstände, die wir berühren, berühren uns zurück, an stellen, an denen wir taub für sie sind. die dinge, die wir sehen, sehen zurück, an stellen, an denen wir blind für sie sind.
wir fassen sie ins auge. sie stechen uns ins auge.
aber wir merken nichts.

Senthil Vasuthevan                          18:49
ich habe ins leere geschrieben. und du schreibst zurück, an stellen, an denen ich blind und taub für dich bin.

Mit der Messlatte des Realismus würde man diese Dialoge verfehlen, obwohl es in dem Roman auch anrührende Szenen gibt, die einfach erzählen, was ist – etwa wenn Senthil beschreibt, wie er seinem Freund aus Kindertagen wiederbegegnet, der ein Nazi-Skinhead wurde, oder wenn Valmira erzählt, wie die anderen Kinder Angst hatten, sie zu berühren, weil ihre dunkle Haut ansteckend sein könnte wie eine Krankheit.

Wenn uns jemand versehentlich anfasste, lief er im Hof zu den anderen, und mit einer Berührung gab er unsere Erreger weiter.

Varatharajah schildert diese Momente knapp und lakonisch. Hier liegt die Stärke des Romans: Auch die Schilderung aus der ehemaligen Heimat gerät plastisch, die Figuren gewinnen Kontur.

Diese Sprache – eigentlich sind es zwei Sprachen, die von Senthil und die von Valmira – erzählt nicht bloß, sondern sie verdichtet in sprachphilosophischer Weise die Erfahrung von Fremdheit. Häufig aber läuft diese Sprache leer und ergeht sich in raunenden Allgemeinplätzen:

niemand wird wissen, von welchen rändern aus wir sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.

Valmira Surroi                                   08:40
Wir müssen uns zwischen den Zeilen und Zeichen erraten.

Senthil Vasuthevan                          08:41
wir werden uns zwischen den zeilen und zeichen verraten.

Varatharajah spielt ebenso mit der Unschärfe von Sprache wie mit ihrem Zwang, Identität festzuschreiben. Zeichen verweisen, sie zeigen etwas oder stehen in einem Verhältnis der Analogie: „Das V ähnelt der Vulva, der weiblichen Scham“, schreibt Valmira. Doch häufig bleiben solche Beobachtungen abstrakt. Die Diskurse zu den Zeichen gehen über die Theorie nicht hinaus. Wir haben eine in die Literatur hineingepresste Philosophie.

Ebenso sind Alltagsszenen mit einem Anspruch aufgeladen, an dem Varatharajahs Sätze oft scheitern. Wenn Valmira an einem Seminar mit dem Titel „Die Biographie des Asyls – Das Asyl der Biographie“ teilnimmt, dann ist dies ein zu deutliches Zeichen. Oder wenn Senthil in der Schule schreiben lernt und seine Schrift die Linien nicht halten kann – und also Bezeichnetes und Bezeichnendes nicht zur Deckung kommen:

meine sprache verrutschte. und in die zeichen und zeilen ging kein geräusch.

Varatharajah dekliniert Positionen der Sprachphilosophie von Wittgenstein, Peirce und Derrida in Bildern durch, allerdings tut er dies in der Rolle des Skeptikers:

die welt ist, einer gewendeten rede zufolge, alles, was der fall, ein fall sei, vielleicht war es der der sünde.

unsere mutter sagte, so würden wir die sprache erlernen; wenn wir die worte der anderen, wenn wir fremde wörter für die eigenen halten.

Nur in seltenen Szenen wird das Leben dieser beiden jungen Menschen anschaulich. In den Dialogen entstehen keine Bilder, viele Begebenheiten liefern nur einen Vorwand für sprachphilosophische Fragen. Am Beginn des Romans stehen nichtssagende, zerhackte Alltagsdialoge:

Valmira Surroi                                   15:01
Bist Du hier?

Sethil Vasuthevan                            16:03
ich bin auf einer tagung

Sethil Vasuthevan                            16:05
in einer stunde beginnt das panel, auf dem ein freund sprechen wird.

Sethil Vasuthevan                            16:40
ich hatte den raum nicht gefunden und kam zu spät zur einführungsveranstaltung für studierende des neuen masterstudiengangs.

Diesen Chats fehlt etwas. Nach Immanuel Kant sind Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben blind. Diese beiden Ebenen kommen in dem Roman nicht zur Deckung. Zu oft proklamiert der Roman, anstatt im Erzählen zu zeigen, was er philosophisch sagen möchte. Varatharajah hat nicht den einfachen Weg gewählt. Der Roman schwimmt gegen den Strom. Es ist ein schwieriges und seltsames Buch.

Angaben zum Buch
Senthuran Varatharajah
Vor der Zunahme der Zeichen: Roman
Roman
Verlag S. Fischer 2016 · 256 Seiten · 17,99 Euro
ISBN: 978-3-10-002415-2
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Bildnachweis Beitragsbild:
Senthuran Varatharajah
© Gerald Zörner, Fotostudio gezett

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

16 Kommentare

  1. Der Kommentar „Diesen Chats fehlt etwas. Nach Immanuel Kant sind Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben blind. Diese beiden Ebenen kommen in dem Roman nicht zur Deckung,“ ist von außen herangebracht worden. Warum könnte der alte Kant noch interessieren, zumal er sich nicht mit Sprachphilosophie beschäftigte. Es gab sie noch gar. Sie entstand erst allmählich im 19. Jhd., z.B. durch einen Autor wie Gottlieb Frege.Die angeführte Schwierigkeit ist weniger eine allgemein sprachliche, sondern konkret eine poetische. Doch um Poesie hat sich die entstandene Sprachphilosophie wenig gekümmert, zumindest in der Vergangenheit, primär ging es um Fragen im Hinblick auf Semantik, Logik und Wahrheit.

    Was der junge Autor hier macht, sprengt aber diese Sprachphilosophie, den zitierten Passagen nach kommt Assoziation hinzu – und wird relativ beliebig. Er bringt sprachphilosophisch nichts Neues ein, streut lediglich Gelesenes und lässt assozieren. Ich persönlich finde dies alles andere als spannend. Philosophisch nicht, poetisch nicht. Schade.

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    1. Sorry, wegen der Wolfseile!

      Der Kommentar „Diesen Chats fehlt etwas. Nach Immanuel Kant sind Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben blind. Diese beiden Ebenen kommen in dem Roman nicht zur Deckung,“ ist von außen herangebracht worden. Warum könnte der alte Kant noch interessieren, zumal er sich nicht mit Sprachphilosophie beschäftigte. Es gab sie noch gar nicht. Sie entstand erst allmählich im 19. Jhd., z.B. durch einen Autor wie Gottlieb Frege (‚Gottlob‘ kann ich mir nicht merken). Die angeführte Schwierigkeit ist weniger eine allgemein sprachliche, sondern konkret eine poetische. Doch um Poesie hat sich die entstandene Sprachphilosophie wenig gekümmert, zumindest in der Vergangenheit, primär ging es um Fragen im Hinblick auf Semantik, Logik und Wahrheit.

      Was der junge Autor hier macht, sprengt aber diese Sprachphilosophie, den zitierten Passagen nach kommt Assoziation hinzu – und wird relativ beliebig. Er bringt sprachphilosophisch nichts Neues ein, streut lediglich Gelesenes und lässt assozieren. Ich persönlich finde dies alles andere als spannend. Philosophisch nicht, poetisch nicht. Schade.

    2. „Was der junge Autor hier macht, sprengt aber diese Sprachphilosophie, den zitierten Passagen nach kommt Assoziation hinzu – und wird relativ beliebig. Er bringt sprachphilosophisch nichts Neues ein, streut lediglich Gelesenes und lässt assozieren. Ich persönlich finde dies alles andere als spannend. Philosophisch nicht, poetisch nicht. Schade.“

      Ich muss, Herr Matern, zugeben, dass ich nicht mitkomme bei Ihren Spekulationen. Ich gehe davon aus, dass Sie den Text von Senthuran Varatharajah nicht kennen, jedenfalls nicht über die Zitate hinaus? Wenn der „junge Autor“ Grenzen sprengt, ist das doch erst einmal sehr schön. Oder mutig. Oder verwegen. Oder größenwahnsinnig. Oder bekloppt. Und der schöne oder mutige oder verwegene oder größenwahnsinnige oder bekloppte Autor sprengt diese Grenzen, wie immer eigentlich die Grenzen der Sprachphilosophie aussehen und wer sie, zu recht oder zu unrecht, gezogen haben mag, mit Assoziationen? Das ist vielleicht eine angemessene Möglichkeit Grenzen zu sprengen?! Ich kenne mich da nicht so aus. Ich verstehe möglicherweise auch gerade aus diesem Grund nicht, warum es dadurch „beliebig“ wird. Und woher nehmen Sie die Gewissheit, oder die Kühnheit einer Behauptung, dass dadurch nichts Neues kommt: er sprengt doch immerhin sprachphilosophische Grenzen und das macht man ja auch nicht an einem Sonntagnachmittag. Muss eigentlich immer etwas Neues kommen? Und dann, obwohl Sie den Text ja nicht kennen, wissen Sie doch, dass er „lediglich“ Gelesenes einstreut. Also ungefähr so, wie Sie auch. Oder wie haben Sie, wenn nicht lesend, Kant zur Kenntnis genommen? Das ist ja auch ersteinmal nicht so schlimm. Man kann ja nicht immer jede Erfahrung ‚im Original‘ machen, da ist das Lesen und das Anlesen schon eine akzeptable Ersatzleistung. Oder ist, was Sie hier vorbringen, im Gegensatz zu dem von Varatharajah Angelesenen etwas tief empfundenes, Transzendentales womöglich? Und dann lässt der Autor assoziieren? Wen lässt er assoziieren? Und dies „alles“ erkennen Sie, obwohl Sie ja das Buch gar nicht kennen. Und finden es nicht spannend? Der Begriff der Spannung ist möglicherweise nicht ganz der richtige, um Literatur zu beschreiben. Aber Sie, der Sie mehr Spannung wollen, können tatsächlich die philosophische und poetische Impedanz eines, wie der Autor der Besprechung ja betont, komplexen Textes so mir nichts dir nichts, ohne leidige Hilfs- und Messmittel wie etwa das Buch in den Händen, einfach so erkennen?

      Hut ab, Herr Martern. Sie haben sicher Recht, wenn Sie die Bedeutung des bloß Angelesenen herabwürdigen: Es ist einfach unsinnig, sich die Bücher alle vorher mühsam durch- und anzulesen, bevor man sein Urteil fällt.

  2. Lars Hartmann 15. Juni 2016 um 16:52

    Eine poetische Schwierigkeit ist am Ende immer eine sprachliche, sofern es sich um ein Sprachkunstwerk handelt. Worin sie qua Sprache gelöst oder eben nicht gelöst wird. Davon ab, dass Hamann, Herder und Humboldt und wenn man will auch Novalis weit vor Frege schrieben und insbesondere Hamann und Novalis sich genau mit solchen poetischen Fragen herumschlugen, ging es beim Kantbezug nicht um Sprachphilosophie, sondern ich illustrierte, dass bei Varatharajah zwei Bereiche sich nicht decken: Theorie und Erzählung.

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    1. Der Autor gab weder Theorie noch Erzählung, sondern Chat-Gespräche, wie sie selber betonte. Gespräch sind innerhalb der Literatur verbürgt, auch philosophisch. Hamann, Herder und Humboldt und andere haben durchaus über Sprache geschrieben, doch keine Sprachphilosophie betrieben, die übrigens im Text zitathaft auftaucht. Sobald man differenziert, in Umgangsprache, Fachsprachen und in Prosa und Poesie ist keine Sprache mehr vorhanden, die übrig bleiben könnte („Eine poetische Schwierigkeit ist am Ende immer eine sprachliche“). Wer unabhängig davon schreibern möchte, begibt sich in die Umgangssprache.

  3. @ Claus Heck: Ich gestehe Ihnen durchaus zu, dass Sie nicht mitkommen. Auf den sprachphilosophischen Kontext des Buches, der sich in der Rezension entdecken lässt, hatte ich in meinem Kommentar verwiesen. Eine eigene Rezension wollte ich tatsächlich nicht schreiben, lediglich einen Kommentar zur Rezension, auch falls ihnen dies nicht gefallen mag.

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    1. Schade, Herr Matern, dass Sie mich missverstehen. Ich mahnte einen Umgang mit dem Text, und mittelbar natürlich auch mit dem Autor, an, den ich als seriös, sagen wir lieber angemessen, bezeichnen möchte. Sie hingegen suchen lediglich die Seriosität und Angemessenheit Ihres eigenen Textes und Ihrer Person. Das so Beabsichtigte kann es aber in der Auseinandersetzung mit der Literatur nicht direkt, sondern nur über den Umweg geben. Dieser Mühe, der Lektüre nämlich, müssten Sie sich schon unterziehen, sollten Ihre Äußerungen hier nicht nur für Sie allein relevant sein. Das in etwa ist auch die Bedeutung des ‚anderen‘, wenn er mehr als das gespiegelte ‚eigene‘ sein soll. Soweit mein wohlwollender Beitrag zu Ihrer persönlichen Entwicklung, den Sie bitte mit einer kleinen Spende an tell honorieren wollen. Details dazu finden Sie auf der rechten Seite.

      Des Weiteren ist es Ihnen natürlich unbenommen, das in Frage stehende Buch auch zu lesen und dann einen entsprechenden, also angemessenen Kommentar hier zu verfassen, auf den ich durchaus neugierig wäre, vorausgesetzt allerdings, er bedient sich mitunter auch mal eines Argumentes.

  4. Je länger ich hier über den Kantbezug nachdenke, desto besser gefällt es mir, ihn in einer Kritik “von außen“ “heranzubringen“, denn Kant gelingt es auf ganz wundervolle Weise, “Begriff“ und “Anschauung“ aufeinander abzubilden. Anschauungen sind “blind“; Begriffe/Gedanken sind leer – warum dann nicht gleich “stumm“? Kant gewissermaßen mal auch zum Anfassen. Wir hätten auf der einen Seite also Gedanken, Philosophie und Begriffe – auf der anderen Erzählung, Dichtung, Bilder, “Anschauungen“. und hier gelingt Kant, der zwar nicht Sprachphilosoph im modernen Sinne gewesen ist, was unserem Autor oder dessen Protagonisten eben nicht gelingt, nämlich sein Paar zusammenzubringen. Jedenfalls lassen sich aus dem Text – soweit bekannt – keine philosophischen Kriterien herauslesen, damit wir etwa zu urteilen vermögen: hier ist es mehr, dort weniger gelungen. Um Kant, den Schnell- und Vielschreiber, als Schriftsteller übrigens schätzen zu lernen und ihn etwas zu rehabilitieren, empfehle ich, Kant laut(!) zu lesen. Aber wir wollen ja nicht schriftstellerische Tugenden in der Philosophie diskutieren – und das ist auch anhand der vorliegenden Passagen gar nicht zu bewerkstelligen! Beide, Philosophie und Dichtung/Erzählung stehen einander rein äußerlich gegenüber. Wittgenstein, und Derrida so, dass es selbst mir auffiel, kommen ja geradezu mit dem Zaunpfahl winkend vorbei. Die etwaige Aufforderung, Kant zu lesen, impliziert m.E. ja gar kein so sehr vernichtendes Urteil – solches hätte auch weniger freundlich lauten können.

    Gespräche wurden in der Literaturgeschichte, wenn mich nicht alles täuscht, nicht selten (Sallust, Erasmus) für Zwecke der Satire und im Modus der Ironie verfasst, vielleicht ließe sich da noch etwas retten, wie es ja dazu schon bei Karen Duve vorgeschlagen worden ist. Ich befürchte allerdings, dass das auch hier nicht funktionieren wird.

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    1. … „denn Kant gelingt es auf ganz wundervolle Weise, “Begriff“ und “Anschauung“ aufeinander abzubilden.“ Weshalb sollte dieses „Abbilden“, das ich sprachlich übrigens gar nicht verstehe, in diesem Kontext interessant sein?

      Die besondere Schwieigkeit ist, dass die Rezension hier so gut wie nichts mitteilt. Im Deutschland-Radio-Kultur, von Anne Kohlick, war – wie ich gerade las -, von zwei Geisteswissenschaftlern und Flüchtlingen die Rede, die besonders die deutsche Sprache thematisieren, im Kontext ihrer Migration (http://www.deutschlandradiokultur.de/senthuran-varatharajah-vor-der-zunahme-der-zeichen-der.1270.de.html?dram:article_id=348514) …

      Vielleicht könnte dieser Hinweis auf einen intellektuellen Schnack beim Lesen behilflich sein …

  5. Lars Hartmann 18. Juni 2016 um 20:56

    Lieber ziggev, nein, als Satire oder im Ironie-Modus kann man Varatharajah nicht lesen. Nicht einmal in einer Lektüre der Dekonstruktion.

    Für die Literatur gilt allemal: Die in den Text hineingepresste Intention gereicht dem Text meist zum Nachteil. Aber das wäre ein anderes Thema

    Kant zeigt in der Tat auf anschauliche Weise im Modus des Begriffs, wie es sich verhält, wenn zwei Bereiche nicht zur Deckung kommen: Sinnlichkeit und Verstand. Wobei man den Kantischen Dualismus wiederum kritisieren kann.

    Kant laut zu lesen, rate ich ebenfalls, und sein literarisches Talent zeigt sich in der frühen Schrift „Träume eines Geistersehers“; ebenso in seiner späteren „Anthropologie“.

    _______________

    Reinhard Matern, wie Claus Heck bereits schrieb, ist es interessant, dass Sie über ein Buch urteilen, was sie nicht gelesen haben. Und das zudem anhand einer Rezension, die nichts mitteilt. Dies scheint mir ein wenig widersprüchlich.

    Wenn Sie übrigens etwas zu Herder lesen wollen, können Sie sich beim Felix Meiner Verlag eine Aufsatzsammlung von Herder bestellen. Das Buch heißt – nun raten Sie mal: „Sprachphilosophie“. Merkwürdiger Titel.

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    1. @ Lars Hartmann: Der Band „Sprachphilosophie“ von Herder ist ein Sammelband, dem ‚Sprachphilosophie‘ zugesprochen wurde, mehr nicht. Der Titel der Sammlung ist eine spätere Zugabe.

      Das Zitat aus dem Text: „die welt ist, einer gewendeten rede zufolge, alles, was der fall, ein fall sei“ erinnerte mich stark an den jungen Wittgenstein, auch wenn im Fortgang des Textes assoziativ von Sünde die Rede ist, dies nichts mehr mit Wittgenstein zu tun hat.

      Und dass ich anhand von Rezensionen, auch anhand Ihrer Rezension, etwas erfahren möchte, was ist daran widersprüchlich? Weil ich von Ihrer Rezension nichts halte? Es ist schwierig! Aber ok.

  6. Lars Hartmann 20. Juni 2016 um 8:11

    Eine Übung zur Recherche:
    1. Deutsche Sprache im Kontext von Migration: „Diese Sprache (…) erzählt nicht bloß, sondern sie verdichtet in sprachphilosophischer Weise die Erfahrung von Fremdheit.“

    2. Sprachphilosophie: Johann Gottfried Herder „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“.

    Übrigens wählen Verlage die Titel meist in der Art, daß sie mit dem Buch etwas zu tun haben. Heißt ein Buch „Einführung Ethik“, finden Sie darin wenig zur Ästhetik. So auch der Felix Meiner, der meines Wissens kein Kleinverlag ist und in Philosophie einiges Renommee besitzt.

    Ansonsten, Herr Matern, wäre es schön, hilfreich und gut, wenn Sie in ihren Kommentaren auf tell es schaffen, keine Schulnoten zu vergeben und ebensowenig ihre Befindlichkeiten kundzutun, sondern wenn es tatsächlich zu einer inhaltlichen Diskussion über ein Buch käme, wie es dem Salongedanken dieses Projekts angemessen ist, und wenn sich eine Literaturdebatte entspinnt, die nicht bloß in „Daumen hoch – Daumen runter“ sich erschöpft. Solches Gespräch setzt allerdings die Lektüre des Buches voraus.

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  7. @ Lars Hartmann

    Ich stimme mit Ihnen natürlich darin gänzlich überein, dass der Literatur aufgezwungene, ihr fremde Absichten diese Kunstform verunstalten. Umgekehrt gilt dies nun zwar nicht – ich denke an literarische Werke, deren manchmal sogar denunziatorische Absicht vor allem und zu erst literarisch mit den Mitteln der Satire, der Ironie belebt werden, welche ihnen erst die ihnen dann ganz eigene Strahlkraft verleihen. Meiner begrenzten Kenntnis der Literaturgeschichte wegen bin ich darauf angewiesen, hier auf den antiken aber nicht minder lesenswerten Dramatiker Aristophanes zu verweisen (bitte nicht Böhmermann).

    Doch frage ich mich, ob nicht genau hier der Kritikpunkt liegt, also die Frage, ob nicht in diesem speziellen Falle die „in den Text hineingepresste Intention […] dem Text meist zum Nachteil“ gereicht ? Ich möchte mir noch einmal eine Ihrer ja gelungenen Formulierungen aneignen, „anstatt im Erzählen zu zeigen, was er philosophisch sagen möchte“, d.h., etwas philosophisch sagen zu wollen, es dann aber unglücklich in Literatur verwandelt zu haben.

    Genau hier liegt imho der Grund der Kritik. So sehr ich Verwirrungstifter wie Derrida liebe (ohne auch je ein Wort von ihnen verstanden zu haben), genauso wenig liebe ich aber diejenigen, die diese Verwirrung zum Prinzip erheben.

    Ist das dann Literatur? – Ich bleibe skeptisch.

    Antworten

    1. PS.: vielen Dank für meine tägliche Kant-lautlese-PRAXIS

    2. sorry, der andere Kommentar wurde versehentlich abgesendet, aber für alle Fälle: Vielen Dank für die Anregung für meine tägliche Kant-lautlese-Praxis !!

  8. @ Lars Hartmann: Mehr als ein Angebot, Sprachphilosophie hinzuzuziehen, zumal sie im Buch flapsig thematisiert wird, kann ich nicht machen. Wenn Sie glauben, Ihnen reichen die Altertümer von Kant und Herder, will ich Sie nicht weiter belästigen.

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