In der Reihe „Bild für Bild“ erklären Illustratorinnen und Illustratoren, wie ihre Bilder entstehen. Aus einem Gespräch über das jeweilige Bilderbuch entwickelt tell einen fortlaufenden Text – in Absprache mit dem Gesprächspartner.

Berühmt wurde Thé Tjong-Khing mit seinem Wimmel-Suchbuch Die Torte ist weg. Ein Detektivspiel ohne Worte und voller Überraschungen: Je länger man die Bilder anschaut, desto mehr Geschichten entdeckt man darin.

Zum 500. Todesjahr von Hieronymus-Bosch hat der Moritz-Verlag dem chinesisch-niederländischen Illustrator vorgeschlagen, sich von Boschs Gemälden zu einem neuen Wimmel-Suchbuch anregen zu lassen. Entstanden ist eine dramatische und weit verzweigte Heldengeschichte – aufregend für jedes Alter.


„Ich hatte mich früher nicht besonders für Hieronymus Bosch interessiert, doch als ich mir nun im Museum die Bilder anschaute, war ich fasziniert. Unglaublich, was hier alles geschieht! Es ist eine Bilderwelt, in der ich mich sehr zu Hause fühle. Denn ich mag keine netten Geschichten.

Bild 1

Für dieses Bilderbuch brauchte ich einen Bösewicht und eine Kinderfigur, die nicht ahnt, mit wem sie es zu tun hat. Das weiß nur der Betrachter.

Bild 3

Von allen seiten droht dem Jungen hier Gefahr. Er steht am verletzlichsten Ort, nämlich genau dort, wo sich die beiden Bild-Diagonalen kreuzen. Welches Monster muss er fürchten? Den Drachen, der aus der Grotte kommt? Die vielbeinige Echse? Das grüne Reptil mit dem Hut?

Woher stammt der Hut, den das grüne Monster aufhat? Bei meinen Bilderbüchern muss man zurückblättern, um die Geschichte zu verstehen.

Bild 2

Etwas ist geschehen. Doch das wird nicht gezeigt. Das grüne Reptil hat den Hut geklaut –  und den vorherigen Besitzer gefressen!

Der Bösewicht meiner Geschichte ist geheimnisvoll, denn er kann seine Gestalt verändern. Er oder sie ist ein Drache, eine schöne Dame, eine Hexe.

Bild 6

Das Buch beginnt mit hellen Farben und führt in die Dunkelheit. Hier betreten die Figuren die dunkle Seite der Geschichte: Sie gehen auf dem hellen Steg in die finstere Wolke. Die Zukunft ist ungewiss. Auf diesem Bild dient die Diagonale dazu, Distanz zu schaffen.

Bild 7

In der Höhle der Hexe ist es dunkel, doch das helle Licht wirft dramatische Schatten. Das Feuer im Hintergrund habe ich nur wegen der Stimmung hingemalt, es gibt dafür keinen logischen Grund.

Die Hexe ist praktisch: Sie hat die langen Haare hochgesteckt, damit sie ihr nicht in die Suppe fallen. Ihr Rezeptbuch verrät, warum sie den Jungen entführt hat. Dieses Bild lässt erkennen, dass die Übeltäterin nicht einfach böse ist. Sie hat auch eine gewisse Tragik. Sie will schön sein, das sehen wir am Schminktisch rechts außen. Ein paar Seiten später wird sie Lippenstift tragen und lackierte Zehennägel.

Bild 8


Bild 4

Ich habe mir in diesem Bilderbuch ein paar private Witze erlaubt, die vielleicht nie jemand entdecken wird. Zwischen dem Bild oben und dem Bild unten ereignet sich in zehn Stationen die ganze Heldengeschichte des Jungen.

Bild 9

Ob beim Blättern jemand bemerkt, was in der Zwischenzeit mit der Hecke geschehen ist?

Mein Bilderbuch ist voll von Zitaten aus den Gemälden von Hieronymus Bosch. Das schwarze Vielfüßler-Monster auf dem ersten Bild beispielsweise habe ich von Bosch übernommen. Allerdings war es bei Bosch viel kleiner, es ist nur eine Raupe.

Dass die Kinder die Bezüge zu Bosch nicht erkennen, macht nichts. Sie konzentrieren sich auf die Geschichte des Jungen, der sich so unaufhaltsam in Gefahr begibt – und den sie so gerne retten möchten.“

Angaben zum Buch
Thé Tjong-Khing
Hieronymus. Ein Abenteuer in der Welt von Hieronymus Bosch
Bilderbuch
Moritz-Verlag 2016 · 48 Seiten · 14,95 Euro
ISBN: 978-3895653216
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Von Redaktion

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