Gleich am Anfang dieses Theaterabends erleben wir eine diskrete Irrititation. Ein Pianist (Bendix Dethleffsen) spielt das Thema des Variationensatzes von Beethovens Klaviersonate op. 109. „Gesangvoll mit innigster Empfindung“, so lautet Beethovens Spielanweisung. Das Thema, eine Sarabande, besteht aus vier mal vier Takten, von je drei Vierteln Dauer. Mitten in der dritten Viertaktperiode jedoch springt der Pianist an den Anfang zurück und beginnt von vorn. Wir hören einen Loop, wie in der Warteschleife am Telefon.

Wenn man die Sonate nicht kennt, fällt es einem möglicherweise gar nicht auf. Man spürt ein leichtes Gefühl der Verunsicherung, doch dann geht wieder alles seinen gewohnten Gang. Denn die Anschlüsse in diesem bizarren Zusammensetzspiel wirken zunächst einmal plausibel. Die Melodie strebt an dieser Stelle tatsächlich zum Anfangston des Themas hin. Harmonisch kann man die Bruchstelle als Trugschluss deuten, auch wenn das im Kontext der Komposition keinen Sinn ergibt.

Was hingegen völlig auf der Strecke bleibt, ist der Verlauf der Form. Selbst der Dreivierteltakt wird zerhackt, am Schluss fehlt ein Viertel. Das Ganze erinnert an Erik Saties Konzept der „musique d’ameublement“: die Zeitkunst Musik wird zu einem Ding, einem Möbel, in diesem Fall zu einem feierlichen Klangteppich mit dem intellektuellen Flair, das dem Markenzeichen „später Beethoven“ anhaftet. Der Trick mit der Endlosschleife macht die Musik verfügbar: Als Filmmusik oder bei der Untermalung von Werbetrailern kann man sie den zeitlichen Gegebenheiten beliebig anpassen. Das drückt aber auch eine Geringschätzung gegenüber der Musik aus. Sie ist nicht mehr autonomes Ereignis sondern nur noch Hintergrund. Genaues Zuhören lohnt sich nicht mehr, denn es ist ja eh alles dasselbe.

Doch auch das Gegenteil ist denkbar: Die Wiederholung drückt unsere Begeisterung über das Schöne aus. Die Musik ist zwar eine Zeitkunst, dennoch spüren wir beim Hören die Sehnsucht nach dem Unvergänglichen, „the retardation of decay“ wie es der Komponist Herbert Brün (1918-2000) formuliert.

Es ist der Geist, der edle und bessere Menschen zusammenhält auf diesem Erdenrund und den keine Zeit zerstören kann.

Mit diesen Worten widmete Beethoven die Sonate op. 109 der 19-jährigen Maximiliane Brentano. Ist das, das wir auf der Bühne erleben, eine (absichtlich) einfältige Umsetzung dieser Utopie? Vielleicht ist der Pianist auf der Bühne einfach hingerissen von den Klängen und er spielt den Beethoven-Loop beseelt von dem Wunsch, die innigste Empfindung möge nie ein Ende haben – ganz wie ein Schlagerfan, der seinen Lieblingssong auf Endloswiederholung setzt.

Wird Beethoven hier malträtiert, oder wird ihm Reverenz erwiesen? Christoph Marthalers Theaterkunst verweigert die Interpretation. Eine bekannte Sonate wird ein wenig manipuliert. Die Deutung dieser Verfremdung bleibt den Zuschauern überlassen. Für unsere Auseinandersetzung mit Beethovens Musik ist das ein Gewinn.

Beitragsbild:
Christoph Marthaler: Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter. Szenenbild
Copyright: Walter Mair, Basel
Tomas Bächli

Von Tomas Bächli

Pianist und Musikschriftsteller, lebt in Berlin.

Ein Kommentar

  1. Oder wie es der Komponist Prince einmal nannte „Joy of Repetition“…

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