Julia Weber schreibt in Bögen. Daraus entsteht ein Text, der an- und abschwillt. Er summt wie das Rauschen von Wind in den Bäumen. Oder wie der Atem einer computer­getriebenen Soundmaschine. Wer das liest, atmet unwillkürlich mit – und wird in den Bann der Geschichte der beiden Geschwisterkinder Anais und Bruno gezogen.

Immer ist alles schön ist das Debüt von Julia Weber. Die Autorin hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. Davor absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin, außerdem ist sie Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe „Literatur für das, was passiert“. Wer will, kann daraus einiges über das Buch erfahren. Es ist mit einem Engagement geschrieben, das ersten Büchern eigen ist. Die Mitgliedschaft der Autorin bei „Literatur für das, was passiert“ gibt einen Hinweis darauf, dass es in dem Roman um alltägliche Dinge geht. Ihre Ausbildung als Fotografin spiegelt sich in den passgenauen Beschreibungen flüchtiger Momente ebenso wie in den Handzeichnungen der Autorin, die in dem Buch abgedruckt sind: abstrakte Illustrationen einzelner Szenen, die sich zu einem Bilderbuch ohne Worte zusammenfügen. Am Schluss kann man noch einmal alle Stationen des Erzählten nachschlagen.

Ein Tanz und noch ein Tanz

Der Roman besteht aus sieben Blöcken, die im Titel jeweils die Richtung der Geschichte vorwegnehmen: Innen – Maria – Außen – Mutter – Verschwinden – Nichts – Welt. Die einzelnen Blöcke sind wiederum in Kapitel unterteilt, deren erste Sätze fett gedruckt beginnen, ganz so, als würde jemand mit lauter Stimme loslegen und dann schnell wieder leise werden, um bloß nicht aufzufallen.

Denn was erzählt wird, ist drastisch genug. Der Roman hätte gut und gerne auch Immer ist alles Scheiße heißen können. Tochter Anais beginnt. Sie schildert einen spontanen Urlaub vor den Toren einer nicht näher bezeichneten Großstadt. Schon der erste Satz gibt die Fallhöhe vor. Während sich Anais einen Urlaub weit weg vom Alltag und mit Lagerfeuerromantik vorstellt, wünscht sich ihr kleiner Bruder nur eins: „einen Urlaub ohne Alkohol“. Womit wir bei der Mutter sind, die diesen Wunsch gerade einen Tag lang erfüllen wird. Immerhin gibt es einen Campingplatz am See und Sommerwetter. Doch die Mutter kommt den Kindern schon bald abhanden. Einmal noch suchen Anais und Bruno nach ihr:

Wir haben auf dich gewartet, du sagtest, einen Tanz, sage ich. Es ist ja ein Tanz, sagt sie, es ist hier ein großer Tanz, und er tut mir gut, dieser Tanz, ich brauche jetzt unbedingt genau diesen einen Tanz und noch was zu trinken und noch einen Tanz. Ich will noch einen Tanz, den brauche ich auch wegen euch, unter anderem auch wegen euch. Ich finde, ich habe ihn mir verdient, so einen Tanz, einen Tanz, sagt sie. Geht heim, meine Tierchen, geht heim.

Zurück in der Stadt ist die Mutter immer noch geistig abwesend. Vielleicht, weil sie sich nach dem Tanz und nach den Männern am See sehnt. Vielleicht weil sie nicht bei sich zu Hause sein kann. Sie ist eine Getriebene, die sich nur zu gerne von sich selbst verabschiedet. In den Alkoholrausch, in lange Nächte, in die Depression. Nicht sie ist es, die die Kinder behütet, sondern umgekehrt. Die Kinder kümmern sich um ihre Mutter wie um ein angeschossenes Reh. Sie bringen sie durch die Tage – bis die Mutter eines Tages verschwindet.

Innere Leere

In den drei kursiv gedruckten Textblöcken Maria – Mutter – Nichts erzählt die Mutter: zuerst von ihrer Schwangerschaft mit Anais, ein Versehen, durch das sie in die Ehe mit dem Vater des Kindes getrieben wird und eine Katastrophe. Denn das, was Sicherheit bedeutet, ist für Maria ein Graus. Der Mann bleibt ihr fremd, außer in den wenigen Augenblicken körperlicher Nähe. Im zweiten Teil ist Anais schon auf der Welt. Und alles wird noch grauenvoller. Die Zeit mit ihrem Kind erlebt Maria als Isolation, ihre Langweile steigert sich ins Unermessliche. Im dritten Teil passiert dann das, wovor Maria sich selbst und die Kinder stets gewarnt hat: Sie wird so müde, dass sie eines Tages nicht mehr aufstehen kann. Ihre Erzählung, die aus ihrer inneren Leere kommt, muss monoton bleiben. Insofern sind die Stränge, die die Mutter erzählt, mühevoller zu lesen als die Berichte von Anais. Denn auch wenn sich das Kind schon weitestgehend aus der Realität herausgezogen hat, beobachtet es genau. Die Schlüsse, die es zieht, sind logisch, wenn auch nicht immer mit der Realität vereinbar. Sie sind der eigentliche poetische Inhalt des Buches.

Verlorenheit poetisch zu beschreiben, ist ein Wagnis. Denn alle Versuche, soziale Missstände abzuschildern, müssen an der subjektiven Perspektive scheitern, oder an ihrem Gegenteil, dem Blick von außen. Dagegen greift der Vorwurf zu kurz, Anais und auch ihr Bruder Bruno würden nicht wie Kinder sprechen. Verwahrloste Kinder tragen meist schon das ganze Wissen über ihre Misere in sich: als Bilder, als Gerüche und als komplexere Wahrnehmungen.

Mutter wirft ihre Zigarette in eine Blumenkiste, kommt in die Küche, küsst den Mann, legt dann ihr Gesicht an die Scheibe. Die Zigarette raucht in der Blumenkiste; Mutter nimmt den Kopf von der Scheibe, und es bleibt ein Fettfleck.

Zum Schluss hin allerdings rollt Julia Weber die Geschichte zu weit aus. Der Mann vom Sozialamt wird zu lieb, die Nachbarin vom unteren Stock zu skurril. Vielleicht sind diese Passagen als märchenhafte Einschübe gedacht. Aber ein Märchen ist etwas anderes, als eine bildhaft geschilderte Katastrophe. Als „sie“ – wahrscheinlich Polizisten – im letzten Satz die Balkontür einschlagen, bin ich erleichtert.

Angaben zum Buch
Julia Weber
Immer ist alles schöm
Roman
Limmat Verlag 2017 • 256 Seiten • 24 Euro
ISBN: 978-3-85791-823-0
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis:
Beitragsbild: © Stephanie Jaeckel
Buchcover: Limmat Verlag

Von Stephanie Jaeckel

Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Autorin von Sach-Hörbüchern für Kinder.

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