In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

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Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee.

Wer sich mit Warlam Schalamow (1907-1982) in den GULag am eisigen Fluss Kolyma begibt, wird als Leser nicht geschont: „Das Lager ist eine Negativerfahrung, eine negative Schule, es wirkt zerstörerisch auf alle – auf Natschalniks und Häftlinge, auf Begleitposten und Zuschauer, auf Passanten und Leser von Belletristik.“ So Schalamow in seinem Essay Über Prosa. Die Intensität der Erzählungen geht an die Grenze des Erträglichen: Schalamow zieht auch die Leser in den Vernichtungssog dieser negativen Schule.

Golubew erinnerte sich an das große Krankenzimmer im Bergwerk, wo er vor einem Jahr gelegen hatte. Dort wickelten beinahe alle Kranken nachts ihre Verbände ab, streuten rettenden Schmutz hinein, echten Schmutz vom Fußboden, kratzen die Wunden auf, brachten sie zum Eitern.

Mich berührt die dichte Sprache, in der Schalamow vom Überlebenskampf erzählt. Er konzentriert sich auf die Beschreibung des Körperlichen, des Sichtbaren, um eine Welt darzustellen, in der er siebzehn Jahre seines Lebens verbracht hat – manchmal dem Tod näher als dem Leben. Unerbittlich konfrontiert Schalamow den Leser mit Arbeit, Hunger, Kälte. Unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen bleibt nur Raum für Handlungen, die zum Überleben notwendig sind. Immer wieder markiert die Nahrungsaufnahme den Höhepunkt einer Erzählung und erscheint in einem ungewohnten Licht, wie zum Beispiel in der (vom Autor erdachten) Beschreibung der letzten Mahlzeit des sterbenden Ossip Mandelstam, der schon zu schwach zum Kauen ist.

Das Stück Brot war zergangen, verschwunden, und das war ein Wunder – eines der vielen hiesigen Wunder. Nein, jetzt regte er sich nicht auf. Doch als man ihm seine Tagesration in die Hände legte, umfaßte er sie mit den blutleeren Fingern und preßte das Brot an den Mund. Er biß das Brot mit den Skorbutzähnen, das Fleisch blutete, die Zähne wackelten, doch er spürte keinen Schmerz. Mit aller Kraft preßte er das Brot an den Mund, stopfte es sich in den Mund, lutschte es, riß und nagte…

An der Schwelle zum Tod erscheint die Fähigkeit, ein Stück Brot zu essen, als Wunder. Nüchtern nimmt Schalamow den Brotverzehr unter die Lupe. Ganz nah werden wir herangeholt an die Anstrengung des sterbenden Dichters, das Brot mit blutleeren Fingern an den Mund zu pressen. Der Schmerz beim Versuch, das Brot mit wackelnden Zähnen und blutendem Zahnfleisch zu kauen, wird fühlbar. Und dann erfahren wir, dass Mandelstam dem Tod schon so nahe ist, dass er keinen Schmerz mehr spürt. Mit unaufgeregter Genauigkeit nähert sich Schalamow dem beinahe schon vernichteten Leben eines Menschen an. Er beschreibt, wie der Sterbende am Brot lutscht, reißt und nagt. Gerade in der Nüchternheit der Erzählungen tritt die entmenschlichende Brutalität des Lagers prägnant hervor.

Es handele sich „um eine Prosa, die durchlitten ist, wie ein Dokument“, schreibt Schalamow in Über Prosa. Er übt Kritik am Totalitarismus, jedoch ohne Sentimentalitäten oder humanistische Belehrungen, wie man sie etwa bei Solschenizyn findet. Schalamow setzt auf die Eindringlichkeit der Bilder, auf die Wirkung der anschaulich gemachten Erfahrung, und darin liegt seine literarische Leistung. Seine Kritik an den Lagern beansprucht Gültigkeit über die Grenzen des GULag hinweg.

Das wird deutlich an Erzählungen wie „Das Kreuz“, deren Handlung sich außerhalb des Lagers in einer Stadt abspielt. Wir werden Zeugen einer Szene aus dem Leben der Eltern eines Häftlings. Ein blinder Geistlicher und seine Frau leiden an Armut und Hunger. Sie müssen das Gold vom Christuskreuz hacken, um sich Lebensmittel zu kaufen.

Das Kreuz lag mit dem Figürchen nach unten. Der blinde Geistliche ertastete das Kreuz und holte mit dem Beil aus. Er tat einen Schlag, und das Kreuz sprang ab und klirrte leise auf dem Boden – der blinde Geistliche hatte danebengeschlagen. Der Geistliche ertastete das Kreuz und legte es wieder auf denselben Platz, wieder hob er das Beil. Diesmal verbog sich das Kreuz, und ein Stück davon ließ sich mit den Fingern abbrechen Eisen ist härter als Gold – das Kreuz zu zerhacken erwies sich als gar nicht schwer.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Warlam Schalamow 1929
Via WikimediaCommons
Cover „Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1“: Matthes & Seitz Berlin
Cover „Über Prosa“: Matthes & Seitz Berlin
Angaben zum Buch
Warlam Schalamow
Erzählungen aus Kolyma
Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Matthes & Seitz Berlin
Band 1 (2007), Band 2 (2009), Band 3 (2010), Band 4 (2011)
Bei Amazon oder buecher.de
Angaben zum Buch
Warlam Schalamow
Über Prosa
Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Matthes & Seitz Berlin · 144 Seiten · 12,80 Euro
ISBN: 3882216425
Bei Amazon oder buecher.de
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Von Paul Hohn

Lebt und studiert in Berlin.

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