In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

Die "Drei Sprünge des Wang-lun" von Alfred Döblin, Fischer Taschenbuch

Die drei Sprünge des Wang-lun (1915), Alfred Döblins expressionistischer Erstling, ist der Roman einer Bewegung. Es geht um Körper, um Menschenmassen und wie sie zueinanderfinden, eigene Dynamiken entwickeln und größer werden wie Schneebälle, die einen Hügel hinabrollen. Eine grauenhafte Vorstellung: die Menschenlawine. Doch genau das interessiert Döblin: Was passiert, wenn Menschenmassen aufeinanderprallen, kollern, sich in Bewegung setzen?

Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein unaufhörliches Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die Kräftigen hielten vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie liefen besinnungslos. Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten Vagabunden auf dem Rücken. Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein welliges Tal völlig schweigend in einer Linie, die nach hinten breiter wurde; die Starken wie Windhunde voran, ohne Gedanken an die Folgenden.

Döblins Romandebüt ist ein literarisches Wimmelbild. Er beschreibt gewaltige Szenarien, hebt allerdings auch einzelne Schicksale heraus. Eine Menschenmenge besteht aus Individuen, die sich zusammenschließen, um ihre Gedanken und Handlungen zu teilen. Nur dem titelgebenden Wang-lun, einem Mörder, Tagedieb und Bettler, gelingt es immer wieder, im Körperchaos abzutauchen. Fast wie in dem Kinderbuch Wo ist Walter versteckt sich der Hauptprotagonist hinter Dutzenden Begleitern. Er ist beinahe unsichtbar. Denn er ist der steckbrieflich gesuchte Kopf einer Rebellion. Die Maxime seiner Bewegung, den „wahrhaft Schwachen“, lautet:

Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut an uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den Äckern, Straßen, Bergen, von den alten Leuten gehört, daß nur eins hilft gegen das Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch verschlingen. Ich glaube, liebe Brüder, und ich will mich daran halten: dass der allmächtige Weltenlauf starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung abweicht. Wenn ihr kämpfen wollt, so mögt ihr es tun. Ihr werdet nichts ändern, ich werde euch nicht helfen können. Und ich will euch dann, liebe Brüder verlassen, denn ich scheide mich ab von denen, die im Fieber leben, von denen, die nicht zur Besinnung kommen.

Im historischen China des 18. Jahrhunderts situiert, beschreibt der Roman, wie die Rebellion an Macht gewinnt, die Richtung verliert, ihre Ideale verrät. Ein scheinbar natürlicher Kreislauf. Auch der echte Wang-lun hat im Jahr 1774 eine Rebellion gegen den chinesischen Kaiser angezettelt, die blutig niedergeschlagen wurde. Doch von dieser Geschichte ist nur wenig bekannt. Die Leerstellen nutzt Döblin, um ein mystisches China zu beschwören. Der Leser wird mit einer faszinierenden, bunten Fremde konfrontiert, die rätselhaft, sogar unverständlich ist, denn der Erzähler erklärt nichts.

An anderer Stelle hingegen ist Döblin explizit. Als Arzt konnte er vor allem die Mängel des menschlichen Körpers beschreiben. Wie in einem Bild von Otto Dix werden Beulen, Krampfadern, Gebrechen und Wunden hervorgehoben, das scheinbar Unästhetische zum Kern der Ästhetik erkoren:

Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblähten Gesicht herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde. Dicke runde Wülste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshälfte. Die Lider geschlossen; aber in eigentümlicher Weise hatte sich ihre Schwellung verloren, so dass neben der kloßförmigen Nasenwurzel zwei grünlich schimmernde Höhlungen sich in den Schädel senkten.

Auch das gehört zum Körper: der Verfall. Vielleicht ist Die drei Sprünge des Wang-lun kein einfaches Buch. Doch der Aufwand lohnt sich. Denn nirgendwo sonst ist eine so schöne Absage an den Leistungsgedanken unserer Zeit formuliert wie im Tao, das Wang-lun lehrt:

Nicht handeln; wie das weiße Wasser schwach und folgsam sein; wie das Licht von jedem dünnen Blatt abgleiten.

 

Angaben zum Buch
Alfred Döblin
Die drei Sprünge des Wang-lun
Roman
Fischer Taschenbuch 2013· 528 Seiten · 10,99 Euro
ISBN: 978-3596904600
Bei Amazon oder buecher.de
Beitragsbild:
„Getting higher“ von Libertinus Yomango
Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Von Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor.

Ein Kommentar

  1. Das erste Zitat erinnert mich an Brueghelbilder. „Masse“ ist ja ein fesselndes Thema, auch behandelt bei Canetti, Guardini, Ortega y Gasset, in Filmen wie Metropolis, etc. Aber am meisten wurde ich bei dieser Besprechung an ‚Barnaby Rudge‘ von Dickens erinnert, der eindringlich die Formierung der Revolte (Gegenbewegung zur ‚Bloody Mary‘ im England des 17.Jhdts.) schildert und thematisch einige Parallelen aufzuweisen scheint, auch was die Anführerfigur betrifft. Hier ist es Gordon, der mir als schwacher, unkluger Aristokrat in Erinnerung geblieben ist; der ‚Held‘ Reuben ist dagegen eine Art Simplizissimus, gar nicht unähnlich dem Franz Biberkopf, der mitgerissen wird. (Müsste ich alles nochmal prüfen, ist lange her. Der Leser arbeitet ja immer kreativ mit an der Literatur, wenn er liest.)

    Noch stecke ich in „Berlin Alexanderplatz“, und auch da gefällt mir, wie Döblin die Bewegung sprachlich umsetzt, beispielsweise, wenn er Werbeplakate zitiert, wie sie nebeneinander an Häuserfassaden und auf Litfaßsäulen auftauchen mögen, während Franz Biberkopf sich durchs Viertel schiebt, und Geräusche des Verkehrs einflechtet.

    Der Mensch als (leidende) Kreatur ist ein weiteres starkes Motiv.

    Ein schöner Anstoß zum Lesen und Denken. Danke.

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